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Niemals vergessen!

Die aktive Auseinandersetzung mit der Katastrophe des März 1938: politisch korrekte Pflichterfüllung oder Anliegen im eigenen Interesse? (CliniCum 4/18)

Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Schütz, Rector emeritus der Medizinischen Universität Wien

Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich wurden 3.200 der insgesamt 4.900 Wiener Ärzte vertrieben. Der medizinischen Lehrkörper der Universität Wien war zu 52 Prozent von der Vertreibung betroffen, der gewaltigste Exodus aus einer einzigen Fakultät. Ein Prozess, der im Deutschen Reich nach der Machtergreifung Hitlers im Jahre 1933 noch einige Jahre in Anspruch nahm, wurde in der 1938 neu hinzugekommenen Ostmark innerhalb weniger Wochen vollzogen.

Neben dem Berufsbeamtengesetz, das die Entfernung jüdischer und politisch missliebiger Beamter ermöglichte, galten fortan auch die Nürnberger Rassengesetze von 1935. Dass Ausgrenzung und Verhaftungen von Juden und politisch Andersdenkenden so rasch und perfekt funktionierten, ist der aktiven Mitwirkung vieler ihrer Landsleute zu verdanken, die im Denunzieren und Demütigen keineswegs zurückhaltend waren.

Angesichts solcher Zahlen, aber noch mehr solcher Geschehnisse, kann eine Auseinandersetzung mit diesem dunkelsten Kapitel der österreichischen Geschichte einerseits schwer als bloße Pflichterfüllung gewertet werden, andererseits haben – gerade in Wissenschaft und Medizin – viele Institutionen so spät mit dieser Auseinandersetzung begonnen, dass man meinen könnte, sie dachten sich, wenn es andere schon längst taten, müssen wir es auch einmal tun. Für Universitäten muss es sich jedenfalls um ein Anliegen im eigenen Interesse handeln, und das aus folgenden Gründen:

Um dem mit dem Wegfall der Zeitzeugen steigenden Unwissen über die NS-Verbrechen entgegenzuwirken. Gerade die Ärzte haben der Medizin damals den schwersten Schlag ihrer Geschichte versetzt, sie auf ihren absoluten Tiefpunkt geführt. Es scheint heute außerhalb der Vorstellungskraft vieler, wie von Ärzten begangene Verbrechen hätten verhindert werden können, wenn sich die Ärzte als geschlossene Gruppe gegen das damalige Regime gestellt, sich nur auf die einfachste Prämisse ärztlichen Handelns zurückgezogen, das allgemein verständliche Grundprinzip des Hippokrates beachtet hätten: primär den ihnen sich anvertrauenden oder anvertrauten Patienten keinen Schaden zuzufügen („primum non nocere“). Sie haben es nicht getan, und damit unterscheiden sich Ärzte – obwohl gerade ihnen eine hohe ethische Verantwortung obliegen würde – in keiner Weise von anderen Berufsgruppen: Sie haben nur teilweise aus Exis­tenz und Überlebensgründen, primär aber aus Karrieregründen akzeptiert, dass staatliche Willkür über medizinische Ethik obsiegte.

Um die Einsicht zu vermitteln, dass die österreichische Medizin ihrer Untaten während der NS-Zeit Rechnung trägt. Bis zum ersten politischen Eingeständnis 1991 durch den damaligen Bundeskanzler Franz Vranitzky, dass Österreich nicht nur Opfer der NS-Herrschaft, sondern auch Mittäter war, aber auch noch danach, waren internationale medizinische Kongresse oder Tagungen, wo Österreich als Gastgeber fungierte, von Vorbehalten jüdischer Wissenschaftler, daran teilzunehmen, geprägt, nicht selten gab es auch Absagen. Auch heute wird Österreich gerade von jenen Ländern, in denen damals viele Vertriebene Zuflucht fanden, mehr von der Warte des Verdrängens seiner rezenten dunklen Vergangenheit als deren Eingestehens gesehen.

Um im Sinne dieses Eingestehens darauf hinzuweisen, dass die Folgen der Anschlusszeit noch heute spürbar sind. Nach der Blütezeit der Naturwissenschaften und der Medizin in Österreich bis 1938 („Zweite Wiener Medizinische Schule“), gekrönt mit acht Nobelpreisträgern, dauerte es nach 1945 zumindest eine Generation, bis überhaupt ein Aufholprozess begonnen wurde, um wieder an das Niveau internationaler Spitzenforschung heranzukommen, ein endgültiges Aufschließen ist bis heute nicht gelungen. Im gesellschaftlichen Bereich ist der Anteil von Studierenden und Akademikern in den Deutschtum huldigenden schlagenden Burschenschaften unverändert hoch, und europaweit ist ein zunehmender Antisemitismus vor allem deshalb besorgniserregend, weil er nicht nur im gewohnten rechten politischen Spektrum, sondern auch bei manchen „Israel-Kritikern“ des linken Spektrums und – aufgrund des steigenden Migrationshintergrunds in der europäischen Bevölkerung – auch unter hier lebenden Muslimen zu beobachten ist.

„A nation that forgets its past has no future“, ist eines der vielen auf Winston Churchill zurückgehenden Zitate, sodass das Vergessen dessen, was unter der nationalsozialistischen Willkürherrschaft geschah, in unserer und den künftigen Generationen niemals eintreten darf.

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