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Vertreibung und Exil der jüdischen Ärzteschaft in Wien ab 1938

Foto: ke77kz/GettyImages, stockcam/GettyImages, paci77/GettyImagesTeil 1 einer dreiteiligen Mini-Serie anlässlich der MedUni Wien-Veranstaltung „Anschluss im März 1938: Nachwirkungen auf Medizin und Gesellschaft“ widmet sich dem Exilland Großbritannien. (CliniCum 01-02/18)

Mit dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich 1938 kam es in der Wiener Ärzteschaft zu dramatischen Veränderungen. Die Ausschaltung der Ärztinnen und Ärzte, die nach den Nürnberger Rassegesetzen als „jüdisch“ galten, ging in rasantem Tempo vor sich – die in den Spitälern tätigen Ärzte verloren meist noch im März 1938 ihre Anstellungen. Ab 1. Juli waren auch die Kassenzulassungen der praktischen Ärzte und Fachärzte ungültig. Endgültig verdrängt aus dem Berufsleben wurden die jüdischen Mediziner ab 1. Oktober. Ab diesem Zeitpunkt wurden für die Behandlung der jüdischen Bevölkerung 372 sogenannte „Krankenbehandler“ zugelassen.1 Das Rothschildspital war danach die einzige Krankenanstalt in Wien, wo die jüdische Bevölkerung behandelt werden durfte und auch jüdische Ärzte noch Anstellungen erhielten.2 Auch an den Universitäten wurden die nach den NS-Gesetzen als jüdisch geltenden Mediziner rasch beurlaubt bzw. entlassen.

Für die jüdischen Medizinstudenten galt ab dem Sommersemester ein Numerus clausus.3 Einige konnten – unter Ausschluss der Öffentlichkeit – noch promovieren, durften sich jedoch nicht mehr als Arzt bezeichnen und unterschrieben einen Revers, mit dem sie bestätigten, dass sie keine Patienten behandeln werden. In der „Deutsch­österreichischen Ärztezeitung“ wurde in der Rubrik „Zu-, Abgänge und Wohnungsveränderungen“ darüber informiert, wer zum Beispiel seine Praxis abgemeldet hatte und/oder ins Ausland verzogen war.4 Man kann davon ausgehen, dass nach Definition der Nationalsozialisten in Österreich ca. 3.500 Ärzte in ihrer Exis­tenz gefährdet waren, davon 3.200 (von insgesamt 4.900) in Wien. Wahrscheinlich 3.000 konnten sich schließlich in die Emigration retten.5 Die beiden Hauptemigrationsländer waren die USA und Großbritannien, weitere Zufluchts- bzw. Emigrationsländer etwa Frankreich, das jedoch in vielen Fällen nur eine Zwischenstation auf der Reise in die Vereinigten Staaten war, oder Palästina. Aber auch exotische Ziele wie Shanghai, Indien oder Länder in Südamerika wurden zur neuen Heimat für die Ärzte, meistens nur für einige Jahre.

Großbritannien

Nachdem im März 1938 die Zahl der Flüchtlinge in Großbritannien dras­tisch angestiegen war, wurde im April 1938 ein Visasystem für Einreisende mit deutschen und österreichischen Reisepässen eingeführt. Zwischen März 1938 und Jänner 1939 wurden 13.500 britische Visa in Wien ausgestellt.6 Entscheidendes Kriterium für die Visaausstellung war der „Wert oder Unwert des Antragstellers für das Vereinigte Königreich“.7 Der Novemberpogrom vom 9. und 10. November 1938 löste eine weitere Flüchtlingswelle aus – unter dem Druck der Öffentlichkeit lockerte die britische Regierung daraufhin ihre Einreisebestimmungen. Oft war Großbritannien auch nur eine Zwischenstation auf dem Weg in die USA. Bereits im März 1938 hatten 17 führende Mediziner einen Brief unterschrieben, der im „British Medical Journal“ vom 26.3.1938 erschien, in dem sie ihre Betroffenheit für die österreichischen Kollegen äußerten.8

In der Zeitschrift „The Lancet“ war allerdings Folgendes zu lesen: „The profession is so overcrowded that no refugees could be absorbed.“9 Nach einem Treffen mit Vertretern des Home Office und Repräsentanten verschiedener Colleges wurde also beschlossen, dass nur eine begrenzte Anzahl von Flüchtlingen zugelassen werden könne und „that any such admissions must be the subject of careful selection“.9 Ein Komitee hatte 50 österreichische Ärzte und 40 Zahnärzte ausgewählt, denen es gestattet wurde, sich zu qualifizieren. Von jedem wurden eine Prüfung und ein zweijähriges Praktikum gefordert, bevor er zur Prüfung zugelassen werden konnte.10 Die British Medical Association hatte sich geweigert, einer Zulassung von mehr als der sehr limitierten Zahl von Flüchtlingsärzten zuzustimmen.

