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Nosokomiale Infektionen: Bis zu 1.000 vermeidbare Todesfälle

Foto: artproem/GettyImagesHände desinfiziert? Was in der täglichen Hektik leicht vergessen wird, kann dramatische Folgen ­haben. Mit Transparenz und erhöhter Aufmerksamkeit auch seitens der Patienten könnten Spitals-assoziierte ­Infektionen deutlich reduziert werden. (CliniCum 01-02/18)

4,1 Millionen Menschen erkranken jährlich in Europa an einer nosokomialen Infektion, für 110.000 Todesfälle sind diese Infektionen zumindest mitverantwortlich. Das bedeutet, dass in Österreich jedes Jahr 2.400 Personen an den Folgen einer im Krankenhaus erworbenen Infektion sterben. 30 bis 40 Prozent davon wären durch konsequent durchgeführte Hygienemaßnahmen vermeidbar, so die Berechnung des European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC). Hochgerechnet auf Österreich wären das 800 bis 1.000 vermeidbare Todesfälle pro Jahr. Eine neue Spitalskultur, die Transparenz möglich macht, wäre dafür allerdings Voraussetzung. Darüber hinaus müssten bereits erfolgreich angewendeten Modellprojekte entsprechend präsentiert werden, um zum Nachahmen anzuregen. Ein Beispiel für ein solches Projekt sind die „Hygiene-Kopiloten“ am UKH Klagenfurt, wo bei jeder Visite eine Person aus dem Team bestimmt wird, die auf die Einhaltung der Hygienemaßnahmen achtet.

Auf freiwilliger Basis werden von einigen Spitälern seit 2003 Gesundheitssystem-assoziierte Infektionen erhoben und auf der Website des Gesundheitsministeriums veröffentlicht,* berichtet Dr. Alexander Blacky, Facharzt für Hygiene und Mikrobiologie und Leiter der Inspektionsstelle Sterilisation und Desinfektion der VAMED-KMB. Dies unterstreiche das mancherorts steigende Problembewusstsein: Ein guter Hinweis darauf sei es, wenn Ärzte ganz konkret die Infektionszahlen ihrer Abteilungen erfragen. Veränderungen auf Systemebene wären jedenfalls nötig, meint Blacky, und dazu gehört es etwa, medizinisches Fachpersonal von Verwaltungsaufgaben freizuspielen sowie Untersuchungen und Behandlungstermine realistisch einzuteilen.

„Hygiene darf nicht eine Frage von Zeit- oder Arbeitsdruck sein, denn mangelnde Hygiene führt zu einer deutlichen Zunahme des Gesamtaufwands.“ Für die Ärztliche Direktorin des Krankenhauses Hietzing und Präsidentin der Plattform Patientensicherheit, Dr. Brigitte Ettl, sind verpflichtende und laufende Schulungen aller Krankenhausmitarbeiter ein Zentralschlüssel zur Reduktion von Krankenhaus-Infektionen. „Am Krankenhaus Hietzing vergleichen wir unser Infektionszahlen laufend mit internationalen Benchmarks“, berichtet Ettl. Abweichungen werden intern besprochen und bieten im Bedarfsfall Anlass für Nachschulungen. Grund zur Zufriedenheit dürfe es praktisch nie geben. Führungskräfte, so Ettl, haben zudem Vorbildfunktion in puncto Händedesinfektion, ebenso werde der Einfluss der Patienten steigen: „In einigen Jahren könnte es eine Selbstverständlichkeit sein, dass Patienten danach fragen, ob sich Krankenhausmitarbeiter die Hände desinfiziert haben.“

Eigenverantwortung

Hygienemängel passieren im Alltag vielfach aus Unbedachtheit, weiß Dr. Monika Ploier, Rechtsanwältin und Medizinrechts-Expertin, aus eigenen Beobachtungen. „Es braucht oft jemanden, der darauf schaut, ob beispielsweise wirklich die Handschuhe gewechselt werden, wenn ein Mitarbeiter eine Untersuchung unterbricht, um etwas aus dem Nebenraum zu holen und dabei die Türklinke angreift.“ Die Haftung der Krankenanstalten entbindet einzelne Mitarbeiter nicht von ihrer Eigenverantwortung! Patienten, so Ploier, klagen zudem meist nicht wegen tatsächlich erlittener Schäden, z.B. infolge von Krankenhaus-Infektionen, sondern weil „keiner mit ihnen darüber gesprochen hat“ und sie sich dadurch nicht gut aufgehoben und ernst genommen fühlten.

Aufholbedarf bei Impfungen

Genügend und ausreichend qualifiziertes Pflegepersonal, das entsprechende Kapazitäten hat, ist eine wesentliche Bedingung für das Einhalten der nötigen Hygiene-Auflagen, betont Josef Zellhofer, Vorsitzender der ÖGB-Fachgruppenvereinigung für Gesundheits- und Sozialberufe: Dies sei nicht nur eine betriebswirtschaftliche, sondern auch eine volkswirtschaftliche Frage, denn mit der Reduktion der Krankenhausinfektionen ließen sich Spitalsaufenthalte sowie weitere vermeidbare Behandlungskosten oder Krankenstandstage verringern. Aufholbedarf ortet Zellhofer zudem bei der Impffreudigkeit unter Krankenhausmitarbeitern, die immerhin selbst sehr hohen Keimbelastungen ausgesetzt sind.

*Laut Bericht „Gesundheitssystem-assoziierte Infektionen in Österreich 2015“ betrug die kumulative Inzidenz chirurgischer Wund­infektionen bei Kolonoperationen 7,6% (2014: 3,8%, EU/EWR 9,5%). Unter allen nosokomialen Infektionen überwiegen anteilsmäßig Harnwegsinfektionen (22%), gefolgt von Pneumonien (20 %) und postoperativen Wundinfektionen (15%).

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