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Anstand ist kein Fehler

Die Straße ist ein Schlachtfeld, das ist nichts Neues. Unlängst wäre ich fast zum Opfer geworden. Ich überquerte eine kleine Seitengasse auf dem Weg zur Arbeit. Ein Taxifahrer brauste heran, mich wohl von weitem schon erblickend. Trotzdem blieb er gefühlte 1,5 cm vor mir stehen, mit quietschenden Reifen, versteht sich. Ich blieb demonstrativ mitten auf der Straße stehen und blickte ihn fragend an. Er kurbelte das Fenster runter und rief: „Do is ka Zebrastreifen!“ „Na und?“, fragte ich. „Heißt das, dass ich hier nicht hinübergehen darf und Sie mich über den Haufen fahren dürfen?“

Aber auch in den Öffis kommt es immer mal wieder zu verstörenden Szenen. In meinem noblen Heimatbezirk stieg ich mit zwei Einkaufstaschen in die Bim, wie der Wiener so sagt. Ein Fensterplatz war frei, auf dem dazugehörigen Gangplatz saß eine scheinbar feine Dame. „Erlauben bitte?“, fragte ich höflich. „Ich steige eh gleich aus“, gab die Dame zurück und rührte sich nicht. Ich verstand nicht und blieb abwartend dicht bei ihr stehen. Sie schnaubte verächtlich durch die Nase: „Ich hab doch gesagt, ich steige gleich aus!“ „Und ich möchte diesen Sitzplatz“, wiederholte ich. Erst dann schwante mir – sie hatte tatsächlich gemeint, ich solle gefälligst warten, bis sie ausgestiegen ist, erst dann dürfe ich mich hinsetzen? Wie bitte???

Aber nicht nur auf der Straße, auch bei uns in der Apotheke mangelt es manchmal an Anstand. Und nicht dass Sie glauben, es sind die einfachen Menschen, die vielleicht nicht das Glück einer perfekten Erziehung genossen hätten – nein, oft sind es jene, denen eine natürliche Intelligenz des Herzens und damit auch ein gewisser Anstand fehlen. So erlebt mit einer Dame mittleren Alters aus Hietzing, für seine Noblesse noch mehr bekannt als mein Döbling. Sie holte eine TCM-Arznei bei uns ab, verordnet von einem der nettesten TCM-Ärzte, die mit uns zusammenarbeiten. „Ich verstehe wirklich nicht, warum mich der Herr Doktor hierher schickt.“ „Vielleicht, weil er weiß, dass wir auf diese Rezepturen spezialisiert sind, und er deshalb besonders gern mit uns kooperiert“, erwiderte ich freundlich. „Pah, meine Apotheke kann das auch!“, entrüstete sie sich.

Als es ans Zahlen ging und sie die Kreditkarte zückte, erklärte ich, dass das nicht ginge, weil Rezeptgebühren dabei seien. Als ich aber sah, dass alle Medikamente unter der Gebühr waren, schaltete ich sie frei. „ICH kann IMMER mit Kreditkarte zahlen!“, behauptete sie. „Bei uns nicht, aber es ist ja heute, wie gesagt, kein Thema“, antwortete ich. Dann legte sie nochmals los: „Also wirklich schrecklich, diese Gegend hier!“ „ICH bin gerne hier!“, entgegnete ich bestimmt. „Nun ja“, sagte sie wie zu einem kranken Kind, „man ist immer gern dort, wo man es nicht anders gewöhnt ist ...“ Dafür bekam ich Minuten später einen Fliederstrauß von einem langjährigen Mindestpensionisten mit türkischem Hintergrund. Offensichtlich wollte er sich einmal anständig bedanken für häufiges internationales Gestikulieren aufgrund von Sprachproblemen – das Herz ging mir auf und ich freute mich sehr!

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