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50 verlorene Jahre

Bis Mitte der 1930er Jahre galt die Medizinische Fakultät in Wien mit ihren zahlreichen Nobelpreisträgern und  -nominierten als eine der führenden Institutionen weltweit. Die „Säuberung der Ärzteschaft“ im Zuge des Anschlusses 1938 bildete den dramatischen Höhepunkt einer Zäsur, die bereits im Austrofaschismus begonnen hatte und von der sich die heimische Medizinwissenschaft nie wieder ganz erholte. (CliniCum 4/18)

Mahnmal für die 65.000 ermordeten österreichischen Opfer der Schoah am Wiener Judenplatz.

Der 12. März markiert gleich in doppelter Hinsicht ein „einschneidendes Datum“ in der bewegten Geschichte der Universität Wien: Am 12. März 1365 wurde die Alma Mater Rudolphina Vindobonensis gegründet; der 12. März 1938 steht hingehen symbolhaft für deren „dunkelstes Kapitel“, stellt die größte Zäsur in der langen Geschichte dieser „altehrwürdigen“ Ins­titution dar. Für den MedUni-Wien-Rektor Univ.-Prof. Dr. Markus Müller handelt es sich dabei um „eine gespenstische Koinzidenz der Ereignisse“. Bis Mitte der 1930er Jahre galt die Wiener Medizin als eine der besten der Welt. Fünf Nobelpreisträger brachte sie in dieser Epoche hervor: Robert Bárány (1914), Julius Wagner-Jauregg (1927), Karl Landsteiner (1930), Hans Fischer (1930 – Chemie) und Otto Loewi (1936), dazu kamen zahlreiche Nominierungen wie etwa jene von Sigmund Freud, dem zwischen 1915 und 1938 nicht weniger als 33 Nominierungen zuteil wurden, wenngleich ihm eine Auszeichnung zeit seines Lebens verwehrt blieb.

Anhand der Biografien der Genannten lässt sich aber ebenso gut nachzeichnen, wie frühzeitig der Aderlass der Medizinischen Fakultät tatsächlich einsetzte: Bárány war bereits 1917 emigriert, Landsteiner folgte ihm 1919, also lange vor seiner Auszeichnung. Gleiches gilt für Fischer und Loewi. Fischer hatte zwischen 1918 und 1921 eine Professur in ­Wien, Loewi kam über eine Assistentenstelle (1905 bis 1909) nie hinaus. Auch der spätere Nobelpreisträger Konrad Lorenz (1973) wurde im Jahr 1934 gekündigt und verlor seine Assistentenstelle. Sigmund Freud hoffte bis zuletzt, in Wien bleiben zu können – und er hoffte beinahe zu lange. Am 4. Juni 1938 gelang ihm im letzten Moment die Flucht nach Großbritannien. Vier Schwestern Freuds blieben zurück, alle wurden später in nationalsozialistischen Konzentrationslagern ermordet.

Austrofaschismus

Der Aderlass der wissenschaftlichen Exzellenz begann also lange vor dem „Anschluss“ an das nationalsozialistische Deutschland, in der Ersten Republik und dann verstärkt im Austrofaschismus. In dieser Periode – zwischen 1933 und 1938 – wurden an der Medizinischen Fakultät 65 Prozent aller Professuren gestrichen. „Die Nazifizierung 1938 kam also nicht aus heiterem Himmel“, erläutert Dr. Herwig Czech, Assistent an der MedUni Wien und Kurator der aktuellen Ausstellung im Josephi­num, „sondern sie stellt die Kumulation einer Entwicklung dar, die schleichend schon Jahre davor eingesetzt hatte“. Die österreichischen Hochschulen galten laut Czech nämlich schon lange vor 1938 als „Hochburgen des Nationalsozialismus“ mit einem überproportionalen Anteil an illegalen Nazis.

„Entjudifizierung“ der Wiener Krankenhäuser

Aber nicht nur an den Universitäten nahmen die Repressalien gegenüber jüdischen Kollegen während der Zeit des Austrofaschismus massiv zu. Ilse Reiter-Zatloukal vom Institut für Rechts- und Verfassungsgeschichte an der Uni Wien berichtet von einer „konsequenten Entjudifizierung besonders in den Wiener Spitälern“ ab 1934. Im Jahr 1937 wurde eine Anstellung jüdischer Ärzte schließlich auch per Gesetz verunmöglicht, zu diesem Zeitpunkt gab es aber ohnehin nur mehr sieben jüdische Hilfsärzte in den öffentlichen Wiener Spitälern. Drei Häuser deklarierten sich damals selbst als „judenfrei“. Die verheerendsten Demütigungen standen den jüdischen Ärzten in Wien aber noch bevor, fanden ihren menschenverachtenden „Höhepunkt“ unmittelbar nach dem Anschluss in den sogenannten „Reibepartien“.

