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„Ärzte mit Engagement“: Im Team für Leprakranke

Bei Global Health and Development engagieren sich Ärzte und Studenten der MedUni Graz für Leprakranke in Südindien, darunter die Hygiene-Fachärztin Univ.-Prof. Dr. Andrea Grisold, MBA, und der Anästhesist Dr. Andreas Schöpfer. (CliniCum 6/18)

Prof. Dr. Andrea Grisold und ihr Team untersuchten unter anderem Keimspektren chronischer Wunden der Leprakranken und unterstützten ihre indischen Kollegen beim Wundmanagement.

Egal, ob es sich um die Erforschung multiresistenter Keime oder um die Hygienesituation in einem Lepraspital in Südindien handelt: Die Aussage: „Hygiene ist nicht alles – aber ohne Hygiene ist alles nichts“ unterstreicht die Bedeutung des Arbeitsgebietes von Univ.-Prof. Dr. Andrea Grisold, MBA. Als Fachärztin für Hygiene und Mikrobiologie sowie für Infektiologie und Tropenmedizin arbeitet Grisold ehrenamtlich für Global Health and Development (GHD; siehe Info-Box) und fungiert als Koordinatorin eines Teams aus rund 25 engagierten Mitarbeitern und Studenten der MedUni Graz. Eines der aktuellen Projekte der GHD heißt „Lepra on the Road“ in Zusammenarbeit mit dem St. Mary´s Leprosy Hospital in Salem im Süden Indiens. Projektstart war bereits 1986 mit der Gründung der GHD durch Univ.-Prof. DDr. Wolf Sixl.

Vor zwei Jahren haben sich neue Aufgaben abgezeichnet: „Wir wollen eine nachhaltige Entwicklung getreu dem Motto Hilfe zur Selbsthilfe ermöglichen und die Fachleute vor Ort mit Material und Know-how unterstützen“, erklärt Grisold. Konkret helfen die Grazer Medizinexperten in Indien bei der Versorgung von Wunden und Verstümmelungen Leprakranker und beraten ihre indischen Kollegen bei der Verbesserung der hygienischen Bedingungen im Spital und in den umliegenden Lepradörfern. Die hierzulande bei Charitys von der GHD gesammelten Spenden fließen ausschließlich in Materialen und Projektarbeit, die beteiligten Ärzte bezahlen ihre Reisekosten selbst und wenden Urlaubstage dafür auf. Für das aktuelle Projekt war das Team bereits zweimal in Salem. Ziele der Reisen waren die Evaluation des Bedarfs vor Ort, die Untersuchung der Keimspektren der chronischen Wunden der Leprapatienten, Unterstützung beim Wundmanagement und die Untersuchung der Wasserqualität.

Mit im Team um Grisold bzw. Schöpfer waren auch die Medizinstudentinnen Isabella Dicker und Karla Thomas. Sie führten vor Ort gemeinsam mit dipl. Gesundheits- und Krankenpflegerinnen Schulungen zur Händehygiene im Krankenhausalltag durch und nahmen Analysen der Wasserproben vor. „Somit konnten wir eine unmittelbare Verbesserung der Situation erzielen“, sagt Grisold. Die Mitarbeit bei der GHD bedeutet für Grisold und das gesamte Team neben der humanitären Hilfe eine enorme persönliche Bereicherung: „Wir können von diesen Ländern sehr viel lernen, und es verändert bei uns allen den Blickwinkel und die Selbstverständlichkeit, mit der wir unsere Lebensbedingungen wahrnehmen. Wir haben Leprakranke kennengelernt, deren gesamtes Hab und Gut in einem Jutesack Platz hat“, schildert Grisold. Auch wenn Lepra hierzulande nicht existent ist, so ist die Erkrankung lange nicht ausgerottet. Neben Indien gehört Brasilien zu den Ländern mit hohen Infektionszahlen.

Im Kontakt mit Leprakranken

Obwohl die Menschen in den südindischen Lepra-Dörfern unter für uns schwer vorstellbaren Bedingungen leben und Grisold auch Abstriche von Wunden durchführte, hatte sie selbst nie Furcht vor einer Infektion: „Die Patienten, die wir besucht haben, hatten alle eine lange Lepratherapie hinter sich. Außerdem ist bei Lepra nur ein kleiner Prozentsatz der Menschen überhaupt empfänglich dafür, sich mit der Erkrankung anzustecken – und dazu muss es häufigen und direkten Kontakt geben. Selbstverständlich haben wir schon vor Antritt der Reisen etwa mit den notwendigen Impfungen darauf geachtet, dass für uns keine Infektionsgefahr bestand.“ An ihrem Arbeitsplatz, dem Institut für Hygiene, Mikrobiologie und Umweltmedizin, arbeitet Grisold derzeit unter anderem an multiresistenten Erregern und untersucht deren Häufigkeit und Verbreitung im Krankenhaus wie in der Umwelt; sie ist außerdem Vorstandvorsitzende der Österreichischen Gesellschaft für Hygiene, Mikrobiologie und Präventivmedizin sowie Vorsitzende des Nationalen Verifizierungskomitees zur Elemination von Masern und Röteln.

