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Interview

Der Lebenstil vieler Kinder „ist skandalös“

Eine sorgfältige Anamnese sei im niedergelassenen Bereich unerlässlich, um Herz-Kreislauf-Erkrankungen frühzeitig zu erkennen, betont Prim. Univ.-Prof. Dr. Andrea Podczeck-Schweighofer. Von der Politik fordert sie, mehr in Prävention zu investieren. (Medical Tribune 29-35/18)

ÖKG-Präsidentin Andrea Podczeck-Schweighofer

Oftmals sind niedergelassene Haus- und Fachärzte die ersten Ansprechpartner für Patienten mit Herz-Kreislauf-Problemen. Welche Tipps können Sie ihnen, bezüglich der sich ständig verbessernden Dia­gnostik, geben?

Podczeck-Schweighofer: Über allem steht immer noch die sorgfältige Anamnese, gefolgt von einer klinischen Untersuchung und der Interpretation des Ruhe-EKGs. Stellt man das Risikoprofil und die Familienanamnese eines individuellen Patienten in Zusammenschau, so kann man bereits mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit dessen Risiko für eine KHK einschätzen. Natürlich wird man ab und zu an Grenzen stoßen und zusätzliche Untersuchungen brauchen. Dann hat die Ergometrie nach wie vor ihre Gültigkeit: bei Frauen und Männern. Ich betone das, weil oft gesagt wird, dass sie bei Frauen weniger aussagekräftig sei.

Die körperliche Belastbarkeit lässt sich aus meiner Sicht jedoch bei beiden Geschlechtern gut beurteilen. Um die Herzstrukturen darzustellen, ist die Echokardiographie die einfachste und komplikationsärmste Methode. Als nicht-invasives Hilfsmittel kommt die Koro­nar-CT hinzu. Allerdings empfiehlt es sich hier schon bei der Indikationsstellung einzuschätzen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein Herz-Katheter benötigt wird. Denn bei einer hohen Wahrscheinlichkeit kann man dem Patienten die Koro­nar-CT ersparen und sich gleich für die Herz-Katheter-Untersuchung entscheiden.

Schicken niedergelassene Ärzte Patienten mit Herz-Kreislauf-Problemen zu schnell zum Facharzt bzw. ins Spital?

Podczeck-Schweighofer: Tatsächlich könnten vieles die Hausärzte alleine abklären: den Patienten befragen, untersuchen/angreifen, die Herzgeräusche abhorchen, einen Gesamtkontext herstellen. Die Kommunikation ist ganz wichtig, kommt aber oft zu kurz, auch weil’s nicht honoriert wird. Werden die Patienten vorschnell an Internisten weitergeschickt, so machen diese manchmal alle Untersuchungen: vom Kopf bis zur Zehenspitze. Ich plädiere mehr für ein gezieltes Suchen.

Was könnte zu Verbesserungen beitragen?

Podczeck-Schweighofer: Im Prinzip, das muss man bei aller Kritik an unserem Gesundheitssystem sagen, haben wir ja immer noch eine sehr gute Gesundheitsversorgung. Wir haben vielleicht eine zu wenig zielgerichtete. Ich glaube, dass die Primärversorgung besser honoriert werden sollte. Dann würden auch die Zuweisungen automatisch gezielter erfolgen. Wobei man aufpassen muss, dass man nicht alle Kolleginnen und Kollegen über einen Kamm schert. Bei uns haben die Zuweisungen sowohl von Fach- als auch von Hausärzten meist Hand und Fuß.

Auch bei Kindern ist die Früherkennung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen ein wichtiges Thema. Was wollen Sie Pädiatern und Schulärzten mitgeben?

