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Arbeiten in der Schweiz

„Zuwanderung ist grundlegend für das Versorgungssystem“ – so fasst der Berufsverband der Schweizer Ärzte die Situation zusammen. Rund ein Drittel der Schweizer Ärzte sind keine geborenen Schweizer. Zu denen, die dem Ruf der Schweiz gefolgt sind, zählen auch einige Österreicher. Die krebs:hilfe! sprach mit vier Ausgewanderten. (krebs:hilfe! 1-2/17)   

FOTO: ISTOCK/NIYAZZ

Die Berge und Seen sind es nicht. Die haben wir auch. Den guten Wein ebenfalls. Und sogar wegen der Schokolade muss man dank Zotter und anderen engagierten österreichischen Chocolatiers jetzt nicht mehr in die Schweiz. Was die Arbeit betrifft, sehen das einige österreichische Ärzte durchaus anders.

Adieu Freunderlwirtschaft

Warum österreichische Mediziner ihr Heimatland verlassen und dem Ruf nach Westen gefolgt sind, hat einen Haupt- und viele Nebengründe. Der Hauptgrund: Sie sind beruflich in einer Art Sackgasse angelangt. Der Wiener Pathologe Dr. Sebastian Leibl beschreibt seine damalige Situation recht eindeutig: „Ich hätte mich vor vier Jahren schon für einen Chefarztposten bewerben können, aber es war recht klar, dass ich nicht weit gekommen wäre. Es ist ja in Österreich immer noch so, dass die Freunderlwirtschaft vorherrscht, Ausschreibungen werden nur pro forma gemacht, und die Qualifikation für eine Kandidatur ist eher nebensächlich.“ Zu den vielen freien Arztstellen kommen gute Aufstiegschancen. Jobs werden objektiver ausgeschrieben und auch wenn es vorkommt, das gewisse Schlüsselstellen nur von Schweizern besetzt werden, bekommt man doch das Gefühl, dass es hier gerechter zugeht.

FOTO: ROSALIA RUTTER

Name: Priv.-Doz. Dr. Sebastian Leibl
Ausbildung/Fach: Pathologie

Letzte Anstellung in Österreich: selbstständig
Aktuelle Position in der Schweiz: Oberarzt, Universitätsspital Zürich
Was gefällt am besten: die Seen und das Skifahren
Was irritiert am meisten: die subtile Kommunikation
Was wird vermisst: Wiener Schnitzel, Erdäpfelsalat und die Familie
Zurück nach Österreich? Vielleicht

FOTO: ROSALIA RUTTER

Name: Dr. Manon Leibl
Ausbildung/Fach: Pneumologie (in Ausbildung)

Letzte Anstellung in Österreich: Kardiologie am Wiener Wilhelminenspital
Aktuelle Position in der Schweiz: Assistenzärztin, Rehaklinik Wald
Was gefällt am besten: der Käse und die Schokolade
Was irritiert am meisten: dass ich die Sprache immer noch nicht ganz verstehe
Was wird vermisst: neben dem Schnitzel natürlich die Familie
Zurück nach Österreich? Vielleicht

FOTO: ROSALIA RUTTER

Name: Priv.- Doz. Dr. Christoph Tausch
Ausbildung/Fach: Chirurgie

Letzte Anstellung in Österreich: Oberarzt am AKH Linz
Aktuelle Position in der Schweiz: Chefarzt und Co-Direktor, Brustzentrum Zürich
Was gefällt am besten: in einer privaten Einrichtung auf hohem Niveau zu arbeiten und trotzdem mit anderen Institutionen gut vernetzt zu sein
Was irritiert am meisten: dass alle glauben, dass ich ein Gynäkologe bin
Was wird vermisst: der Schmäh
Zurück nach Österreich? Da müsste sich viel ändern

 

„Man braucht hier keine Habilitation, um einen Chefarztposten zu bekommen, was ein Vorteil ist, und die Qualifikation wird sehr genau und objektiv überprüft“, sagt Sebastian Leibl. Seine Frau, Dr. Manon Leibl, sieht das ähnlich: „Ich habe lange auf einen Ausbildungsplatz gewartet und wurde immer wieder hingehalten. Dann wurden mir als Steirerin in Wien auch noch formale Steine in den Weg gelegt, so dass ich schlussendlich – obwohl mir mein Vorgesetzter einen Ausbildungsplatz angeboten hat – nicht eingestellt wurde.“

