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COVID-19

Kinder und Corona: Aufatmen mit Vorsicht?

Mit Juni sind wie angekündigt wieder alle Schulen offen, auch jene für die Oberstufenschüler. Überraschend ließ jedoch Bildungsminister Dr. Heinz Faßmann (VP) die Maskenpflicht fallen und beruft sich dabei darauf, dass Kinder ohnehin nicht „spreaden“ würden – was jedoch nicht alle Virologen unterschreiben dürften.

Viele Kinder und Jugendliche freut es: Die Zeit der Masken in Schulen ist vorbei, für die Gymnasiasten der Oberstufe, die nach Pfingsten erstmals nach elf Wochen wieder die Schulbank drücken, hat sie nie begonnen. Die aktuelle, positive Entwicklung im Kampf gegen die Coronavirus-Pandemie erlaube Erleichterungen, Kinder könnten „auf- und durchatmen“, sagte VP-Bildungsminister Dr. Heinz Faßmann am 30.05.2020 bei einer Pressekonferenz. Denn der verpflichtende Mund-Nasen-Schutz (MNS) beim Betreten der Schule und in den Pausen auf den Gängen entfällt schon fast zwei Wochen früher und nicht erst ab dem 15. Juni, wie es zuerst von der Regierung geheißen hatte. Auch Turnunterricht werde auf freiwilliger Basis möglich sowie Singen im Musikunterricht.

Allerdings bleiben laut Faßmann Schichtunterricht und die Abstandregeln von einem Meter, wobei der Bildungsminister keinen Babyelefanten aus Pappe als Gradmesser aufstellen ließ. In Skandinavien habe sich bei den zum Teil vor Österreich vorgenommenen Öffnungen der Schulen keine Erhöhung der SARS-CoV-2-Infektionszahlen gezeigt, begründete Faßmann das Vorpreschen des Bildungsministeriums. „Kinder können angesteckt sein, aber sie spreaden nicht“, erklärt Faßmann.

Österreich: Vier Cluster mit 23 Fällen in Schulen

Es stimme, dass Kinder selten in Clustern dabei seien, sagt Virologin Dr. Elisabeth Puchhammer-Stöckl, Institut für Virologie Medizinische Universität Wien, vier Tage später, am 03.06.2020, im Gespräch mit der APA. „Dass Schulen sehr wohl ‚Ausbruchsräume‘ sein können, ist aber schon klar“, betont die Wissenschaftlerin. Bis 29.05.2020 habe die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) in ihren Analysen der Übertragungsketten in Österreich seit dem Beginn der Coronakrise unter 355 Clustern lediglich vier im Zusammenhang mit Schulen oder Kindergärten entdeckt. Sie hätten insgesamt nur 23 Fälle umfasst.

Dass Kinder mit SARS-CoV-2 infiziert werden können, sei bereits vielfach klar mit „Ja“ beantwortet worden, ebenso die Frage, ob sie das Virus ausscheiden. In nordischen Ländern wie Dänemark oder Norwegen hätten die Schulöffnungen zu keinem größeren Infektionsgeschehen geführt, anders als in Israel, wo sich neue Infektionsherde offenbar vor allem an Bildungseinrichtungen gebildet hätten, ist die Virologin bei ihrer Einschätzung vorsichtiger als der Bildungsminister. Insgesamt zeigte sie sich laut APA aber „erfreut“, dass der MNS an Schulen bereits ab sofort fällt. Vor allem kleinere Kinder hätten sich schwer mit der Handhabung der Masken getan. Und: „Zweitens haben wir ja wirklich sehr wenige Fälle in Österreich und viele Bezirke, wo sich hier momentan gar nichts tut.“ Unter diesen Voraussetzungen an der Maskenpflicht an Bildungseinrichtungen festzuhalten, „wäre dann eigentlich übertrieben“.

Deutscher Virologe warnt weiterhin

Ihr deutscher Virologen-Kollege, Prof. Dr. Christian Drosten, bleibt indes laut einem ORF-Bericht (03.06.2020) bei seinen Aussagen zur Ansteckung durch Kinder. Es gebe keine Hinweise darauf, dass Kinder in Bezug auf SARS-CoV-2 nicht genauso ansteckend seien wie Erwachsene, heißt es in einer überarbeiteten Fassung seiner Studie zur Coronavirus-Infektiosität. Ein erster Vorentwurf der Untersuchung, der noch nicht der Begutachtung von anderen Experten unterzogen worden war, hatte vor allem in Deutschland für heftige Dispute in den (sozialen) Medien gesorgt – bis hin zu Morddrohungen, da sein Forscherteam aufgrund der Ergebnisse vor einer uneingeschränkten Öffnung von Schulen und Kindergärten in Deutschland gewarnt hatte.

Drosten verwies am Freitag vor Pfingsten in sozialen Medien auch auf einen Artikel auf sciencemag.org* hin, wonach es einen großen Ausbruch im April an einer Schule in Schweden gab, wo ein Lehrer starb und 18 von 76 Lehrer und Mitarbeiter positiv getestet worden waren. Die Schule schloss für zwei Wochen, die Schüler wurden nicht getestet. Mindestens zwei Mitarbeiter anderer Schulen seien gestorben, diese blieben jedoch geöffnet.

*https://www.sciencemag.org/news/2020/05/how-sweden-wasted-rare-opportunity-study-coronavirus-schools

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