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Tyrannenkinder in der Praxis

RATGEBER - Tyrannenkinder sind keine bösen Kinder. In ihnen steckt das Potenzial für ein goldenes Zeitalter, sagt die Ärztin Prof. Dr. Martina Leibovici-Mühlberger. Hausärzte haben in ihrem „Erziehungsplan“ eine wesentliche Aufgabe. Medical Tribune 10/18)

Leibovici-Mühlberger leitet die ARGE Erziehungsberatung (www.fitforkids.at).
Leibovici-Mühlberger leitet die ARGE Erziehungsberatung (www.fitforkids.at).

Das ausschlaggebende Motiv für ihr neues Buch „Der Tyrannenkinder Erziehungsplan“ waren die Reaktionen auf rund 50 Vorträge vor bis zu 4000 Leuten und mehr als 370 Zuschriften auf ihren Bestseller „Wenn die Tyrannenkinder erwachsen werden“. Nach den Vorträgen habe es oft noch stundenlange, heftige Diskussionen gegeben, schildert Prof. Dr. Martina Leibovici- Mühlberger im Gespräch mit Medical Tribune. Die Botschaft der Ärztin und Psychotherapeutin polarisiert: „Tyrannenkinder sind keine bösen oder schlimmen Kinder, sondern sie sind als Dissidenten der Gesellschaft zu verstehen, die uns Erwachsenen den Spiegel ins Gesicht drücken zum bestehenden Erziehungsnotstand oder – ich möchte es noch schärfer formulieren – zur Erziehungsverweigerung.“

Bei den Debatten kristallisierten sich immer wieder zwei Kardinalfragen heraus, mit denen sich nun das zweite Buch befasst: Wie wird die Zukunftsgesellschaft ausschauen? Und wie soll man Kinder für diese hochkomplexe Zukunft vorbereiten? Den Bogen spannt dabei Markus, „eine lebendige, fleischgewordene Geschichte eines Tyrannenkinds“. Der 19-Jährige wiegt 170 kg und kommt mit seiner zierlichen Mutter in die Praxis. Er ist für eine Magenband-OP angemeldet. Zwar gelingt es in vielen Therapiestunden, seine Kindheit aufzuarbeiten, am Ende fordert er aber die Psychotherapeutin heraus: „Tu was, hilf mir, es auch nach der Operation zu schaffen.“ Resultat ist die „School of Life“, ein Sozialprojekt für Jugendliche wie Markus (siehe Kasten). „Es ist ein Beitrag unsererseits als Österreichischer Bundesverband für Erziehungsberatung, etwas für jene Jugendlichen zu tun, die keine Zukunft sehen, keine Grundkompetenzen, keine Autonomiefähigkeit erlangt haben, das sind rund 8000, 9000 in Österreich – jährlich“, erklärt Leibovici-Mühlberger, die auch in der Arbeitsgruppe „Familie und Jugend“ bei der Regierungsbildung dabei gewesen ist.

Ohne Hilfe seien das dann die „Langzeittransferleistungsbezieher“, hier werde Potenzial vernichtet. Denn gerade Tyrannenkinder hätten eine auffallend hohe Sensibilität und gestalterische Kraft. Wie erkennt man nun Tyrannenkinder und wann besteht Handlungsbedarf? „Im Vorschul- oder Volksschulalter sind es Kinder, die auch der Arzt als schwierig in der Praxis erlebt, die obstinat sind, sich bei der Untersuchung nicht ausziehen wollen, herumrennen, alles angreifen, Spielzeug zerstören, werfen oder einstecken“, veranschaulicht Leibovici-Mühlberger, „weil sie es gewohnt sind, immer ihren Willen durchzusetzen“. Ältere Kinder oder Jugendliche hingegen wirkten sogar eher depressiv und hätten ein „zerknittertes Selbstwertgefühl“. Manche fehlten häufig in der Schule wegen Migräne, Darmbeschwerden, Durchfällen, Übelkeiten usw. „und die Eltern erbitten, diese Ausfälle in der Schule oder in der Lehrstelle zu decken“. Oder der Hausarzt sehe sie gar nicht, stattdessen kämen die Eltern mit psychosomatischen Symptomen wie z.B. Schlaflosigkeit, „weil sie das Management dieser Jugendlichen in der Pubertät oder Hochpubertät nicht mehr bewerkstelligen können“.

