4. Okt. 2019Diätologie

Verdauungsbeschwerden in den Griff bekommen

Die diätologische Beratung kann Abhilfe bei gastrointestinalen Beschwerden – wie der chronischen Diarrhö oder Obstipation – schaffen. (Medical Tribune 38/19)

Die 52-jährige Frau E. wird aufgrund unspezifischer Verdauungsbeschwerden im Rahmen ihres Kuraufenthaltes zur Ernährungstherapie zugewiesen. Sie leidet seit rund zwei Jahren an chronischer Diarrhö sowie an Reflux-Beschwerden. Einige Monate vor Kurantritt wurde von ihrem Hausarzt bereits eine Stuhldiagnostik bezüglich potenziellem Vorhandensein pathogener Keime veranlasst; der Befund fiel jedoch negativ aus. Zudem wurde ein H2-Atemtest durchgeführt, um Lebensmittelunverträglichkeiten ausschließen zu können. Dabei zeigte die Patientin eine positive Reaktion sowohl auf Laktose als auch auf Fruktose. Eine diätologische Beratung zur adäquaten Behandlung ihrer frisch diagnostizierten Unverträglichkeiten fand bis dato nicht statt. Da die Patientin jedoch stark an ihren gastrointestinalen Beschwerden litt, erhoffte sie sich Therapieerfolg durch zahlreiche und zeitaufwendige Internetrecherchen und dem damit neu erworbenem Wissen über diverse Behandlungsstrategien von Magen-Darm-Problemen.

Drei Phasen der Ernährungstherapie

Im Rahmen der Ernährungsanamnese ergibt sich trotz Eigeninitiative und umfangreicher Recherche der Patientin mangelndes Ernährungswissen im ernährungstherapeutischen Umgang mit den diagnostizierten Unverträglichkeiten. Denn Frau E. konsumiert trotz positiver Testergebnisse nach wie vor stark blähende Lebensmittel wie Bohnen oder Zwiebel sowie Milchprodukte aller Art, was zu anhaltenden gastrointestinalen Beschwerden führt. Um eine Symptomlinderung zu erzielen, wird deshalb im Rahmen des Kuraufenthalts eine ernährungstherapeutische Anpassung des Speiseplans von Frau E. vorgenommen. Diese Adaption umfasst zunächst individuell umgesetzte Maßnahmen einer „Leichten Vollkost“ (LVK) auf Basis des Rationalisierungsschemas.

Dadurch können Beschwerden, welche durch die Zufuhr schwer verdaulicher Lebensmittel verursacht werden – beispielsweise stark blähende Kraut- und Kohlgemüse, frische/ grobe Vollkorngetreideprodukte oder scharfe/stark gewürzte Speisen – ausgeschlossen werden. Auch auf eine fettarme, schonende Zubereitung wird geachtet. Zudem wird eine laktosefreie und fruktosearme Ernährung in der Therapie umgesetzt, um adäquat auf die Unverträglichkeiten reagieren zu können. Die Ernährungstherapie gliedert sich in drei Phasen. Nachdem bei Frau E. bisher keine adäquate Therapie stattgefunden hat, wird im Rahmen ihres Kuraufenthaltes mit Phase 1 begonnen:

1. Karenzphase von mindestens zwei Wochen

Bei einem positiven H2-Atemtest-Ergebnis sollte zunächst eine Karenzphase von mindestens zwei Wochen eingehalten werden, um eine völlige Beschwerdefreiheit zu erlangen. In dieser Zeit wird empfohlen, sowohl auf fruktosereiche als auch auf sorbithaltige Lebensmittel zu verzichten – dabei sollte auch Rücksicht auf sämtliche Produktzutaten genommen werden, da Fruktose und Zuckeralkohole wie Sorbit/Mannit/Xylit häufig industriell zugesetzt werden. Sorbit beispielsweise führt insgesamt zu einer schlechteren Fruktose-Resorption im Darm, wodurch gastrointestinale Beschwerden verstärkt werden. Fruktosehaltige Speisen sollten auch (wenn nicht vermeidbar) zeitgleich mit Traubenzucker verzehrt werden, um die Fruktose-Resorption zu verbessern; zum Süßen von Speisen kann Glukose anstatt Saccharose verwenden werden. Der Verzehr von groben, ballaststoffreichen oder blähenden Lebensmitteln sollte in der Karenzphase weitgehend reduziert werden (z.B. Kohl- und Krautgemüse, Hülsenfrüchte, grobes Vollkorngebäck, kohlensäurehaltige Getränke). Da bei Frau E. zusätzlich eine Laktoseintoleranz diagnostiziert wurde, wird zeitgleich mit einer laktosefreien Ernährung begonnen, welche langfristig in Abhängigkeit ihrer individuellen Toleranzgrenze umgesetzt wird.