So musste etwa der bekannte Arzt und Sanatoriumsbesitzer Lothar Würth am 13. März 1938 vor seinem Sanatorium den Gehsteig „säubern“. Am Tag darauf begingen er und seine Frau Selbstmord. Laut Reiter-Zatloukal waren die nationalsozialistischen Machthaber in Österreich in ihrem verbrecherischen Vorgehen „viel radikaler und schneller als die NS-Kriminellen in Deutschland. Mit 1. Oktober 1938 wurde bereits die Entjudung der österreichischen Ärzteschaft verkündet.“ 4.200 Mediziner waren österreichweit von Berufsverbot, Verfolgung und Repressalien betroffen, 81 Prozent davon aufgrund ihrer jüdischer Abstammung, 93 Prozent hatten ihren Lebensmittelpunkt in Wien. Einem Drittel gelang die Flucht in die USA, 371 retteten sich nach Großbritannien, 220 nach Palästina, weitere 79 flohen nach Südamerika. Einen Teil jener, die trotz des Verlustes ihrer Berufsberechtigung in Wien blieben, beschäftigte das NS-Regime nach dem Anschluss als sogenannte „Krankenbehandler“.

Diese durften ausschließlich die jüdische Bevölkerung versorgen, erzählt Paul Weindling vom IFK, dem Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften: „Am 1. Oktober 1938 umfass­te das System der Krankenbehandler insgesamt 368 jüdische Ärzte. Trotz ihrer Diskriminierung und Verfolgung haben sie Heroisches geleistet, um eine funktionierende medizinische Versorgung der jüdischen Bevölkerung in Wien aufrechtzuerhalten.“ Neben praktischen Behandlern, Fach- und Zahnbehandlern fanden einige wenige als „Spitalsbehandler“ im Rothschild-Spital einen vorübergehenden Zufluchtsort. Dazu zählten etwa der Chirurg Matthias Reich, der Internist Julius Donath, der Dermatologe Robert Otto Stein oder der Neurologe Viktor Frankl.

Nicht nur angesichts der immer dramatischer werdenden sozialen Situation – 60.000 der 180.000 Menschen mit jüdischem Familienhintergrund galten zu diesem Zeitpunkt als fürsorgebedürftig – blieben die Bemühungen letztendlich unbelohnt, sondern vor allem aufgrund der vom Regime konsequent verfolgten „Endlösung“. Für die NS-Machthaber sei die jüdische Fürsorge nämlich „nichts anderes gewesen als eine Vorstufe zur Vernichtung“, wie Weindling festhält. Von den verfolgten Medizinern selbst, die nach dem Anschluss in Wien geblieben waren, überlebten nur 150 das NS-Regime. 260 Ärzte starben (zu einem beträchtlichen Teil durch Suizid), 326 wurden deportiert, nur 44 davon konnten 1945 aus Konzentrationslagern befreit werden.

Ein irreparabler Aderlass

Zurück an der Medizinischen Fakultät: Auch an der Universität Wien erreichten Vertreibung und Verfolgung der jüdischen Intelligenz unmittelbar nach dem 12. März 1938 ihren traurigen Höhepunkt – und auch hier gingen die Machthaber radikaler vor als irgendwo sonst im sogenannten „Altreich“. Von 760 Lehrenden der Uni Wien wurden 252 bis 22. April entlassen, nahezu ein Drittel. Bis Kriegsende werden nochmals 70 dazu kommen – mit insgesamt 42 Prozent war der Anteil deutlich höher als an allen deutschen Universitäten. Unter den Fakultäten sticht die Medizinische mit 55 Prozent noch einmal hervor (177 von 321 Lehrenden). Vormalige Dozenten sind von den rassis­tischen „Säuberungen“ doppelt so häufig betroffen wie Professoren, Lehrende in jüngeren Spezialfächern deutlich öfter als in den klassischen Disziplinen. So blieben etwa in der Neurologie oder der Neuropathologie lediglich acht Prozent des ursprünglichen Lehrpersonals im Dienst. Die Pädiatrie verlor zwei Drittel ihrer Habilitierten, unter anderem den Primar der Kinderklinik Prof. Wilhelm Knöpfelmacher. Er nahm sich kurz danach, am 14. April 1938, das Leben.

Ehemalige NS-Ärzte nach 1945

Mit dem Ende der Nazi-Herrschaft hätte 1945 die Chance bestanden, einen radikalen Neuanfang in der österreichischen Medizin zu initiieren, meint Margit Reiter vom Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien. Diese Chance sei jedoch vertan worden. „Zu Kriegsende waren 60 Prozent der praktizierenden Ärzte Mitglieder der NSDAP, 18 Prozent der SA, acht Prozent der SS. Illegale Nationalsozialisten und hochrangige Mitglieder hätten sofort entlassen werden müssen. Das ist aber nur in der Hälfte der Fälle geschehen.“ Von den Tätern mussten sich später nur einzelne vor Gericht verantworten. Der ehemalige Direktor der Wiener „Jugendfürsorgeanstalt Am Spiegelgrund“, Ernst Illing, wurde im ersten Steinhof-Prozess vom Volksgericht zum Tode verurteilt und im November 1946 hingerichtet.