Die Historikerin Dr. Renate Feikes sammelt im Rahmen einer Datenbank die Biografien aus Österreich vertriebener Ärzte.
Die Historikerin Dr. Renate Feikes sammelt im Rahmen einer Datenbank die Biografien aus Österreich vertriebener Ärzte.

1939 waren ca. 1.200 deutsche und österreichische Ärzte in Großbritannien, von denen allerdings nur 200 praktizieren durften. Der Kriegsausbruch vergrößerte den Druck sowohl auf die Universitäten als auch auf die Flüchtlinge. 1941 gab die Regierung die Anweisung, die Anstellung in Spitälern und Kliniken auch ohne englische Qualifikation zu ermöglichen. Diese „temporary registration“ für Ärzte mit ausländischen Ausbildungen gestattete „Friendly aliens“-Flüchtlingen zunächst nur die Arbeit im Krankenhaus, später durften sie auch Patienten zu Hause behandeln.11 Die wohl wichtigste Rolle in Hinblick auf das wissenschaftliche Exil spielte die Society for the Protection of Science and Learning (SPSL). Sie war 1933 als Academic Assistance Council (AAC) zur Unterstützung von Wissenschaftlern gegründet worden, die ab 1933 in NS-Deutschland ihre Universitätsanstellungen verloren. In der 1959 veröffentlichten Geschichte der SPSL heißt es, dass 418 österreichische Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen um Hilfe baten.12 Mit Kriegsbeginn wurde die Arbeit der SPSL insbesondere aufgrund der einsetzenden Praxis der Internierungen von „enemy aliens“ immer schwieriger. Die SPSL setzte sich verstärkt für die internierten Wissenschaftler ein, die Akten belegen oft sehr umfangreiche Korrespondenzen. Bis Ende 1940 waren praktisch alle akademischen Flüchtlinge aus der Internierung entlassen worden.

1941 wurde die „Austrian Medical Association in Great Britain“ vom Laryngologen Markusz Hajek gegründet, 1945 hatte sie bereits 180 Mitglieder. Im Jahr 1945 waren in der „Foreign List“ des „Medical Register“ 243 österreichische Ärzte verzeichnet, von denen 101 in London wohnten. Paul Weindling, der in seiner „Oxford Brookes Database of European Medical Refugees in Great Britain 1930-45“ auch österreichische Mediziner erfasste, die zwischen 1938 und 1945 nach England geflüchtet waren, schreibt, dass sich 1945 ca. 360 österreichische Ärzte in Großbritannien befanden (von insgesamt ca. 3.000 europäischen Ärzten im Land).13 Von den von mir erfassten Wiener Ärzten und Ärztinnen sind 267 nach Großbritannien emigriert.

Kurzbiografie Stefan Jellinek

Stefan Jellinek, geboren am 29. Mai 1871 in Prerau, Mähren (Österreich-Ungarn), gestorben am 2. September 1968 in Edinburgh, Schottland/Großbritannien, promovierte 1898 an derUniversität Wien zum Dr.med. Nach seinem Studium wurde er Assistent an der Internen Abteilung des Wiedner Krankenhauses. Sein Interesse galt der Elektrizität, besonders untersuchteer die Ursachen von Elektrounfällen.1908 wurde er zum Privatdozenten habilitiert. Seine Forschungsergebnisse trugen dazu bei,dass bereits vor dem Ersten Weltkrieg Schutzmaßnahmen im Umgang mit technischer Elektrizitäteingeführt wurden. Ab 1909 betreute er das von ihm gegründete Elektropathologische Museum, in dem er Präparate von Unfällen sammelte, um die Forschung zur Unfallverhütung und der Heilung von Folgen solcher Unfälle voranzutreiben.

