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Blind durch Kontaktlinsen

Rötung, Trübung, Schmerz: Klagt ein Kontaktlinsenträger über solche Symptome, sollten Sie hellhörig werden. Womöglich ist sein Sehvermögen in Gefahr. (Medical Tribune 15-16/20)

Akanthamöben fängt man sich beim Schwimmen oder Duschen mit Kontaktlinsen ein. Die Therapie dauert mehrere Monate.

Eine häufige Augenerkrankung, die bei verschleppter Behandlung das Sehvermögen rauben kann, ist die mikrobielle Keratitis. Verdacht schöpfen sollten Kollegen bei allen Kontaktlinsenträgern mit schmerzhaft gerötetem Auge, schreiben Syed M. Shahid, Ophthalmologe am Moorfields Eye Hospital in London, und Kollegen. Auch Photophobie, Lidschwellung und verringertes Sehvermögen können auf eine mikrobielle Keratitis hinweisen, ebenso vermehrtes Augentränen (Risikofaktoren s. Kasten unten). Während der klinischen Untersuchung fallen eventuell korneale Trübungen und Infiltrate auf (peripher und zentral). Sie lassen sich am besten mit der Spaltlampe erkennen, möglicherweise auch mit dem „unbewaffneten“ Auge (kurzer Abstand) oder mit dem Ophthalmoskop. Wichtig für die Differenzialdiagnose: Im Falle einer traumatisch bedingten kornealen Abrasion fehlen diese Veränderungen.

Reizende Linse

Ein Fremdkörpergefühl verspüren viele Patienten vor allem bei besonders eng anliegenden Linsen, langem Tragen (> 8 Stunden täglich) oder vorbestehender Hornhauterkrankung (z.B. trockene Augen, Blepharitis). Nach dem Ablegen der Linsen verschwindet auch das störende Gefühl. Dieser Wechsel hilft bei der Differenzierung zwischen Linsenproblemen und ernsten Kornea- Erkrankungen.

Brille tragen, bis die Beschwerden weg sind

Allerdings darf die klinische Diagnostik nicht die Therapie verzögern, warnen die Autoren. Patienten mit Verdacht auf mikrobielle Keratitis muss ein Ophthalmologe noch am selben Tag notfallmäßig untersuchen, damit das Sehvermögen erhalten bleibt. Die häufigsten Auslöser der mikrobiellen Keratitis sind Pseudomonaden, gefolgt von Staphylokokken, Streptokokken, Pilzen und Parasiten. Als Gegenmittel empfehlen die Kollegen eine Kombination aus einem Fluorchinolon und einem schmerzlindernden Mydriatikum. Auf seine Linsen muss der Patient verzichten, bis sämtliche Beschwerden verschwunden sind. Etwa 5 % der Fälle einer mikrobiellen Keratitis bei Kontaktlinsenträgern werden durch Akanthamöben ausgelöst. Besonders gefährdet für Parasiten sind Menschen, deren Augen mit Erde oder kontaminiertem Wasser in Kontakt kommen. Allerdings nimmt die Zahl der so Infizierten zu, wahrscheinlich weil immer mehr Menschen mit Linsen schwimmen oder duschen. Als typisch für diese Form der Hornhautentzündung gilt ein ringförmiges Infiltrat in der Kornea. Betroffene müssen schon im Verdachtsfall über mehrere Monate antimikrobiell behandelt werden.

Verletzungen durch Silikon-Hydrogel-Linsen

Eine weitere Erkrankung, die gigantopapilläre Konjunktivitis, bildet sich vor allem während des Tragens von Silikon-Hydrogel-Linsen. Auslöser ist wohl eine Verletzung der Innenseite des Augenlids durch die Linse. Dadurch kommt es zu einem verstärkten Tränenfluss mit okulärer Rötung, Juckreiz und mukoider Sekretion. Beim Umstülpen des Oberlids sieht man die Riesenpapillen. Die Therapie erfolgt mit topischen Mastzellstabilisatoren, in schweren Fällen mit topischen Steroiden. Erneutes Linsentragen ist erst nach Abheilung der Symptome erlaubt. Korneale Abrasionen entstehen meist beim Entfernen der Kontaktlinse – vor allem wenn diese besonders eng anliegt. Betroffene klagen häufig über ein Fremdkörpergefühl oder leichte Schmerzen. Durch Anfärben mit Fluorescein-Augentropfen lässt sich die korneale Läsion sichtbar machen. In jedem Fall muss eine Infektion ausgeschlossen werden, die sich an kornealen Infiltraten erkennen lässt. Zur Therapie kornealer Abrasionen empfehlen die Autoren topische Fluorchinolone (z.B. Ofloxacin, Levofloxacin). Sie kommen eine Woche lang viermal täglich zum Einsatz.

