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„Mir ist das Baby gestorben, weil ich keinen Butterfly mehr hatte“

HILFE - Der erste Anruf war ein Erfolg, Sandoz spendete einen Bus voll mit Medikamenten. Seit fünf Jahren versorgt die Griechenlandhilfe des Salzburgers Erwin Schrümpf Spitäler, Ärzte und Sozialkliniken mit dem Notwendigsten. Eine befreundete Apothekerin zählte zu den ersten Unterstützerinnen. (Pharmaceutical Tribune 22/2017) 

Erwin Schrümpf im Behindertenheim Kivoto Agapis.
Erwin Schrümpf im Behindertenheim Kivoto Agapis.

PT: Herr Schrümpf, wie oder besser weshalb kamen Sie auf die Idee zur Gründung der Griechenlandhilfe?

Erwin Schrümpf: Auslöser war ein Bericht in der ARD über die Zustände in griechischen Spitälern. Dabei ging es unter anderem um eine Frau, die zehn Tage mit ihrem toten Baby im Leib durch die Stadt gelaufen ist, weil sie sich die Operation nicht leisten konnte. Der Leiter des ältesten Athener Krankenhauses hat erzählt, dass sie nicht einmal Spritzen haben, um die Patienten zu behandeln. Am nächsten Tag habe ich spontan bei Sandoz in Wörgl angerufen und gesagt, ich brauche Medikamente. Die Frau hat gefragt, wer ich bin, und ich habe spontan geantwortet: die Griechenlandhilfe. Sandoz hat dann tatsächlich so viele Medikamente gespendet, dass ich mit einem geliehenen Bus nach Griechenland fahren konnte. Als ich zurückgekommen bin, war schon die nächste Spende der Firma Amomed da, unter den ersten Spenderinnen war auch eine befreundete Apothekerin.

Wie stellt sich aus Ihrer Sicht die aktuelle Lage in Griechenland dar, hat sie sich in den letzten fünf Jahren verbessert oder verschlechtert?

Die Situation hat sich von Jahr zu Jahr verschlechtert. Das System ist längst kollabiert. Auf den Polizeiautos fehlen die Reifen, um sie in Betrieb zu setzen. Die Rettung existiert nur auf dem Papier, es gibt keine Rettungen mehr. Und selbst wenn es einen gespendeten Rettungswagen gibt, fehlen die Fahrer. Die Feuerwehr ruft die Bevölkerung dazu auf, sie mit Trinkwasser und Lebensmitteln zu unterstützen. In den Schulen fehlen aufgrund des Einstellungsstopps die Lehrer. Obwohl es eigentlich Schulpflicht gibt, gehen z.B. in Patras 1.300 Kinder nicht zur Schule, weil sich die Eltern die 25 bis 30 Euro für die Erstausstattung ihrer Kinder nicht leisten können.

Wie oft fahren Sie mit Hilfslieferungen nach Griechenland?

Seit fünf Jahren fahren wir in jedem Monat mit drei bis fünf Kleinbussen voller Hilfslieferungen. Alle zwei Monate kommt noch ein Sattelzug dazu. Wir haben in der Nähe von Athen ein kostenloses Lager, von dort versorgen wir 46 Außenstellen.

Sie unterstützen vor allem Spitäler und Sozialkliniken sowie Kinderheime und Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen. Können Sie ein wenig über die Situation in diesen Einrichtungen erzählen?

Die Situation hat sich verschlechtert. In Spitälern fehlt es am Notwendigsten. Es gibt keine medizinischen Handschuhe, keine Spritzen ja sogar an Unterlagen mangelt es. Zwar muss jeder Grieche prinzipiell in einem öffentlichen Krankenhaus behandelt werden, doch wenn beispielsweise eine schwangere Frau in ein Krankenhaus kommt, heißt es, es gibt keinen Gynäkologen. Also muss sie zu einem privaten Arzt gehen, den kann sie aber nur aufsuchen, wenn sie ihn auch bezahlen kann. Hilfe gibt es unter anderem in den Sozialzentren und den Sozialapotheken, die wir mit unseren Spenden auch beliefern. Mittlerweile gibt es allein in Athen rund 26.000 Menschen, die dort registriert sind. In Patras leben 7.000 Familien von einem Einkommen gleich null.

Das Problem dabei: Die Arbeitslosenbeihilfe wird für sechs Monate gewährt, danach gibt es nichts mehr. Es gibt keine Sozialbeihilfe wie bei uns und auch keine Versicherung. Vor fünf Jahren war das noch nicht der Fall. In den Behindertenheimen fehlt es ebenfalls am Notwendigsten, z.B. Spritzen. Vom Staat kommt die Hilfe nur schleppend, wenn überhaupt. In den Krankenhäusern fehlt es an Ärzten und Pflegepersonal, weil auf Grund des Sparprogrammes, das von der Troika abverlangt wurde, niemand eingestellt werden darf. Es fehlen 7.800 Ärzte und Krankenpfleger. Elena, eine Kinderärztin, mit der wir eng zusammengearbeitet haben, ist mittlerweile nach München ausgewandert. Sie hat zu mir gesagt: Erwin, ich ertrag das nicht mehr, ich kann den Kindern nicht mehr helfen. Ein Erlebnis hat sie mit folgenden Worten geschildert: „Da ist mir das Baby in den Händen gestorben, nur weil ich keinen Butterfly (Kanüle, Anm.) mehr hatte.“

Sie haben erzählt, dass eine Ihrer ersten Unterstützerinnen eine befreundete Apothekerin war. Wie können Apothekerinnen und Apotheker die Griechenlandhilfe unterstützen?

Prinzipiell natürlich mit Medikamentenspenden. Am Anfang haben wir manchmal angebrochene Medikamentenschachteln bekommen, mit denen konnten wir aber nichts angefangen. Eine Antibiotikum zum Beispiel muss man ja zu Ende nehmen, sonst nützt es gar nichts. Die Medikamente müssen nicht nur vollständig, sondern auch noch sechs Monate haltbar sein. Wir transportieren die Medikamente dann nach Griechenland.

Man kann auch Geld spenden?

Ja, das setzen wir unter anderem ein, um die Transportkosten zu decken, aber auch, um etwa Babynahrung zu kaufen. Die kaufen wir dann aber vor Ort, sodass auch der dortige Händler etwas davon hat. Oder jetzt vor Weihnachten können Spender einen Grecolino-Bären erwerben, den wir dann den Kindern im Kinderspital Patras mit einer Tafel Schokolade als kleines Weihnachtsgeschenk übergeben. Die Familien der Kinder haben vielfach nicht einmal das Geld, ihren Kindern ein Geschenk zu machen. Diese Aktion haben wir heuer auch auf Mandra ausgedehnt. Der Ort wurde erst vor Kurzem durch eine Flutkatastrophe buchstäblich weggespült.

Griechenlandhilfe

www.griechenlandhilfe.at

Aktion Grecolino: griechenlandhilfe.at/index.php/de/grecolino-co/

Spendenkonto lautend auf: Griechenlandhilfe bei Raiffeisenbank Henndorf am Wallersee
IBAN: AT74 3502 4000 0009 7121
BIC: RVSAAT2S024

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