Podczeck-Schweighofer: Wichtig wäre, schon auch bei Kindern bzw. ihren Eltern nachzufragen, ob es in der Familie frühe Herz-Kreislauf-Erkrankungen gegeben hat oder gibt, um in Verdachtsfällen frühzeitig eingreifen zu können. Noch viel mehr beschäftigt mich jedoch, dass in Österreich die Prävention viel zu kurz kommt. Das sehen wir auch im internationalen Vergleich. Als Präsidentin der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft (ÖKG) habe ich mich verstärkt mit dieser Thematik auseinandergesetzt. Zu wenig Bewegung, das falsche Essen, schon vom Kindesalter an, das ist skandalös. Eine Gesellschaft kann letztlich nur länger gesund bleiben – ob jetzt koronar oder ganz allgemein –, wenn man mit Prävention so früh wie möglich startet. Die Kinder- und Schulärzte allein könnten da überfordert sein.

Wo müsste dann angesetzt werden?

Podczeck-Schweighofer: Wenn Kindergärten so gebaut werden – auch auf dem Land! –, dass die Kids nur von den Eltern mit dem Auto hingebracht werden können, dann brauche ich mich nicht zu wundern, wenn sie später gesundheitliche Probleme bekommen. Auch wenn ich die vielen rauchenden Mädels heute überall beobachte, kommt mir das Grauen. Je älter ich werde, desto mehr sehe ich das. Wir Ärzte sind nur das Endglied einer langen Kette.

Was würden Sie sich konkret wünschen?

Podczeck-Schweighofer: Prävention, Prävention. Ab dem Kindergarten auf ausreichend Bewegung und eine gesunde Ernährung schauen. Was glauben Sie, wie viele Adipöse wir nach wie vor haben, die nicht wissen, wieviel reiner Zucker in Eistees steckt? Ich halte es für eine echte gesellschaftliche Aufgabe, beim Zucker zu sparen, beim Fett zu sparen und das Nikotin zu bekämpfen. Und die Bewegung zu fördern. Ich brauch keine Extra-Turnstunde, wenn die Kinder zu Fuß in den Kindergarten und die Schule gehen. Und so setzt es sich fort. Das gilt für österreichische Familien und teils noch stärker für nicht österreichisch-stämmige.

Inwiefern?

Podczeck-Schweighofer: Allein wie viele adipöse diabetische Frauen und Männer ich heute wieder in der Ambulanz gesehen habe. Diese Menschen bewegen sich ihr ganzes Leben kaum – auch sie sind unsere Klientel. Weil es in ihrem ganzen gesellschaftlichen Denken nicht vorkommt, sich zu bewegen. Wobei ich hier von der älteren Generation spreche. In die jüngere habe ich diesbezüglich schon mehr Hoffnung. Krankheit hat auch mit sozialem Status zu tun, sehr viel sogar – mit arm oder wohlhabend.

Ihr abschließender Appell an Kassen und Politik?

Podczeck-Schweighofer: Die Vorsorge ist keine genuine Aufgabe der Krankenkassen, per definitionem nicht. Wenngleich sie jetzt zunehmend präventive Verordnungen bei seltenen Fettstoffwechselstörungen wie der familiären Hypercholesterinämie, die zu HKE führen, akzeptieren: PCSK9-Hemmer werden auch für Noch-Gesunde bezahlt, in deren Familie die genetische Erkrankung vorkommt. Das hätte es früher nicht gegeben! Mein Appell richtet sich jedoch vorrangig an Politik und Gesellschaft: Bei einer älter und multimorbider werdenden Gesellschaft wird viel mehr in Prävention investiert werden müssen, wenn sich weiterhin alles ausgehen soll. Ziel muss sein, unser gutes Gesundheitssystem zu erhalten.

Zur Person
Primaria Dr. Andrea Podczeck-Schweighofer leitet seit 2004 die Kardiologische Abteilung im Kaiser-Franz-Josef-Spital/SMZ Süd in Wien. Seit 2016 ist sie Universitätsprofessorin an der Sigmund Freud Universität in Wien und seit Juni 2017 Präsidentin der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft (ÖKG).

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