Frustriert über seinen damaligen Arbeitsplatz am AKH Linz war auch Dr. Christoph Tausch, heute Chefarzt und Co-Direktor am Brustzentrum Zürich: „Ich hab einfach gemerkt, ich komme hier nicht weiter. Und als ich vom Leiter dieses Instituts, dessen Nachfolger ich jetzt bin, angefragt wurde, habe ich mich schon gefreut.“ Persönlich angesprochen wurde auch Sebastian Leibl: „Es war eher ein Zufall, dass ich jemanden vom Universitätsspital Zürich kennengelernt habe, der uns dann eingeladen hat – und als klar war, dass auch ein Ausbildungsplatz für meine Frau bereitsteht, waren wir nach bereits drei Monaten vor Ort.“

Gruezi Kulturschock

Der Arbeitsanfang in der Fremde war dennoch für alle schwierig. Die Organisation und Abrechnungen erfolgen ganz anders, und manche (Schweizer) Mitarbeiter testen den neuen Chef oder die neue Chefin anfangs gern auf soziale und berufliche Flexibilität. Dazu kommt das im Vergleich zu Österreich höhere Arbeitspensum. Eine Vollanstellung schlägt mit 42 bis 50 Stunden zu Buche, was im Endeffekt leicht zu 60 Wochenstunden führt. Manon Leibl: „Das Vorurteil des langsamen Schweizers stimmt sicher nicht – langsam ist hier niemand. Das Arbeitspensum ist gewaltig, und es wird sehr schnell und vor allem sehr effizient gearbeitet.“ Gewöhnungsbedürftig ist auch der Umstand, dass die Mediziner nahezu rund um die Uhr für ihre Patienten erreichbar sein sollen.

„Im Spitalsbetrieb heißt das, dass auch um halb sechs noch jemand den Hörer abhebt, anstatt um zwei oder um vier nach Hause zu gehen, wie das in Österreich oft der Fall ist“, sagt Tausch. Eine weitere Hürde ist das Sprachproblem. Zwar arbeiten deutschsprachige Ärzte fast durchwegs in der deutschsprachigen Schweiz, aber Züri- und Baseldütsch wollen auch erst gemeistert werden. Sebastian Leibl: „Was mir noch aufgefallen ist, dass hier weniger direkt kommuniziert wird. Gerade wenn es Probleme gibt, sind die Schweizer eher konfliktscheu und schreiben lieber eine E-Mail, in dem die Dinge dann auch nur indirekt angesprochen werden.“ Laut Tausch dauert es auch eine Zeit, bis man seinen Platz unter den Schweizer Kollegen in den jeweiligen Fachgesellschaften gefunden hat.

Mehr Geld für das System

Trotz des höheren Arbeitspensums gibt es in der Schweiz weniger Feier- und Urlaubstage als in Österreich. Der Grundvertrag sieht nur 20 Tage im Jahr vor. So gesehen, rechnet sich der höhere Verdienst nicht ganz so gut, wie erwartet. Die teuren Lebenshaltungskosten tun ein Übriges. Zürich hält hier in vielen Umfragen einen der weltweiten Spitzenplätze. Die Doppelbesteuerung von Ehepaaren und die exzessiv teure Kinderbetreuung machen es Familien nicht leicht. Unter dem Strich jedoch, das beteuern alle Befragten einhellig, ist die finanzielle Situation je nach Fach und Position trotzdem besser als in Österreich.

Gut bewertet wird auch die Internationalität der Spitäler. Sowohl die Ärzte wie auch die Patienten kommen von überall her. Sebastian Leibl: „Viele glauben, dass die Qualität der Behandlung hier besser ist, was aber so sicher nicht stimmt.“ Generell sind medizinische Einrichtungen nicht besser als in Österreich, aber tendenziell besser ausgestattet. Das wiederum liegt am Schweizer Gesundheitssystem selbst. Es ist einfach mehr Geld für alles da. Die Versicherungsbeiträge sind hoch, und jeder Versicherte muss mehr oder weniger hohe Selbstbehalte (sog. Franchisen) zahlen.

