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Von kranken Menschen und kranken Viechern

Vor mir sitzt eine Freundin, von Beruf Tierärztin, und zwar eine ausgezeichnete. Sie hat gerade einen meiner Kater gerettet. Diesmal geht’s aber um sie selbst. Und so gerne sie kranken Viechern Tabletten, Spritzen und Infusionen verabreicht, so ungern nimmt sie selber irgendwas davon. „Was tust du, wenn ich dir einen Kater bringe mit einem schönen Abszess neben dem Maul, Fieber und großen, geschwollenen Halslymphknoten? Dem würdest ja auch ein Antibiotikum geben, oder?“ Keine Reaktion. In meiner Verzweiflung meine ich: „So ein Mensch ist ja auch nur a Viech!“ Ob es jetzt der Gedanke an das Eröffnen von saftelnden Katzenabszessen ist (die übrigens meist einen äußerst beeindruckenden Geruch verströmen) oder ob das Fieber sie endlich weichgekocht hat, weiß ich nicht. Jedenfalls akzeptiert sie das Rezept fürs Antibiotikum. Im weiteren Krankheitsverlauf nimmt sie brav ihre Tabletten und ist eine Woche darauf wieder gesund und einsatzfähig.

P wie Pflege

Kater Mirko ist dagegen etwas komplizierter. Der Grund für seinen Aufenthalt in der Tierklinik muss wohl eine Vergiftung gewesen sein. Krankheit fällt uns keine ein, die so etwas hätte verursachen können. Quietschgelb mit einem Bilirubin von 9,5 und einem Hämatokrit kaum dicker als Himbeersaft war er von uns eingeliefert worden. Nach Konakion®, Infusionen, Antibiotika gegen eine zusätzliche Laryngitis nahmen wir nach zehn Tagen ein müdes Gerippe, an dem das dicke Winterfell schlaff herunterhing, wieder mit. Wenigstens schien er keine Schmerzen zu haben. Wir wollten ihn unbedingt heimnehmen auf seine Alm zu seiner Hütte und seinen Freunden.

Die Tierärztin machte uns nicht viel Mut, aber ließ uns ziehen. In den folgenden vier Wochen waren wir mehrmals kurz davor, ihn einschläfern zu lassen. Aber wenn er da auf dem Bankerl saß und die mageren Sonnenstrahlen der Wintersonne genoss, wussten wir, dass er leben wollte. Flüssigkeit flößten wir ihm mittels Spritze ein, bis er wieder selber trinken mochte. Gefüttert haben wir Fisch, Rindfleisch, Schinken, Butter, Leber. Kleinstmengen, teilweise direkt ins Mäulchen gestopft. „Der frisst Mengen wie a Maus“, Zitat Schwiegervater. Er bekam ein Plätzchen vor dem Ofen und ganz viele Streicheleinheiten. Die Family gab sich die Tür der Hütte in die Hand, damit wohl immer einer am Berg wohnen und das Vieh vor dem Verhungern in der Winterkälte bewahren könnte.

Nach drei Wochen intensiver Pflege fing er plötzlich an, etwas größere Mengen zu fressen, nach weiteren zehn Tagen, richtig in sich hineinzumampfen. Und endlich fraß er auch wieder Katzenfutter. Wir brauchten also keinen Delikatessenladen mehr zu plündern. Mittlerweile hat das Gerippe wieder Muskeln und ein glänzendes Fell, hockt auf den Bäumen oder tollt mit seinesgleichen in der Frühlingssonne. Die Medizin hat ihn am Sterben gehindert. Aber die Pflege hat ihn wieder zurück ins Leben geholt.

Stimmt die Richtung?

Und wenn ich mir jetzt überlege, dass „so a Mensch ja auch nur a Viech ist“, frage ich mich, ob wir in Medizin und Pflege in die richtige Richtung gehen. Wenn ich so höre, was mir meine Patientinnen, die in der Pflege arbeiten, an Leid klagen. Natürlich ist es wichtig, wenn Pflege akademisch wird, zusätzliche Kompetenzen bekommt, wertgeschätzt und gut bezahlt ist. Natürlich ist es wichtig, dass alles hygienisch abläuft, die Einfuhr- und Ausfuhr passt und ausreichend dokumentiert ist. Aber ist das dann schon alles, was gute Pflege ausmacht? Heute habe ich eine Krankenschwester wegen Erschöpfung ein paar Tage krankgeschrieben. Sie ist alleine in der Nacht auf Station, keine SHD mehr. Wegrationalisiert.

Als die Pflegedienstleitung letzte Woche ins Schwesternzimmer gekommen war, während alle wie die Irren Dokumentationen schrieben, verlautbarte sie zum allgemeinen Erstaunen: „Ich sehe, ihr habt’s Zeit zum Schreiben, offensichtlich habt’s also nicht genug Arbeit.“ Sie will jetzt nicht mehr. Sie hätte nämlich ausreichend Arbeit. Aber was soll sie machen, wenn doch Dokumentationen abgefasst werden müssen und kontrolliert werden? Da bleibt keine Zeit, sich lange an ein Bett zu setzen und einem alten Menschen mühsam sein Essen einzuflößen. Da bleibt zu wenig Zeit, Händchen zu halten und zuzuhören, wenn jemand Angst vor einer kommenden Operation hat. Da geht es sich einfach nicht aus, diese vielen scheinbar sinnlosen Dinge zu tun und zu sagen, die es aber braucht, weil wir Menschen sind.

Dokumentation über alles

Noch schlimmer in den Pflegeheimen: Vor lauter Dokumentieren, dass man den Opa wohl gedreht, gewendet und mobilisiert hat, kann man ihn halt nicht mehr füttern. Natürlich ist der Wille da, der Wunsch und das Engagement, nur es fehlt an der Zeit und am Personal. Deshalb gibt es zu wenig Streicheleinheiten, zu wenig Zuspruch, zu wenig warme Plätzchen. Zu wenig Lächeln, zu wenig kleine Aufmerksamkeiten, zu wenig Menschlichkeit. Und das wird wahrscheinlich nicht besser werden, solange der Wert der Pflege weiter an ihrer Wirtschaftlichkeit, ihrer Dokumentation und an ICD-Codes gemessen wird.

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