An der Universität Wien wurde ein eigener Lehrstuhl für Elektropathologie – der erste weltweit – eingerichtet.14 1928 ernannte ihn die Medizinische Fakultät der Universität Wien zum ao. Professor für Elektropathologie mit der Verpflichtung, auch Lehrveranstaltungen zu Elektropathologie und Erste Hilfe bei elektrischen Unglücksfällen an derTechnischen Hochschule Wien zu halten. 1938 wurde Jellinek gemäß den NS-Gesetzen aus rassischen Gründen seines Amtes enthoben, zwangspensioniert und von der Universität Wien vertrieben. 1939 gelang ihm die Flucht nach Großbritannien, wo er unter anderem am Queen’s College in Oxford lehrte und forschte. Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt er seineSammlung zurück, blieb aber in Großbritannien. Mehrmals jährlich kam er nach Wien, wo er sein Museum betreute und nach seiner Pensionierung 1948 als Gastprofessor an der Universität Wien tätig war. Auch an der Technischen Hochschule Wien lehrte er zwischen 1951 und 67 als Gastprofessor. 1968 starb er im Alter von 97 Jahren in Edinburgh.15

Veranstaltungshinweis

„Anschluss“ im März 1938: Nachwirkungen auf Medizin und Gesellschaft
Wissenschaftliches Symposium, Podiumsdiskussion & Ausstellung
12.–13. März 2018
Van-Swieten-Saal der MedUni Wien, Van-Swieten-Gasse 1a, 1090 Wien

Programm und Anmeldung >>

Die Historikerin Dr. Renate Feikes sammelt im Rahmen einer Datenbank die Biografien aus Österreich vertriebener Ärzte.

Die jüngsten Publikationen von Dr. Feikes:
„Exil der Wiener Medizin in Großbritannien“, in: „Immortal Austria“?, Austrians in Exile in Britain, Edited by Ch. Brinson, R. Dove, J. Taylor. The Yearbook of the Research Centre for German and Austrian Exile Studies 8, Amsterdam/New York, 2007, XIII, 61-74;
Von der Diskriminierung zur Vertreibung, Verfolgung und Exil der Wiener jüdischen Ärzteschaft, in: Österreichische Ärzte und Ärztinnen im Nationalsozialismus, DÖW Jahrbuch 2017, Hrsg. Herwig Czech und Paul Weindling, Wien, 89-108.

Referenzen:
1 Deutsch–österreichische Ärztezeitung, Jg.1, Nr.13,1.10.1938;
2 Siehe dazu u.a. 125 Jahre Rothschild-Spital, Hrsg. Heindl M und Koblizek R, Donnerskirchen, 1998;
3 Universitätsarchiv Wien, Zi 1755 ex 1937/38;
4 z.B. Deutschösterreichische Ärztezeitung, Ärztliches Mitteilungsblatt für das Land Österreich, 1. Jg., 8.5.1938, 3, 72–73;
5 Hubenstorf M in: Vertriebene Vernunft II, Hrsg. Stadler F, Wien, 1988, 781;
6 Österreicher im Exil, Großbritannien 1938–45, Hg. DÖW, 1999;

7 Österreicher im Exil, 5;
8 Weindling P, Aus­trian medical refugees in Great Britain: from marginal aliens to established professionals, in: Wiener Klinische Wochenschrift, 110/ 1998, 4–5, 159; Medical Refugees and the Modernisation of Twentieth-century British Medicine, in: Social History of Medicine, vol.22, 3, 2009, 449–511;
9 Weindling P, The Contribution of Central European Jews to Medical Science and Practice in Britain, the 1930s–1950s, in: Second Chance, Two Centuries of German-speaking Jews in the United Kingdom, Schriftenreihe wissenschaftliche Abhandlungen des LBI 48, Tübingen, 1991, 249;
10 Maimann H, Zur Politik der österreichischen Emigranten in Großbritannien 1938–45, Diss., Wien, 1973, 10;
11 Weindling P, Austrian
medical refugees, 159;
12 Lord Beveridge, A
Defence of Free Learning, London 1959, 31;
13 Weindling P, Oxford Brookes Database of European Medical Refugees in Great Britain 1930–45“
14 Die Elektropathologische Sammlung befindet sich heute im Technischen bzw. im Pathologisch-Anatomischen Museum Wien;
15 Vgl. z.B.: Bauer-Merinsky J, Die Auswirkungen der Annexion Österreichs durch das Deutsche Reich auf die medizinische Fakultät der Universität Wien im Jahre 1938: Biographien entlassener Professoren und Dozenten, Diss., Wien 1981, 109–111

Von Dr. Renate Feikes
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