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Big Data im Krankenhaus

„Entweder gehen Sie mit der Zeit – oder Sie gehen mit der Zeit“

Foto: VKAm Rande des 11. Quality Austria Gesundheitsforums sprach die CliniCum-Redaktion mit Eva Kirchberger, Doktorandin im Bereich Unternehmertum an der Imperial College Business School sowie Experience Designer am Centre for Business Analytics in London, und Dr. Günther Schreiber, Netzwerkpartner Quality Austria, über die zunehmende Digitalisierung der Medizin und längst notwendige Veränderungen des heimischen Gesundheitswesens. (CliniCum 12/2017)

 

Frau Kirchberger, Sie studieren und arbeiten an der Imperial College Business School in London. Womit beschäftigen Sie sich dort?

Kirchberger: Wir suchen nach Antworten auf die Frage: Welche Auswirkungen hat die Datenrevolution für Unternehmen bzw. welche Möglichkeiten bietet die Big-Data-Analyse? Wir analysieren verschiedene Industrien und Branchen, unter anderem auch den Medizinsektor.

Derzeit gibt es europaweit kaum eine medizinische Veranstaltung, die das Thema Digitalisierung nicht in den Mittelpunkt stellt. Ein Beispiel war der diesjährige Europäische Gesundheitskongress in München, wo sich Experten aber auch darüber einig waren, dass der theoretischen Auseinandersetzung kaum konkrete Umsetzungsschritte folgen, etwa in der digitalen Ausstattung der Krankenhäuser. Beobachten Sie auch diesen Gap zwischen Reden und Tun? Oder anders gefragt: Läuft die Gesundheitswirtschafte bezüglich Digitalisierung anderen Branchen hinterher?

Kirchberger: Ja, das tut sie. Warum andere Branchen in der Innovationsentwicklung viel schneller sind, hat historische Gründe, die große Tradition der Branche und hohe Professionalisierung. In anderen Industrien sind wir längst von der Sharing Economy in Richtung Matching Economy unterwegs, das heißt, es haben sich vielfach Online-Portale etabliert, die Menschen mit Menschen oder Menschen mit Services zusammenbringen. Beispiele sind etwa Netflix, Airbnb, Uber, PayPal etc. Der universitäre Bereich und die Medizin sind da erst in den Anfängen, jedoch werden gerade weltweit 40.000 Apps für den Gesundheitsbereich entwickelt. In unserer Forschungsgruppe beschäftigen wir uns auch mit der Frage: Wie würde es aussehen, wenn sich ein Unternehmen wie Uber die Medizinbranche „vornehmen würde“?

Vor Kurzem wurde vom NHS, dem National Health Service in Großbritannien, eine neue App gelauncht, über die Patienten bei Beschwerden digital Kontakt aufnehmen und dann wählen können, ob sie ein Beratungsgespräch via Telefon oder Videokonferenz haben wollen oder doch einen Arzt physisch konsultieren möchten, wobei die App sofort entsprechende Spezialisten in der Nähe vorschlägt und den Termin koordiniert. Patientendaten wie etwa die Clinical Records, Röntgenbilder etc. sind im System abgespeichert und können auch mit Freunden oder der Familie geteilt werden. In diese App kann ich mich über Facebook einloggen, das heißt, Facebook hat Zugriff auf meine dort gespeicherten Gesundheitsdaten. Das Service wird angenommen, weil Datenschutz im englischsprachigen Raum kulturell völlig anders gehandhabt wird als in Österreich, wo wir Neuem gegenüber viel kritischer eingestellt sind. Für Briten stehen eher die neuen Möglichkeiten und Chancen im Vordergrund. Das NHS pusht Innovationen auf digitalen Plattformen derzeit unheimlich. Um Geld zu sparen, bietet es privaten Entwicklern eine Plattform, um ihre Apps zu launchen, die dann vom NHS zertifiziert werden.

Schreiber: Was die Digitalisierung in der Medizin betrifft, sind wir im deutschsprachigen Raum fünf bis sieben Jahre hinterher, auch wenn inzwischen viele Einzelprojekte zum Thema Innovation 4.0 existieren. Laut einer kürzlich publizierten deutschen Studie nutzen gerade einmal 20 Prozent (!) der Krankenhausärzte bei Visiten ein Tablet oder einen Laptop. Der Rest hantiert wahrscheinlich immer noch mit der klassischen Fieberkurve. Der Bedarf auf der anderen Seite ist enorm, das hat viel mit dem ­Thema Budget und der bevorstehenden Pensionierungswelle der Ärzte zu tun. Da bietet 4.0 natürlich viel Unterstützung an. Das ist aus meiner Sicht trotzdem der falsche Ansatz: Es sollte beim Thema Digitalisierung um die optimale Patientenbetreuung gehen – Punkt! –, nicht um Gewinnoptimierung.

Würde ich unter diesem Aspekt vorgehen, würde ich vermutlich einiges anders machen, als es derzeit in Österreich passiert, und nicht nur über die Themen Strukturen reduzieren oder Personal reduzieren nachdenken, was derzeit die vermeintlichen Schüssel zum Erfolg sind. Das halte ich für falsch. Der ehemalige KAV-Vorstand Marhold hat in einem Zeitungskommentar geschrieben: „Um Abteilungen zu sperren, brauche ich einen Schlosser und keinen Manager.“ Er hat recht. Das Bemühen ist mir durchaus klar – siehe Betten- oder Patientendichte. Digitale Unterstützungssysteme könnten da ganz viel bewirken. Aber das alleine ist der falsche Ansatz. Spannende Zeiten jedenfalls. Das Gesundheitswesen ist im Umbruch. Entweder gehen Sie mit der Zeit, oder Sie gehen mit der Zeit.