Risikofaktoren einer mikrobiellen Keratitis

  • mangelhafte Handhygiene
  • weiche Kontaktlinsen
  • langes bzw. nächtliches Linsentragen
  • männliches Geschlecht
  • Nikotinabusus
  • falsche Aufbewahrung der Linsen (z.B. Leitungswasser)
  • ungünstige Augenoberfläche (z.B. Blepharitis)

Oberer Fornix als beliebtes „Versteck“

Mit einem Fremdkörpergefühl melden sich auch unter dem Oberlid „verloreneKontaktlinsen – oder Fragmente versehentlich gerissener Sehhilfen. Typischerweise hat der Patient seine Linse nicht oder nur teilweise gefunden, als er sie herausnehmen wollte. Versteckte Kontaktlinsen befinden sich meist im oberen Fornix und zeigen sich beim Hochklappen des Oberlids. Nach dem Entfernen der Linse bzw. der Bruchstücke muss man eine korneale Abrasion durch Anfärben der Kornea ausschließen. (RFT)

Quelle: Shahid SM et al. BMJ 2019; 367: l6337

Wann das Tragen von Kontaktlinsen gefährlich werden kann

Kontaktlinsen sind immer Fremdkörper und nehmen damit Einfluss auf Sauerstoffversorgung, Stoffwechsel und die Vorderflächentemperatur des Auges. Meist verursachen sie keine Probleme, in manchen Situationen muss man aber vermehrt mit Komplikationen wie Augeninfektionen rechnen. Während des gesamten Heilungsverlaufes ist das Tragen von Kontaktlinsen dann kontraindiziert. Zu den Risikofaktoren zählen:

  • Stoffwechselerkrankungen: Diabetiker haben einen erhöhten Glukosespiegel in Tränenflüssigkeit und Kammerwasser, was vor allem bei hydrophilen Linsen einem Pilzbefall Vorschub leisten kann. Dies kann zu einer chronischen Konjunktivitis, Keratitis oder zu Hornhautgeschwüren führen. Auch andere Stoffwechselerkrankungen mit Störungen im Bereich der Tränenflüssigkeit mindern den Tragekomfort und steigern die Infektionsgefahr. Während des gesamten Heilungsverlaufes von Augeninfektionen wie Konjunktivitis oder Keratitis ist das Tragen von Kontaktlinsen kontraindiziert.
  • Hormonstörungen: Die Zusammensetzung der Tränenflüssigkeit wird durch fast alle Hormone beeinflusst. So gehen z.B. Schilddrüsenerkrankungen häufig mit trockenen Augen einher, was das Linsentragen erschwert. Auch orale Kontrazeptiva lösen vor allem in höherer Dosierung einen relativen Tränenmangel aus, die Linsen verursachen dann ein Fremdkörpergefühl. Ein ähnliches Phänomen beobachtet man in Schwangerschaft und Stillzeit.
  • Immundefizit: Jede Störung des Immunsystems erhöht das Infektionsrisiko – das gilt genauso für Augenentzündungen bei Kontaktlinsenträgern. Dies betrifft z.B. Patienten mit AIDS, Autoimmunkrankheiten oder unter Chemotherapie.
  • Allergische Reaktionen: Allergiker haben oft eine herabgesetzte Tragetoleranz. Ursachen sind z.B. allergische Reaktionen auf Pflegemittel, Benetzungsmittel oder Linsenbestandteile. Ein Wechsel von Pflegemittel, Linsenmaterial oder Benetzungstropfen hilft gegebenenfalls.
  • Gerinnungsstörungen: Bei herabgesetzter Blutgerinnung – z.B. durch Antikoagulanzien – besteht die Gefahr, dass kleinste Verletzungen durch falsche Handhabung oder defekte Linsen in dramatischen Blutungen enden.
  • Umweltfaktoren: Manchmal lässt die Umwelt das Tragen von Kontaktlinsen zur Qual werden. Höhere Temperaturen steigern bspw. bei empfindlichen oder älteren Menschen den Bedarf an Tränenflüssigkeit. Auch bei Arbeiten in trockenen oder klimatisierten Räumen werden trockene Augen leicht zum Problem. Abhilfe schafft die gezielte und richtig dosierte Anwendung von benetzenden Augentropfen oder Tränensprays. Eine hohe Feinstaubbelastung stellt für Linsenträger ebenfalls ein Problem dar. Der Feinstaub lagert sich v.a. auf weichen Linsen ab und begünstigt damit eine chronische Konjunktivitis. Einen Ausweg bietet die Nutzung von Einmallinsen.
  • Faktoren am Arbeitsplatz: Weiche hydrophile Sehhilfen speichern wasserlösliche Gase, beispielsweise aus Verbrennungsprozessen. Dadurch können die Augen von Personen in Gefahr geraten, die in Chemiebetrieben oder bei der Feuerwehr arbeiten.
  • Medikamente: Kortison- oder antibiotikahaltige Augentropfen sollten nicht gemeinsam mit Kontaktlinsen angewandt werden, die Wirkstoffe aus den Tropfen könnten sich darin anreichern. Das gilt auch für die Lokalbehandlung des Glaukoms – es sei denn, die Therapeutika müssen nur einmal täglich abends nach Entfernen der Linsen benutzt werden.  (MW)

Quelle: Roth HW. Der Augenspiegel 2019; 66: 34–7

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