2. Testphase nach Erlangen der Symptomfreiheit

Im Laufe des Kuraufenthaltes kommt es bei Frau E. bereits zur Besserung ihrer gastrointestinalen Beschwerden und nach rund zwei Wochen schließlich zur Symptomfreiheit. Nun wird im Rahmen der Ernährungstherapie begonnen, schrittweise fruktosehaltige Lebensmittel wieder in den Speiseplan zu integrieren. Da vor allem die Menge an Fruchtzucker ausschlaggebend ist, sollten anfangs nur kleine Mengen und fruktosearme Lebensmittel aufgenommen werden. Eine individuelle Speiseplanadaption im Rahmen der LVK-Richtlinien findet nach wie vor statt, um keine zusätzlichen gastrointestinalen Beschwerden während der Testphase zu erzeugen. Auch auf eine laktosefreie Zubereitung wird weiterhin geachtet.

3. Fruktoseangepasste Langzeiternährung

Die Verträglichkeit von Fruktose und Laktose ist von Patient zu Patient sehr unterschiedlich und kann auch durch beispielsweise hormonelle Schwankungen oder Stress stark beeinflusst werden. Ziel der Ernährungstherapie bei Frau E. ist letztendlich die Austestung dieser individuellen Toleranzgrenze und die Reduktion der Fruktose- und Laktosezufuhr auf ein verträgliches Maß. Zusammengefasst sollten bei Fruktosemalabsorption folgende Punkte in der Langzeiternährung berücksichtigt werden:

  • Verzicht auf größere Mengen von Fruktose und Sorbit
  • Berücksichtigung einer bedarfsgerechten Versorgung und Sicherstellung der Mikronährstoffzufuhr (über verträgliche Obst-/Gemüsesorten)
  • Regelmäßige Kontrollen der Serumspiegel von Zink und Folsäure
  • Reduktion des Fruktosekonsums unmittelbar vor Sport bzw. körperlicher Aktivität

Damit Frau E. auch weiterhin symptomfrei bleiben kann, finden im Rahmen ihres Kuraufenthaltes wöchentlich Ernährungstherapien zur gemeinsamen Anpassung des Speiseplans statt. So können eine Kontrolle der Menüauswahl und der Speisenzubereitung (LVK, laktosefrei, fruktosearm) erfolgen und darüber hinaus bereits Empfehlungen und Tipps für die Praxis vermittelt werden. Um dieses Wissen zu stärken, findet auch eine umfangreiche Ernährungsberatung statt.

Nicht entdeckte Fruktosemalabsorption und Depressionen

Die Fruktosemalabsorption wird ursächlich mit weiteren koinzident auftretenden Erkrankungen (wie zum Beispiel Depressionen) in Verbindung gebracht. Zurückzuführen ist dies auf einen Mangel an L-Tryptophan, welcher bekanntermaßen kausal mit einer erhöhten Prävalenz von Depressionen zusammenhängt.

Die Pathogenese lässt sich wie folgt erklären: Bei Vorhandensein einer (nicht entdeckten) Fruktosemalabsorption bildet die nicht metabolisierte Fruktose im Darm Komplexe mit L-Tryptophan, der biochemischen Vorstufe des Neurotransmitters Serotonin. Durch diese leicht entstehende Fruktose-L-Tryptophan-Komplexbildung kommt es folglich zu einem Serotonin-Unterschuss und einer daraus resultierenden depressiven Symptomatik. Auch ein Serotonin-Mangel-induzierter Heißhunger auf Kohlenhydrate, Obst und Süßigkeiten ist dadurch möglich. In der Praxis steigern dadurch viele Patienten unbewusst ihre Fruktosezufuhr, was in einen circulus vitiosus mündet.

Fazit ist, dass Depressionen als symptomatischer Begleiter bei Unverträglichkeiten wie der Fruktosemalabsorption möglich sind, weshalb eine entsprechende Abklärung immer sinnvoll ist.

Dieser Beitrag erschien auch im Printmagazin Medical Tribune