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Was ist eigentlich die „Generation 50 plus“?

Viele Dinge im Leben nimmt man einfach emotionslos zur Kenntnis oder nimmt sie einfach als gegeben hin, bis sie einen selbst betreffen. So hielt auch ich es mit dem oftmals strapazierten Ausdruck: „Generation 50 plus“. Plötzlich von einem Tag auf den anderen zu den vorjährigen Iden des August gehörte ich auch dazu. Facebook erfreut mich nun täglich mit neuen Werbeangeboten und Informationen zu Gesundheitssport und Windelhosen, Firmen schenken mir Vitaminpräparate 50 plus, und was die Vorsorgeprogramme angeht, bin ich plötzlich ein einziges großes Risiko.

Meine Begeisterung darüber ist enden wollend. Vor dem Erreichen dieser magischen Grenze gibt es massenhaft Kategorien und Einteilungen. Und damit meine ich nicht nur die Kinder und Jugendlichen. Klar, da tut sich jedes Jahr etwas in der Entwicklung, und zwei Jahre Unterschied können zwei Welten im Verhalten, bei den Vorlieben und bei den Erwartungen ans Leben bedeuten. Aber auch danach wird noch differenziert bis eben zu dieser magischen Grenze.

T wie Torschluss

Da gibt es zuerst die Zwanzigjährigen mit ihren Wünschen und ihren Bedürfnissen. Mit ihren Erwartungen ans Leben, mit ihren Anforderungen und mit dem, was sie erreichen wollen. Und natürlich sind die Anfang zwanzig ja auch ganz anders als die Endzwanziger. Soll sein. Sie haben eigene Kosmetiklinien und die Welt steht ihnen offen. In den Dreißigern wird es dann für viele schon enger. Da muss man dann alles erreicht haben, den richtigen Partner, den richtigen Job und das richtige Haus müssen gefunden werden. Für Frauen beginnt dann auch noch zusätzlich das Ticken der biologischen Uhr.

Die Dreißiger sind eine stressige Zeit. Aber die Dreißigjährigen sind stark, energiegeladen und voller Tatendrang. Ende dreißig vielleicht schon etwas ausgebrannt und müde und vielen Frauen dämmert auch, dass die Wünsche und Träume der Zwanziger zwischen Berufsalltag, unzureichender Kinderbetreuung und fehlender echter Unterstützung durch den Partner einfach verpufft sind. Aber auch für die Dreißigjährigen gibt es die passende Kosmetik. In den Vierzigern wird es dann leiser, anfangs schrillt noch der biologische Wecker, dann hält man sich psychisch ein paar Jahre noch damit aufrecht, dass vierzig ja jetzt das neue dreißig ist.

Bei der Kosmetik gibt es nicht mehr viel Auswahl. Nur mehr für ganz wenige Firmen existieren Vierzigjährige als werbungswürdige Zielgruppe. Danach ist definitiv Schluss. Da ist man dann mit einem lauten Klatsch runtergeplumpst von der Drehscheibe des Lebens und trudelt durch den Abgrund. Auch Kosmetik gibt es definitiv keine mehr. Glücklicherweise kann ich mir jetzt die Tiegelchen leisten, die ich mit dreißig noch nicht gebraucht habe und damals auch nicht bezahlen konnte. Aber es ist ein bisschen wie mit dem „off-label use“ von Medikamenten. Eigentlich wären sie ja gar nicht für mich.

Generation Stützstrumpf

Irgendwie finde ich das verdammt unfair. Irgendwann ist man dann einfach nur mehr der amorphe bedeutungslose Rest? Und alle zusammen formen wir eine einzige große Kategorie, völlig wurscht, wie alt man ist und was man noch vom Leben erwartet? Als Erstes möchte ich anmerken, dass es keine „Generation 50 plus“ gibt, sondern mindestens zwei Generationen. In manchen Fällen sogar noch drei. Und da liegen bitteschön Welten dazwischen. Auch wenn ich meine Mutter sehr liebe und die gute Frau voller Energie durch die Gegend wirbelt, sodass ich beim Zuhören müde werde, lebt sie doch in einer anderen Welt. Und unsere Wünsche und Bedürfnisse sind auch nicht die gleichen, selbst wenn wir beide einen Hang zu Krampfadern und Stützstrümpfen haben.

Vor zwei Wochen hab ich mir einen kleinen Bandscheibenschaden zugezogen. Unfallursache war weder Bungeejumping noch Karatetraining, sondern passend für die „Generation 50 plus“: ein Stützstrumpf. Genauer gesagt eine blöde Bewegung beim Anziehen desselben. Wer hätte gedacht, dass die Dinger, die laut meiner Lieblingsdermatologin so wunderbar venenschonend, gleichzeitig so rückenmördernd sind? Zum erstmöglichen Zeitpunkt (an dem es koordinativ wieder möglich für mich war, meinen Kadaver in eine Röhre zu stopfen) lag ich im MR. Anschließend erklärte mir ein ganz süßer junger Radiologe meinen Befund. Und bemerkte auch, dass ich für mein Alter noch eine sehr schöne und gar nicht fettig degenerierte Rückenmuskulatur hätte.

Ich würd ja jetzt lachen, wenn das nicht so wehtäte. Arbeiten tu ich natürlich trotzdem. Allerdings mache ich zurzeit keine Hausbesuche. Der einfache Grund ist, dass ich, falls ich wider Erwarten doch ins Auto hineinkommen sollte, ohne fremde Hilfe sicher nicht mehr herauskomme. Deshalb fahre ich heute auch nicht zu Frau P. Die Gute ist mit ihren 98 Jahren auch ein Mitglied der „Generation 50 plus“. Ich glaube, wir brauchen dringend neue Kategorien, z.B. „Generation 50 plus 50“ oder zumindest „Generation 50 plusplus“.

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