Dr. Promussas: Der Bettler in der Offizin

Ich habe letztens etwas getan, womit ich mich im Nachhinein gar nicht wohlfühlte. Aber ich wusste auch eine Zeit lang nicht, wie ich es hätte besser machen können. Zur Vorgeschichte: Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich mich, wo immer ich kann, für Menschen, die am Rand stehen, einsetze. Das geht so weit, dass ich vielen auf die Nerven gehe damit. Ich gebe zu, dass mir das herzlich egal ist, denn ich bin es, die sich täglich in den Spiegel schauen muss. Und meine wirklichen FreundInnen sind ja ähnlich gepolt beziehungsweise können aufrichtig mit mir darüber diskutieren.

Nun kam es eines Tages vor, dass ein uns nicht unbekannter Bettler, der obendrein wohnungslos ist, wieder einmal bei uns auftauchte. Abgesehen davon, dass es meist sehr schwierig ist, sich zu verständigen, weil er kein Wort Deutsch spricht, kam er diesmal mit einem Bündel Rezepten und wedelte damit herum. Das Sprachproblem konnten wir an diesem Tag leicht lösen, weil die Kollegin, die einiger Sprachen vom Balkan mächtig ist, sein Bulgarisch erkannte und sich somit sehr gut als Dolmetscherin nützlich machen konnte. Der Mann erklärte uns gleich, dass er dringend seine Medikamente benötigte, aber heute partout kein Geld zur Verfügung hätte. Nach einem Blick auf seine Rezepte stellten wir fest, dass es durchwegs streng rezeptpflichtige Arzneien waren. Die Chefin war nicht da, außerdem mag sie in solchen Fällen auch nicht überrumpelt werden, verständlicherweise. Wir versuchten ihm also mit Händen, Füßen und etwas Bulgarisch klarzumachen, dass wir in diesem Fall nichts tun könnten für ihn, zumal er nicht einmal versichert war.

Daraufhin fing er an zu weinen. Weitere KundInnen, die hereinkamen, wurden sofort am Ärmel festgehalten und angeweint. Eine überlegte, sich zu erbarmen und die Rechnung zu übernehmen, ließ sich aber dann doch von seinem dicken Packen Rezepten abschrecken. Außerdem wäre das ja auch keine Lösung auf Dauer gewesen, und ich überlegte fieberhaft, wie diese aussehen könnte. Ich fühlte mich zunehmend unwohl, weil die Atmosphäre sehr unangenehm wurde. Nach einiger Zeit bat ich den Herrn dringend zu gehen, weil ich diese Art von Betteln in der Apotheke natürlich so nicht stehen lassen konnte. Aber ich fühlte mich nicht glücklich damit. Draußen regnete es außerdem, ich kam mir wirklich mies vor. Aber was hätte ich tun können? In der Vergangenheit hatte ich diesbezüglich auch schon von Tricks gehört, wenngleich mir hier mein Gefühl sagte, dass die Verzweiflung echt war.

Der Fall ließ mir keine Ruhe und im nächsten etwas ruhigeren Moment begann ich in meinem Netzwerk zu recherchieren. Hilfreich war letztendlich die Caritas, die mich über den sogenannten Louise-Bus informierte. Hier erfahren Obdachlose und nicht versicherte Menschen von freiwilligen ÄrztInnen medizinische Hilfe, darüber hinaus kümmert man sich auch um deren Medikation. Er steht an verschiedenen Tagen an verschiedenen Orten, es gibt im Internet einen Plan darüber. Ich war dankbar und erleichtert und gebe hiermit den Tipp gerne weiter, falls KollegInnen in eine solche Situation kommen sollten. Ja, ich war im ersten Moment mit meiner Reaktion nicht glücklich. Aber wenn man will, gibt es immer eine Lösung, und um die hab ich mich wirklich bemüht

Dieser Beitrag erschien auch im Printmagazin Pharmaceutical Tribune