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Die Trägheit macht uns tot

Kürzlich durchs Stiegenhaus hinunter und auf dem Weg in die Ordi treffen wir im ersten Stock auf zwei zirka zwölfjährige Mädchen, die ungeduldig auf den Liftknopf drücken. Der Lift lässt sich jedoch Zeit. Wahrscheinlich, weil die Familie aus dem dritten Stock mit zwei Kinderwägen und zwei zappelnden Kleinkindern halt etwas länger braucht, bis alle verstaut und fahrbereit sind. Die Girls im ersten Stock sind sichtlich unrund. „Wir brauchen den Lift auch nicht, man kann ruhig die Stiege benutzen“, meint mein Mann, als wir an ihnen vorbeigehen. Statt einer Antwort bekommen wir zwei völlig verständnislose Gesichter mit leeren Blicken zu sehen. „Hab ich was Falsches gesagt? Oder sollte ich keine Mädels ansprechen, damit es keine Missverständnisse geben kann?“, überlegt sich der Göttergatte. „Ich glaube nicht, dass sie sich belästigt gefühlt haben“, antworte ich. „Ich habe den Eindruck, die wissen beim besten Willen nicht, was du gemeint haben könntest. Ich glaube, die Aufgabenstellung, das Stiegenhaus zu benutzen, hat sie überfordert.“

B wie Bequemlichkeit

Heutzutage muss alles bequem sein. Es gibt überall Lift, Rampen und Fernbedienungen. Interessanterweise reicht das immer noch lange nicht für die, die es wirklich brauchen. Versuchen Sie mal mit Krücken oder Kinderwagen problemlos mit den Öffis unterwegs zu sein. Oder im Rollstuhl einzukaufen oder Behördenwege zu erledigen. Da merkt man, dass das Leben ausreichend Hürden zu bieten hat. Oder wenn ich an all die alten Leute in ihren schönen alten Jugendstilhäusern in unserem Bezirk denke! Wo der fünfte Stock aufgrund der hohen Räume sich anfühlt wie der siebente. Die haben keinen Lift und keine Annehmlichkeiten.

Nö, Liftfahren tun die Jugendlichen. Und ich glaube, dass so viel Annehmlichkeit für unser Leben fatal ist. Gleich die ersten Patienten bestärken mich in meiner Ansicht. Es sind junge, gesunde Menschen zur Vorsorgeuntersuchung. Da sitze ich nun an meinem Schreibtisch und beobachte fasziniert, wie sie versuchen, sich die Schuhe auszuziehen, ohne dabei umzufallen. Die Hälfte muss sich am Kastl daneben anhalten, sonst wird das nichts. Ich schaue mir auch immer ein paar einfache Dinge am Bewegungsapparat an. Fußfehlstellungen, ein bisschen die Beweglichkeit und die Haltung. Wer hätte gedacht, dass ich zwar doppelt so alt bin, mich aber viel beweglicher fühlen kann. Weil ich zum Beispiel mit den Händen auf den Boden komme bei durchgestreckten Knien, und die meisten, die ich sehe, froh sind, wenn sie ihr Schienbein irgendwie erwischen. Dann kommt meine Predigt über die Rückenmuskulatur und die abstehenden „Hühnerflügerln“.

Nach Abhorchen, EKG usw. am Ende der Untersuchung sollen sie sich noch aus der Rückenlage aufsetzen. Ohne Hilfe der Hände und Arme. Zum Weinen. Meine Schwiegermutter ist vor über siebzig Jahren jeden Tag fünf Kilometer alleine zu Fuß in die Schule gegangen, meine Großtante dreißig Jahre früher das Dreifache in der oststeirischen Pampa. Wahrscheinlich würde man ein Problem mit dem Jugendamt bekommen, wenn man das heutzutage einem Kind zumutet. Schon die Kinder gehen nicht mehr. Sie spielen auch nicht mehr Abfangen, Gummihupfen und jagen keinem Ball hinterher. Sie bewegen sich nicht mehr. Und als Erwachsene geben wir ja auch nicht gerade leuchtende Beispiele ab. Wer nicht gerade als Bauarbeiter, Landwirt oder Fahrradkurier arbeitet, hat seinen Hintern festgeklebt am Schreibtischsessel und den Blick starr auf den PC gerichtet.

Daheim muss man nicht einmal mehr das Garagentor öffnen oder den Fernseher einschalten. Fernbedienungen tun das längst für uns. Keiner muss mehr Holz hacken oder Kohle schleppen, ein kleiner Touch und die Fernwärme liefert ein wohlig warmes Ambiente. Für unser Essen strampelt sich auch nur mehr der Lieferservice ab und Alexa weiß längst, welche Songs wir gerne hören, und spielt sie nach einer kurzen verbalen Aufforderung sofort, ohne dass irgendjemand aufstehen und im Kasten nach CDs kramen muss. Lediglich die Weinflasche müssen wir noch selber entkorken. Das braucht wenigstens ein bisschen Koordination und manchmal auch ein wenig Kraft.

Faulheit statt Fitness

Und dann glauben wir allen Ernstes, wenn wir zwei- oder dreimal pro Woche ins Fitnessstudio gehen, dass das reicht und uns gesund erhält? Die paar Stunden im Studio sollen dann die gesammelte Faulheit der Woche kompensieren? Also, ich kann mir das einfach nicht vorstellen. Ich habe mich immer gewundert, dass die Trägheit eine der sieben Todsünden ist. Habgier usw. konnte ich ja noch verstehen. Aber Faulheit? Mittlerweile wird mir klar, dass Trägheit krank macht. Dass Faulheit unzufrieden macht und wirklich wehtut und die Leute aus dem Jammern nicht mehr rauskommen. Ja, Trägheit macht uns langsam, aber sicher tot. Natürlich bin ich froh, dass jetzt überall ein Lift und andere Annehmlichkeiten eingebaut werden. Aber ihre Verwendung sollte verboten sein für alle unter fünfundfünfzig, die keinen Kinderwagen oder Wochengroßeinkauf dabeihaben, nicht mit Krücken gehen und auch nicht im Rollstuhl sitzen.

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