Die mitangeklagte stellvertretende Primaria Margarethe Hübsch wurde im selben Prozess allerdings aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Andere erhielten zwar Haftstrafen, wurden später aber vorzeitig entlassen und nicht selten rehabilitiert und als Ärzte re-integriert. So geschah es etwa im Fall des im Nürnberger Ärztekongress für seine grausamen Menschenexperimente im KZ Dachau („Meerwasser-Trinkversuche“) angeklagten und rechtskräftig verurteilten österreichischen Internisten Franz Josef Beiglböck. In den meisten Fällen basierte die berufliche Re-Integration auf einer „massiven Unterstützung der Kollegenschaft, Kirche oder politischer Parteien“, sagt Reiter und erläutert: „Die Entnazifizierung des österreichischen Ärztestandes funktionierte besonders schlecht, weil sich die Betroffenen bereits ab ihrer zeitweiligen Internierung im britischen Nazi-Lager in Wolfsberg in Kärnten und im amerikanischen Lager in Glasenbach in Salzburg alter Netzwerke für ihre weitere berufliche Karriere bedienen konnten.“

Zudem bildete das Argument der „Unentbehrlichkeit“ für viele der Belasteten ein „Schlupfloch zurück in den angesehenen Beruf des Arztes. So konnte die Karriere nahtlos fortgesetzt werden.“ An der Medizinischen Fakultät der Uni Wien waren nicht weniger als 24 der 29 Professoren von der Entnazifizierung betroffen, erläutert Soziologe und Journalist Klaus Taschwer. Viele davon blieben trotzdem im Dienst. Die Chance einer „Stunde Null“ sei nicht zuletzt deshalb vertan worden, so Taschwer, weil „nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes teilweise politisch aus dem Austrofaschismus stammende, antisemitische Personen an die Machthebel der Wissenschaftspolitik in Österreich kamen“. Diese hätten unter anderem Bemühungen seitens der Alliierten hintertrieben, Emigranten nach Österreich zurückzuholen.

Gescheiterte Rückkehraktionen

Bereits 1946 existierten nämlich zumindest zwei Listen mit 370 bzw. 175 Namen vermeintlich rückkehrwilliger Wissenschaftler. 1958 gab es dann nochmals eine solche Liste mit 335 Namen, darunter 92 Mediziner, erstellt von Gerald Stourzh und August Hayek. Ernstzunehmende Rückkehraktionen scheiterten schließlich aber sowohl an der fehlenden finanziellen Dotierung der Wissenschaft als auch an der „katastrophalen wirtschaftlichen und politischen Lage“ im Wien der Nachkriegszeit (Zitat Taschwer). So dauerte es schließlich bis in die 1970er Jahre, bis das Lehrpersonal der medizinischen Fakultät zumindest quantitativ wieder die Größe erreichte, die sie Mitte der 1920er Jahre schon einmal gehabt hatte – 50 verlorene Jahre.

Wissenschaftliches Symposium der  MedUni Wien in Kooperation mit der Uni Wien: „Anschluss im März 1938: Nachwirkungen auf Medizin und Gesellschaft“, Wien, 1

Ausstellungstipp

Unter dem Titel „Die Wiener Medizinische Fakultät 1938 bis 1945“ stellt das Josephi­num, Sammlungen der Medizinischen Universität Wien, erstmals die Auswirkungen des „Anschlusses 1938“ auf die Wiener Medizinische Fakultät dar. Thematisiert werden die Vorgeschichte von Antisemitismus und Rassismus bereits vor der NS-Zeit, die direkten Auswirkungen des März 1938, die Vertreibung eines großen Teils der Fakultätsangehörigen, die ideologische Durchdringung der Fakultät mit dem Gedankengut der NS-„Rassenhygiene“, Zwangssterilisationen und verbrecherische Menschenversuche.

Josephinum, Sammlungen der Medizinischen Universität Wien, Währinger Straße 25, 1090 Wien 14. März 2018 bis 6. Oktober 2018 Mi. 16–20 Uhr, Fr. & Sa. 10–18 Uhr Führungen: Mi. 18.00 Uhr, Fr. 11.00 Uhr, Sa. 11.00 Uhr (Englisch) & 13.00 Uhr  

Wissenschaft braucht Haltung
Univ.-Prof. Dr. Markus Müller, Rektor der MedUni Wien, im CliniCum-Videointerview über die Folgen des „Anschlusses“ für die Wiener Medizin und die Lehren, die daraus zu ziehen sind.https://vimeo.com/261452719

Weitere Videointerviews zur Veranstaltung mit Univ.-Prof. Dr. Michael Freissmuth („Diaspora der Wiener Pharmazie“) und Herwig Czech (Kinderheilkunde & Heilpädagogik) finden Sie auf medONLINE unter https://mma.ac/anschluss-1938

Themenvorschau
Mit diesem 3. Teil endet die CliniCum Mini-Serie anlässlich des „Anschlusses“ vor 80 Jahren. In der nächsten Ausgabe erzählt die Sozialhistorikerin und Pflegewissenschaftlerin Ilsemarie Walter die Geschichte der weltlichen und geistlichen Pflege in Österreich.

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