Tausch: „Das führt dazu, dass die Leute hier wirklich nur zum Arzt gehen, wenn sie ein gröberes Problem haben.“ Das lässt mehr Geld für die Versorgung der schwer kranken Patienten übrig und Raum für eine bessere und schnellere Diagnostik und Behandlung. Manon Leibl: „So etwas wie Gangbetten kennt man hier nicht, und ein MRI gibt es oft auch schon am nächsten Tag.“ Mit Roche und Novartis sind auch zwei große Pharma-Riesen im Land, was die Chance, Studien an Land zu ziehen, deutlich erhöht. (Obwohl es gerüchteweise sogar Schweizer Firmen zu teuer ist, Studien im eigenen Land durchzuführen.) Tausch: „Mir kommt aber vor, dass es hier schwieriger ist, Patienten zu rekrutieren. Die sagen hier schnell einmal, da mache ich nicht mit.“

Auf Du und Du

Was die Schweiz unter allen ausländischen und vor allem deutschsprachigen Ärzten sehr beliebt macht, sind ihre flachen Hierarchien. Man ist einfach generell freundlicher und schnell per Du mit allen Kollegen. Manon Leibl: „In Wien waren die Oberärzte ja nur am Schimpfen und Herumschreien. Fragen sollte man schon gar nichts. Hier in der Schweiz haben sich meine Vorgesetzten mit Vornamen vorgestellt und sind extrem Teaching-orientiert. Es wird alles erklärt, man kann immer nachfragen oder anrufen.“ Wobei die Österreicher gegenüber den Schweizern in der Ausbildung sogar im Vorteil sind.

Ein Turnus ist im Schweizer System nicht vorgesehen, und dementsprechend hilflos agieren manche Jungärzte, die vom Studium direkt ins Fach wechseln. Luft nach oben gibt es bei den österreichischen Ärzten in puncto Genauigkeit. Tausch: „Trendmäßig würde ich sagen, dass sich hier alle mehr bemühen und alles von Haus aus korrekter abläuft.“ Sebastian Leibl sieht es ähnlich: „Die Schweizer wollen alles zu 100 Prozent machen, und dafür wird ein relativ großer Aufwand betrieben, der aber auch manchmal zu absurden neuen Fehlern führt.“ Sicher ist, dass die rigorosen Kontrollkreisläufe zu einem bürokratischen Mehraufwand führen.

Die aktuelle Situation

Das wiederum schafft mehr Arbeit und noch mehr Arbeitsstellen, die jetzt schon kaum noch besetzt werden können. Vom inländischen Personal schon gar nicht. Während vor fünf Jahren nur ein Viertel der Ärzteschaft aus dem Ausland gedeckt wurde, ist es nun ein sattes Drittel. Daran wird sich in naher Zukunft nicht viel ändern. In den nächsten zehn Jahren werden 60 Prozent der jetzt erwerbstätigen Ärzte in Pension gehen. Das schafft Arbeitsplätze in nahezu allen Fachrichtungen und Ebenen, wobei ein Mangel an Grundversorgern in ländlichen Gebieten besonders hervorsticht.

In der deutschsprachigen Schweiz sind es bisher vor allem die deutschen Ärzte, die dem Ruf der Berge gefolgt sind. Sie stellen rund 18 Prozent (Österreich 1,9%) aller Auslandsärzte in der gesamten Schweiz, wobei die Attraktivität des Landes neuerdings abnimmt. Arbeitszeitbeschränkungen sowie Ferien- und Lohnerhöhung in Deutschland machen das eigene Land wieder attraktiv. Im Gegensatz zu den Österreichern haben viele deutsche Ärzte auch den Eindruck, in der Schweiz nicht unbedingt willkommen zu sein, und möchten – laut Zeitungsberichten – auch ihren Kindern Anfeindungen in der Schule ersparen.