Im Lepraspital

Einen ebenso eklatanten Unterschied zwischen den Arbeitsbedingungen an einer österreichischen Universitätsklinik und jenen in Südindien lernte auch Dr. Andreas Schöpfer durch die GHD kennen. Der Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin war 2016 und 2017 bei den Projektreisen dabei. „Prinzipiell ist das Spital in Salem gut ausgestattet; es hat ca. 20 Betten und einen großen Ambulanzbereich für die weitere Versorgung. Auch der Ausbildungsstand unserer indischen Kollegen ist gut. Es herrscht jedoch ein großer Mangel an Materialien für die Versorgung der Wunden, ebenso fehlt es teilweise noch am Wissen über die Notwendigkeit und Umsetzung wesentlicher Hygienemaßnahmen im Krankenhaus“, berichtet Schöpfer. Das entsprechende Fachwissen „mit der gebotenen Empathie“ zu vermitteln gehörte daher ebenfalls zur Aufgabe des Grazer Projektteams.

Aufgabe von Dr. Andreas Schöpfer (2.v.r.) ist es unter anderem auch, sein Fachwissen „mit der gebotenen Empathie“ an seine indischen Kollegen weiterzugeben und das Bewusstsein für Hygiene zu stärken.

„Es war bei unserer Ankunft etwa noch Usus, Injektionsnadeln nach Gebrauch wieder in die Hüllen zurückzustecken – dabei werden neben Leprapatienten auch Patienten mit HIV-Infektionen behandelt“, schildert Schöpfer. Verständnis und Bereitschaft zur Veränderung der Prozesse seien jedoch groß, besonders wenn die Mitarbeiter vor Ort selbst an der Entwicklung von Lösungen mitarbeiten, wie Schöpfer berichtet. Im Rahmen ihrer von Schöpfer betreuten Diplomarbeit hat sich vor allem die Studentin Karla Thomas mit der Implementierung eines Qualitätsmanagements am St. Mary´s Leprosy Hospital befasst – auch damit soll die Nachhaltigkeit der Grazer Initiative gesichert werden. Im Hinblick auf die Verbesserung der Wundversorgung kümmerten sich Schöpfer und seine steirischen Kollegen gemeinsam mit den indischen Ärzten um die schlecht heilenden Ulzera der Leprakranken. „Die Ulzera sind aus medizinischer Sicht ähnlich zu behandeln wie diabetische Ulzera“, betont Schöpfer.

Mit der Optimierung des Wundmanagements war es in vielen Fällen möglich, die stationäre Aufenthaltsdauer der Patienten von mitunter 100 Tagen oder mehr zu verkürzen. Erstaunlich gut ist laut Schöpfer die prothetische Versorgung vor Ort. Prothesen werden dabei aus einfachen Materialen, orthopädische Schuhe aus alten Autoreifen gefertigt. Die Eindrücke vom Leben in den Lepradörfern gehörten für Schöpfer zu den prägendsten der mit den Reisen verbundenen Erlebnisse: „Lepra bedeutet noch immer ein enormes Stigma, und die Krankheit hat dramatische Auswirkungen auf das soziale Leben. Das ist auch der Grund, warum viele Patienten erst spät in medizinische Behandlung kommen, denn mit der Diagnose beginnt der harte Weg des Ausgestoßenseins.“

Existenz am Rande

In den Lepradörfern leben die Menschen meist völlig auf sich allein gestellt und – aufgrund der durch die Infektion verlorenen Sensibilität der peripheren Nerven – zudem in ständiger Gefahr, dass sie sich an scharfen Gräsern Verletzungen zuziehen oder ihnen Ratten nachts die Zehen abfressen. „Neemöl aufzutragen würde sie zwar davor schützen, doch wegen Fleckenbildung durch das Öl getrauen sie sich damit nicht in ihre Betten – es ist wirklich schwer vorstellbar“, erzählt Schöpfer. Die Grazer Mediziner erlebten allerdings auch berührende Momente, so etwa lernten sie einen jungen Mann kennen, der in Eigeninitiative und mit enormem Engagement einigermaßen lebenswerte Umstände in jenem Dorf erreichte, wo seine beiden an Lepra erkrankten Großeltern leben.

Die Rückkehr von den Reisen an seinen Arbeitsplatz, die Neurochirurgische Intensivstation am LKH-Univ. Klinikum Graz, bedeutete für Schöpfer ganz ähnlich wie für Grisold beinahe den Eintritt in eine andere Medizinwelt. An der Tagesordnung stehen hier etwa Anästhesien bei neurochirurgischen Operationen oder die Behandlung von Patienten an der Intensivstation. „Die Indien-Reisen hatten für mich nur positive Effekte, ich bin seither sicher noch gelassener geworden“, meint Schöpfer. Spätestens 2019 möchte er mit GHD wieder nach Indien reisen: Ein Projekt zur weiteren Optimierung der Wundversorgung Leprakranker soll bis dahin ausgearbeitet werden, auch wird von Graz aus die Implementierung des Qualitätsma­nagementsys­tems weiter begleitet. Bis dahin stehen Grisold und Schöpfer in laufendem E-Mail-Kontakt mit ihren indischen Kollegen.

Global Health and Development (GHD)
GHD ist Teil der Medizinischen Universität Graz. Ärzte, Studenten und Pflegekräfte setzen sich gemeinsam für nachhaltige Entwicklungszusammenarbeit und entwicklungspolitische Themen ein. Die GHD organisiert Benefizveranstaltungen wie Konzerte oder Filmabende, um Spenden für ihre Projekte zu sammeln. An der MedUni Graz gibt es auch Lehrveranstaltungen, die sich mit der Thematik Nachhaltigkeit und Entwicklungszusammenarbeit beschäftigen. Alle Ärzte arbeiten ausschließlich ehrenamtlich mit und finanzieren die Projektreisen selbst.
https://www.medunigraz.at/global-health-and-development/

Vorschläge für eine Ärztin/Arzt mit besonderem sozialem Engagement an die Redaktion: v.weilguni@medizinmedien.at

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