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Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Hilbe

Neuer OeGHO-Präsident: „Wir müssen ein Gegengewicht sein“

Auf der Frühjahrstagung der Österreichischen Gesellschaft für Hämatologie & Medizinische Onkologie (OeGHO) wurde ein neuer Präsident gewählt: Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Hilbe, Vorstand der 1. Medizinischen Abteilung am Wilhelminenspital, übernimmt von seinem Vorgänger Univ.-Prof. Dr. Andreas Petzer eine stark gewachsene Fachgesellschaft. Die krebs:hilfe! bat den neuen OeGHO-Präsidenten zum Gespräch. (krebs:hilfe! 5/19)

krebs:hilfe!: Zuvor waren Sie bereits 2. Vizepräsident, haben also auch die letzten Jahre schon aktiv mitgestaltet. Mit welchen Zielen sind Sie angetreten?

Hilbe: Es gibt zwei wesentliche Punkte, die mir wichtig sind. Wir haben einen enormen Wissenszuwachs in unserem Fach. Alle sieben Jahre verdoppelt sich das Wissen im Bereich der Hämatologie und Onkologie. Hier müssen wir einerseits sicherstellen, dass wir dieses Wissen sehr zeitnah zu den Patienten bringen, damit diese profitieren können. Zum anderen müssen wir das Wissen in die Ausbildung der Jungärzte integrieren.

Was heißt das konkret für die Ausbildung?

Wir haben eine höhere Anforderung an die künftigen Hämatologen und Onkologen. Gleichzeitig wird aber die Ausbildung de facto durch die Ausbildungsreform 2015 verkürzt. Die Zeit, die uns hier fehlt, müssen wir aufholen und noch intensiver gestalten, um die Jungärzte zu kritisch-analytischen Menschen zu machen.

Wie möchten Sie diese kritisch-analytische Expertise fördern?

Alle Mediziner müssen das, was sie beim Patienten beobachten und befunden, kritisch-analytisch hinterfragen, um zu einer exakten Diagnose zu kommen und in weiterer Folge die optimale Therapie zu finden. Dieses Hinterfragen macht einen guten Hämatologen und Onkologen aus. Wichtig ist dabei auch der Wissenstransfer. Deshalb investieren wir einerseits in die Ausbildung, andererseits möchten wir auch die Onkopedia-Leitlinien, die wir gemeinsam mit den deutschen Kollegen der DGHO entwickelt haben, weiter ausbauen. Hier publizieren wir aktuelle Experten-Leitlinien auf dem Gebiet der Hämatologie und Onkologie und machen diese offen zugänglich.

Sie verstehen sich als Advokat der Patienten – wie wollen Sie die OeGHO hier positionieren?

Wir haben ganz klar den Auftrag der Patientenversorgung. Die wesentliche Frage ist, wie wir dem Anspruch der Patienten begegnen können. Es geht vor allem um Infrastruktur. Hier müssen wir Mängel und Erschwernisse für die Patienten aufzeigen und Druck machen, um diese zu verbessern. Wir müssen also im Sinne der Patienten ein Meinungsbildner sein. Wenn man die politische Diskussion im Gesundheitsbereich verfolgt, dann hat man manchmal das Gefühl, dass es nur um ökonomische Faktoren geht. Als eine der größten medizinischen Fachgesellschaften müssen wir ein Gegengewicht sein. Wir haben eine Verantwortung gegenüber den Patienten, die ein Recht haben auf eine bestmögliche medizinische Betreuung. Das heißt jetzt nicht, dass alles, was möglich ist, auch sinnvoll ist. Aber was sinnvoll ist, muss geleistet werden.

Welche konkreten Projekte gibt es hier, wo Sie als OeGHO beteiligt waren?

Wir können nicht Politik machen oder den Politikern vorschreiben, was sie zu tun haben, aber wir können auf Probleme hinweisen. Und wir können Netzwerke fördern und ausbauen. Hier können wir schon Erfolgsprojekte vorweisen. Highlights sind etwa in Oberösterreich das Krebs-Netzwerk, in Innsbruck das CCC oder in Wien das Vienna Cancer Center. Diese Vernetzung schafft einen Wissenstransfer und damit für den Patienten letztendlich die bestmögliche Therapie. Die Herausforderung dabei ist die IT-Vernetzung von unterschiedlichen Systemen. Hier gibt es in der Steiermark ein sehr vielversprechendes Projekt, wo die niedergelassenen Ärzte eingebunden sind und im System jeweils sehen können, wo ihre Patienten stehen, wie der derzeitige Fortschritt bei den Therapien ist. Damit kann der behandelnde Arzt die Patienten viel besser begleiten, auch abseits vom intramuralen Bereich.

Welchen Stellenwert hat dabei Forschung?