Aktuell versuchen es die Eidgenossen mit einer Ausbildungsoffensive und pumpen 100 Millionen Franken in die Universitäten. Das Angebot wird von den Studenten gerne angenommen, aber auch etwa 20 Prozent der Schweizer Ärzte wollen nach ihrem Studium nicht unbedingt in der Schweiz bleiben oder wechseln den Job. Warum? Ein zu hohes Arbeitspensum, das im Vergleich zu anderen Jobs geringere Gehalt und die Unvereinbarkeit von Arbeit und Familie wurden als Gründe erhoben.

„Die österreichischen Spitalsträger müssen noch viel lernen“

FOTO: BARBARA KROBATH

Name: PD Dr. Michael Knauer
Ausbildung/Fach: FA für Allgemein- und Viszeralchirurgie
Letzte Anstellung in Österreich: Oberarzt am KH der BHS Linz
Aktuelle Position in der Schweiz: Leitender Arzt im Brustzentrum St. Gallen am Kantonsspital St. Gallen

Was gefällt am besten: Zwei Dinge unterscheiden die Arbeit als angestellter Spitalsarzt deutlich von der Tätigkeit in Österreich. Einerseits sind die zeitlichen Ressourcen, die man als Arzt für die Patientinnen zur Verfügung hat, deutlich größer und vor allem auch besser organisiert. Die Patientinnen sind es dadurch auch nicht gewohnt, in einer Ambulanz überhaupt zu warten, aber auch wir Ärzte können gut strukturiert arbeiten mit ausreichend Support durch Dispositionspersonal für Terminkoordinationen und auch durch die Pflege, die sehr viele Tätigkeiten übernimmt bis hin zu Blutkonserven und Chemotherapien verabreichen.
Zum anderen gibt es zwischen Oberarzt und Chefarzt noch zwei Zwischenstufen in der Hierarchie, wo man z.B. als „Leitender Arzt“ seinen eigenen Fachbereich selbstständig vertritt und verantwortet, was durchaus auch längerfristig in der Karriere erstrebenswert sein kann. Vorteilhaft aus meiner Sicht ist auch, dass neben den Assistenz- und jungen Oberärzten, die das Arbeitszeitgesetz minutiös einhalten, die höheren Kader davon ausgenommen sind – allerdings bei dementsprechend wertschätzender Entlohnung.

Was irritiert am meisten: Ein Wort, das ich schnell lernen musste, heißt „Vernehmlassung“ – d.h., dass man nicht schnell, unbürokratisch und vielleicht manchmal auch sinnvoll „von oben herab“ Entscheidungen treffen kann, sondern man holt alle Beteiligten ins Boot, jeder gibt seine Meinung ab, und diese soll dann auch berücksichtigt werden. Dieser Prozess ist oft langwierig und mühsam bis hin zu nervenaufreibend. Allerdings wenn ein Projekt dann mal erfolgreich implementiert ist, tragen auch alle die Entscheidungen mit.

Was wird vermisst: Die österreichische Gemütlichkeit, der Schmäh und auch die Bereitschaft, Kompromisse im Sinne einer „österreichischen Lösung“ einzugehen. Ich würde auch sagen, die österreichische Küche – allerdings ist bei uns im Spital der Küchenchef auch Österreicher, und somit genieße ich regelmäßig Kaiserschmarren und Co. Manchmal wäre es auch leichter im Alltag, wenn man gelegentlich Dinge einfach „jemandem anschaffen“ könnte ohne basisdemokratische und föderalistische Diskussionen.

Zurück nach Österreich? Momentan komme ich noch jeden Abend nach Österreich. Allerdings macht es das österreichische Lohnsteuersystem nicht einfach, sich für einen Wohnsitz in unserem schönen Land zu entscheiden, wenn man zwei Kilometer weiter nur die Hälfte abtreten muss und die Einnahmen auch noch der jeweiligen Gemeinde zugute kommen und nicht in Budgetlöchern des Bundes versenkt werden. Von der medizinischen Behandlung der Patientinnen her besteht nicht mal so sehr ein Unterschied, und ich könnte mir eine Rückkehr gut vorstellen. Allerdings müssen die Spitalsträger in Österreich noch viel lernen, was Karriereoptionen, Wertschätzung, Entlohnung und vor allem auch Bereitschaft zu Strukturveränderungen betrifft. Somit werde ich – zumindest kurzfristig – nicht nach Österreich zurückkehren.

 

 

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