Apropos Zeit: Gestatten wir uns zum Abschluss einen (fiktiven) Blick in das Jahr 2030: Wie wird die Alltagsarbeit eines Spitalsarztes 2030 aussehen?

Schreiber: Im besten Fall können wir uns in Österreich darauf einigen, dass alle Spitäler die elektronische Patientenakte per Knopfdruck zur Verfügung haben und alle Professionals über die entsprechenden Zugriffsberechtigungen verfügen, um darauf auch zugreifen zu können. Visiten werden ausschließlich mittels Tablet dokumentiert. Die derzeitige Zwischenlösung, dass eine Dokumentationsassistentin zur Visite mitgeht, der Arzt diktiert, und es wird sofort hineingeschrieben ins System, das brauchen wir in Zukunft ebenso wenig wie die Dokumentationsassistentin an sich. Denn ich habe eine Spracherkennung, die ist so perfekt, da spreche ich, und es wird automatisch mitgeschrieben, fertig, aus. Die gibt es übrigens heute schon. Dass Ärzte sich hinsetzen und mühsam ihre Aktenberichte schreiben, ist eigentlich absurd.

Kirchberger: Außerdem wird es viel mehr Telemedizin geben. Ärzte werden vor dem Bildschirm sitzen und entweder vom Krankenhaus oder von zu Hause aus ihre Patienten betreuen, denn sie werden über ein Portal jederzeit Zugang zu sämtlichen Patientendaten haben. Gemeinsam werden sie entscheiden, ob der Patient ins Spital kommen muss oder etwa eine Medikation ausreicht, die dem Patienten umgehend nach Hause geschickt wird. Interaktionen werden also zum Teil nicht mehr Face-to-Face stattfinden, sondern das Portal/die Software wird zwischen Arzt und Patienten sein. Das Gesundheitswesen wird sich zudem von der Kuration in Richtung Prävention verschieben.

Schreiber: Das heißt, ich werde in Zukunft im Idealfall weniger Leute im klassischen Versorgungssystem haben. In einem bereits laufenden Schweizer Projekt werden niedergelassene Ärzte nicht mehr leistungsorientiert bezahlt, sondern erhalten je registrierten Patienten eine Pauschale. Je gesünder der Patient ist, je seltener er zum Arzt kommt, umso lukrativer ist das Modell für den Arzt.❮❮

11. Quality Austria Gesundheitsforum, 16.11.17, Wien

„Die Daten sind das neue Öl“

Foto: VK

Eva Kirchberger beschreibt im Videointerview mit der CliniCum-Redaktion, wie die „5P“ (Prevention, Patient power, Personalized medicine, Protection of data und Profile-led groups) das Gesundheitswesen zukünftig beeinflussen werden.

Bewegte Bilder

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Digitaler Blick ins Auge
Foto: Anna RauchenbergerEbenfalls einen „Blick“ in die Zukunft der ­Medizin gewährte der Kongress „ART 2017“ (für „Advanced Retinal Therapy“) Ende ­November in Wien. Unter dem Motto Präzisionsmedizin wurde den Teilnehmern unter anderem vermittelt, wie ein Blick ins Auge – mithilfe von digitalen Methoden und der Auswertung von Big Data – einen präzisen Blick auf den medizinischen Gesamtzustand des Menschen ermöglicht. „Die Netzhaut bietet als Fenster in den Gefäß- und Gehirnzustand eines Menschen enorme Einblicke in Life-Science-Daten der Patienten“, erklärt Schmidt-Erfurth, Leiterin der Universitätsklinik für Augenheilkunde und Optometrie der MedUni Wien. Daraus ließen sich „enorm viele Erkenntnisse gewinnen, nicht nur für die Augenheilkunde“. So lässt sich auf der Netzhaut zeigen, wie alt ein Mensch ist, Geschlecht, Rauchverhalten, Blutdruck, ob jemand Diabetes hat oder zumindest ein erhöhtes Risiko dafür. Außerdem können künftig auch Erkrankungen von inneren Organen, aber auch altersbedingte Probleme und neurologische Erkrankungen wie Multiple Sklerose von der Netzhaut abgelesen werden. Die durch die optische Kohärenztomografie (OCT) gewonnenen Daten werden dafür mithilfe automatisierter Algorithmen analysiert, die auf Basis von Artificial Intelligence entwickelt werden. Beides, Gerät und AI-Methode, sind Entwicklungen der Medizinischen Universität Wien.Diabetes-Screening
Ab kommenden Jänner wird eine konkrete Umsetzung der Technologie an der Diabetes-Ambulanz am Wiener AKH eingesetzt. „Diabetes führt langfristig bei vielen Patienten zu Schäden an der Netzhaut“, erklärt Florian Kiefer, Internist an der Universitätsklinik für Innere Medizin III der MedUni Wien. Daher empfehlen die Diabetes-Leitlinien eine jährliche Netzhautuntersuchung. Bisher war man dabei auf die Compliance der Patienten angewiesen, diese Untersuchung vorab im niedergelassenen Bereich durchzuführen und den Befund in die Ambulanz mitzubringen. Die neue Technik wird es zukünftig ermöglichen, routinemäßig zu screenen und sofort festzustellen, ob der Patient bereits eine Diabetic Retinopathy entwickelt hat“, so Kiefer: „Der Einzug der genannten neuen Technologien in die klinische Versorgung wird es uns ermöglichen, einen viel genaueren Einblick in den Gesundheitszustand unserer Patienten zu gewinnen und damit nicht nur eine individuelle Beratung und Information der Patienten, sondern auch die maßgeschneiderte Anpassung von Therapiekonzepten ermöglichen.“ Die MedUni Wien ist weltweit erst das dritte Zentrum, das die neue Technologie einsetzt.

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