Forschung ist ein großes Thema für uns, speziell klinische Forschung. Wir beobachten international, dass die Zahl der Patienten, die in klinischen Studien eingeschlossen ist, sinkt. Hier müssen wir gegensteuern.

Was sind die Gründe für die sinkenden Studienteilnehmer?

Zum einen haben sich die Zulassungsvoraussetzungen geändert, zum anderen forschen wir heute oft an sehr kleinen Gruppen mit bestimmten Erkrankungen oder Biomarkern. Durch die Präzisionsmedizin sind „high volume studies“, die epidemiologisch eine ganze Bevölkerung untersuchen, meist nicht mehr notwendig und werden daher nicht mehr gefordert. Wir haben heute oft weltweit nur ein paar Hundert Patienten in einer Studie. Auf der anderen Seite stehen viel mehr Medikamente und Therapien zur Verfügung, die eine Abklärung erfordern. Der Trend geht also zu mehr, aber kleineren Studien. Es ist unsere Aufgabe als Fachgesellschaft, uns einzusetzen, um klinische Studien in Österreich zu fördern. Klinische Studien sind nicht nur wichtig für die Patienten, da diese die bestmögliche Therapie bekommen sollen, sondern sind auch ein Wirtschaftsfaktor.

Was können Sie als Fachgesellschaft tun, um klinische Studien zu forcieren?

Wir sind nicht die Finanzierer von Studien, diese Gelder haben wir nicht. Aber was wir machen, ist, der Forschung eine Plattform zu bieten. Diese Plattform gibt es einerseits bei unseren Kongressen, wo wir Kolleginnen und Kollegen die Möglichkeit geben, ihre Studienergebnisse vorzustellen. Andererseits wollen wir auch junge Forscher motivieren, etwa mit Poster- oder Innovationspreisen.

In den letzten Jahren ist die Fachgesellschaft stark gewachsen – auf derzeit über 800 Mitglieder. Was war der Schlüssel für das Wachstum?

Da spielt sicher eine Fülle an Faktoren eine Rolle. Aber wir haben viel investiert, um junge Kolleginnen und Kollegen abzuholen und ihnen einen Nutzen zu bieten. Früher ist man ja erst in einem reiferen Alter eingetreten, das hat sich jetzt geändert. Außerdem sind in unserer Fachgesellschaft nicht nur Hämatologen und Onkologen vertreten, sondern es finden auch Grundlagenforscher, Biotechnologen und andere verwandte Disziplinen den Weg zu uns. Es ist uns gelungen, hier ein Netzwerk zu etablieren, das attraktiv ist, auch für andere.

Das starke Wachstum ist ja auch eine Herausforderung ...

Ja, die Herausforderung liegt vor allem in der Kommunikation. Wie halte ich mit 800 Mitgliedern Kontakt, was kann ich ihnen bieten? Und wie stelle ich den Wissenstransfer zu den onkologischen und hämatologischen Patienten sicher?

Wie spricht die OeGHO ihre unterschiedlichen Zielgruppen an?

Wir als Fachgesellschaft kommunizieren natürlich über mehrere Ebenen mit unseren Zielgruppen. Zum einen sprechen wir Studierende und Ärzte direkt über die Aus- und Weiterbildungsangebote und Kongresse an. Zum anderen richten wir uns via Website an Ärzte und Patienten, wo wir über Seminare informieren oder Stellungnahmen zu aktuellen Entwicklungen veröffentlichen, wie etwa zum Thema Methadon.

Die OeGHO hat aber nicht nur eine, sondern vier Webseiten. Wie ist es, auf so unterschiedlichen Kanälen zu kommunizieren?

Die Websites aktuell zu halten, ist eine gewaltige Herausforderung. Langfristig ist es geplant, die Seiten zu fusionieren und nur noch eine Website zu führen – mit jeweils unterschiedlichen Ebenen. Aber das ist eine riesige Challenge. Wir sind ja nur ein kleines Team, die meisten davon ehrenamtlich. Eigentlich sind nur unser Geschäftsführer und eine Mitarbeiterin, die für die Fortbildungsveranstaltungen zuständig ist, von der Gesellschaft angestellt. Alle anderen sind – so wie ich – ehrenamtlich tätig. Hier müssen wir sicher überlegen, ob und wie wir unsere Strukturen mitwachsen lassen.

Gilt das auch für die Ausbildungsschiene?

Bei der Aus- und Weiterbildung haben wir vor etwa zwei Jahren die Onconovum academy ins Leben gerufen. Das ist eine eigene GmbH, wo die OeGHO als Träger auftritt. Hier bieten wir Aus- und Weiterbildungsseminare an und unterstützen Fortbildungsveranstaltungen. Das hat sich mittlerweile sehr gut etabliert, die Veranstaltungen werden sehr gut angenommen.

Was heißt das in Zahlen?