Hier seien die Hausärzte „die wesentlichen Personen“, weil sie entsprechende Probleme frühzeitig erkennen und dadurch eine ganz hohe psychosoziale Wirkung entfalten können, unterstreicht die Ärztin. Der Hausarzt hilft hier „extrem“ – auch ökonomisch gesehen für den Staat –, wenn er Klartext spricht: „Schauen Sie, das ist ein Thema, das kann man als Familie nicht mehr alleine lösen, Sie brauchen Hilfe von außen.“ Als Erstansprechstelle für die Familie biete sich die ARGE Erziehungsberatung an. Der im Buch mit praktischen Beispielen vorgestellte Erziehungsplan für Tyrannenkinder geht aber über die Familie hinaus. Das begründet Leibovici- Mühlberger so: „Wir leben heute in einer stark narzisstisch orientierten, utilitaristischen Gesellschaft, die Ich-AG ist uns wichtig. Gleichzeitig leben wir in einem Gesamtökosystem und nicht mehr in vielen, kleinen, voneinander geschiedenen Ökosystemen wie noch vor hundert Jahren.“ Deswegen brauche es auch einen anderen Menschentyp, „einen, der bereit ist, sozial über seinen Häferlrand hinauszudenken“, einen „Homo sapiens socialis“, nicht einen „Homo sapiens bestialis“.

Ein einzigartiges Wesen

Zudem habe die „frühe Institution“ als Sozialisierungseinrichtung einen unvergleichlich größeren Auftrag: „Die Kinder spielen ja nicht mehr draußen vor der Türe und haben auch nicht mehr drei, vier oder fünf Geschwister. Mich in der Gruppe zu bewegen, welche Spielregeln unter Altersgleichen gelten, das lernt das Kind heute nur mehr in der Institution.“ Gerade der Kindergarten sei daher ein Ort, der „Hochachtung, Unterstützung und maximale Ressourcenausstattung“ verdient, schreibt sie in dem Buch. Und so sehen die Grundprinzipien von Leibovici-Mühlbergers Erziehungsplan aus: Die elterliche Rolle bestehe darin, nicht „bester Freund“ zu sein, sondern „Führungsverantwortung“ übernehmen zu können. Dabei sind die Eltern „Experte“ für ihr Kind. „Ich muss mich auf mein Kind kalibrieren, Zeit mit ihm verbringen, es kennenlernen als einzigartiges Wesen – nicht besonders, aber einzigartig“, betont sie. Führungsverantwortung heiße, dem Kind den Lebensraum jeweils altersadäquat vorzustrukturieren, sozusagen ein „Geländer“ zu bieten.

„Ich muss Grenzen setzen, die für mein Kind und sein Alter und seinem Kompetenzprofil, das es schon installiert hat, passend sind.“ Manche 14-Jährige könnten z.B. gewisse Ausgehzeiten managen, andere noch nicht, berichtet die vierfache Mutter aus eigener Erfahrung: „Darum sind sogenannte Expertenempfehlungen, was ein 14-Jähriger machen darf oder soll, mit Vorsicht zu genießen, denn der Experte kennt mein Kind nicht. Hier dürfen sich Eltern auch nicht von Experten verwirren lassen, sondern müssen bitte auf ihren eigenen Expertenstatus beharren!“ Ihre Hauptbotschaft: „Wir müssen die Ärmel aufkrempeln.“ Denn die nächste Generation werde Probleme lösen müssen, „von denen wir heute als erwachsene Generation nicht einmal träumen“. Dafür brauche die jetzt heranwachsende Generation einen stabilen Selbstwert und ein hohes ethisches und moralisches Bewusstsein. „Dann könnte es kraft unserer Technologien und Fortschritte, gerade auch in der Medizin, gelingen, wirklich ein goldenes Zeitalter für den Globus zu entwickeln.“ Ansonsten gehe es in Richtung einer im Silicon Valley produzierten „Superrasse des Bodyenhancten Menschen, der Dominator und möglicherweise Terminator dieses Globus wird“.

„School of Life“

„School of Life“ ist ein gemeinnütziges Projekt in der Toskana für Jugendliche, das im Spätsommer/Herbst 2018 starten soll: Jeder Turnus umfasst rund zehn Teilnehmer und dauert 4–6 Wochen, danach folgt eine dreijährige Begleitung in einem Mentoringprogramm. Ein geregelter Tagesablauf, therapeutische Zielarbeit und „digital detox“ sollen die jungen Menschen in die Autonomie führen. Finanziert wird die „School of Life“ durch nachhaltige Olivenbaumpatenschaften.
Infos und Bewerbungen:
www.schooloflife.co.at
www.olioprofuturo.com

Buch-Tipp

Cover

Martina Leibovici-Mühlberger: Der Tyrannenkinder Erziehungsplan,
Edition a, 2018, 336 S., 24,90 €,
ISBN 978-3-99001-232-1

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