Bei der Frühjahrstagung in Linz hatten wir etwa 1.000 Teilnehmer, bei der „Best of ASCO“ 300. Und dann haben wir noch eine Reihe kleinere Veranstaltungen, mit jeweils zwischen 50 und 100 Teilnehmern. Das ist schon eine recht gute Abdeckung, mit der wir zufrieden sind. Aber wir achten auch darauf, dass wir ein qualitativ hochwertiges Programm bieten. Das ist vor allem auch für junge Kollegen wichtig, die sehr kritisch hinterfragen, was die Fortbildung bringt.

Vielen Dank für das Gespräch!

Über Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Hilbe

Der gebürtige Tiroler Wolfgang Hilbe absolvierte sein Medizinstudium in Innsbruck und startete dort 1992 mit einem Forschungsstipendium an der Leopold-Franzens-Universität. 2002 beendete er die Facharztausbildung für Hämatologie und Onkologie. 2004 habilitierte er und wurde zum außerordentlichen Universitätsprofessor ernannt. 2008 erfolgte die Ernennung zum stellvertretenden Klinikdirektor der Innsbrucker Universitätsklinik V, Schwerpunkt Hämatologie und Onkologie. 2014 erfolgte der Wechsel nach Wien ans Wilhelminenspital, wo er seither als Vorstand der 1. Medizinischen Abteilung das Zentrum für Onkologie und Hämatologie mit Ambulanz und Palliativstation leitet.

Das neue OeGHO-Präsidium

Neben zwei Neuzugängen gab es Funktionsänderungen bei bereits im OeGHO-Vorstand Engagierten. Nicht neu im OeGHO-Vorstand, aber in seiner Funktion als 1. Vizepräsident ist Univ.-Prof. Dr. Ewald Wöll (KH Zams). Er fand schon seine bisherige Arbeit als Sekretär der OeGHO sehr interessant. Die zusätzliche ehrenamtliche Arbeit wird für ihn dadurch aufgewogen, dass er an der Gestaltung der zukünftigen Arbeitsbedingungen von Onkologen bzw. Behandlungssituation von Krebspatienten mitarbeiten kann. „Mein besonderes Interesse liegt in der Förderung der Hämatologie und internistischen Onkologie auf allen Ebenen und der interdisziplinären Kooperation. Dabei gilt es, zukünftige Herausforderungen früh zu erkennen, zu thematisieren und zu bearbeiten mit dem Ziel, Lösungskonzepte zu bieten“, sagt Wöll. Dabei schätzt er die strategische Entwicklung und die Zusammenarbeit innerhalb der OeGHO sehr, aber auch die gute Kooperation mit den deutschen und Schweizer Vorstandskollegen. „Durch das ‚Über-den-Tellerrand-Schauen‘ wird unsere Arbeit inspiriert“, ist er überzeugt.

Seine alte Funktion übernimmt die neu in den OeGHO-Vorstand eingezogene Priv.-Doz. Dr. Birgit Grünberger (Klinikum Wiener Neustadt). Gefragt nach ihrer Motivation für diese ehrenamtliche Zusatzarbeit, sagt Grünberger: „Es war mir schon bei der Anfrage, ob ich dies gerne machen würde, klar, dass dies eine Reihe zusätzlicher Termine und Verpflichtungen bedeutet. Allerdings sehe ich, dass viel frischer Wind in die OeGHO gekommen ist, der viel bewegen kann, und ich möchte dazu sehr gerne einen Teil beitragen.“ Als Schwerpunkte, die ihr wichtig sind, nennt sie die Förderung der jungen Kollegen, die Frauenförderung und eine engere Zusammenarbeit zwischen allen Fachdisziplinen beispielsweise beim Erstellen gemeinsamer Leitlinien. Bezugnehmend auf das Leitthema des Frühjahrskongresses, die Digitalisierung, begrüßt sie die Zunahme generell als gute Entwicklung. „Sie muss aber gut eingesetzt werden, um die Vorteile optimal zu nutzen“, weiß sie.

Ebenfalls neu im Vorstand ist der 2. Vizepräsident Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Eisterer (Klinikum Klagenfurt). Univ.-Prof. Dr. Andreas Petzer (Ordensklinikum Linz) als Past President, Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Köstler, PhD, (MedUni Wien) in der Funktion des Kassiers, sowie Univ.-Doz. Dr. Holger Rumpold (Landeskrankenhaus Feldkirch) und Univ.-Prof. Dr. Paul Höcker (emerit. Leiter der Abteilung für Transfusionsmedizin AKH/MedUni Wien) in der Funktion von Rechnungsprüfern, gehören weiterhin dem Vorstand an.

Die beiden neuen Vizepräsidenten Wöll und Eisterer. Ein weiterer Neuzugang im Vorstand: Grünberger.

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