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Allgemeinmedizin – Ein Job für Volldodln?

Letzten Samstag traf ich den Kollegen F. Kollege F. ist eigentlich Facharzt, hatte aber irgendwann die Nase voll vom Krankenhausbetrieb. Und da er noch einer vom alten Ausbildungsschlag – sprich: mit Turnus und Fach – ist, hat er sich auf die erste frei werdende Planstelle für Allgemeinmedizin in der schönen Obersteiermark gestürzt. Oder meinetwegen Hochsteiermark, wie das unwegsame Land da im Norden oben heißt. Auf meine Frage, wie es ihm so ginge, fing er an zu schimpfen. Gut fand er, dass er es nicht weit zu Fuß in die Ordination hätte, aber das war’s dann schon: „Das ist ein Job für Volldodln, als Allgemeinmediziner brauchst echt nur a Volldodl sein!“

M wie Monotonie

Meine Freude über das Wiedersehen war schlagartig verfolgen. „Du weißt schon, dass mich das jetzt zum Trottel stempelt?“, fragte ich leicht pikiert. Im Laufe der Unterhaltung kam dann heraus, dass der gute F. einfach frustriert war und unter medizinischer Unterforderung litt. „Sag einmal, zipft dich das nicht an?“, schäumte er. „Seit Monaten nur Aeromuc und Seractil®! Und das geht jetzt noch ewig so weiter. Das könnte jeder dressierte Affe. Da musst ja deppert werden.“ Ich gab ihm recht, dass die Winterzeit oft wirklich nicht sehr abwechslungsreich ist. Bei mir halt Mucobene® und Ibuprofen. Was ja dasselbe ist. Offenbar sind vor den Atemwegsviren alle Steirer gleich. Und wenn F. nicht gerade Aeromuc rezeptiert, erstickt er im Papierkram. So gesehen verstand ich den Sager mit den Volldodln und war nicht mehr beleidigt.

Ich persönlich finde die winterliche Monotonie nicht ganz so schlimm. Zum einen rotzen und schlatzen meine Patienten in mindestens drei verschiedenen Sprachen. Und so bleibt mir oft zwar wenig Interessantes im Krankheitsbild, jedoch umso mehr in der persönlichen Geschichte des Verrotzten. Und zweitens gibt es ja glücklicherweise immer wieder die eine oder andere Pneumonie, gelegentlich einen psychotischen Auszucker, zwischendurch mal einen Kreislaufkollaps oder Pseudokrupp und den einen oder anderen Patienten, der irgendwelche schwierigen oder chronischen Krankheitsbilder mit sich herumträgt. Wenn man da die Geblähten, Histaminintoleranten oder Glutenübersensiblen wieder wegzählt, bleiben noch genug interessante Krankheitsbilder, mit denen ich mein Hirn beschäftigen kann.

Feste Vorsätze am Montag

Ich gehe also am Montagmorgen mit dem festen Vorsatz, mich nicht von F.s Frustration anstecken zu lassen, in die Ordination. Ja, ich liebe meinen Job, ja, er ist für intelligente Menschen, und ja, auch die Monotonie kann ihr Gutes haben! Vielleicht liegt es am Alter, aber ich fühle mich mittlerweile ganz wohl in meiner sauberen, geheizten Ordination. Ich verspüre nur ein sehr geringes Bedürfnis nach Reposition offener Frakturen, spektakulären Bergungsaktionen oder arteriellen Spritzblutungen. Vielleicht bin ich jetzt mit fünfzig alt geworden? Natürlich suche ich immer wieder nach Herausforderungen, aber wenn es mal ein paar Tage eher langweilig zugeht, kriege ich nicht die Krise.

Die Krise sollte ich an diesem Montag noch aus anderen Gründen bekommen, aber um sieben Uhr in der Früh wusste ich davon glücklicherweise noch nichts. Es beginnt mit Herrn K. Der Gute ist mir schon ewig bekannt. Er kommt, um mir von seinen Polyarthralgien zu klagen. „Mit tut alles weh! Jedes Gelenk. Ich habe einen Entzündungsherd irgendwo im Körper.“ „Das mit dem Entzündungsherd werden wir noch sehen, die Diagnose bitte mir überlassen! Welche Gelenke tun denn weh?“ „Ja, alle“, knurrt er, „ich kann mich nicht bewegen.“ Dafür ist er erstaunlich flott unterwegs.

Als ich versuche, irgendetwas über Schwellungen, tageszeitliche Abhängigkeiten, belastungsinduziert oder wärmeinduziert in Erfahrung zu bringen, faucht er mich an: „Ja, dann hab ich halt nichts, wenn Sie mir das nicht glauben!“ Mit sanfter Stimme rede ich auf ihn ein. Und so können wir in der kommenden halben Stunde die kleinen Gelenke ausschließen, erinnern uns an die bestehende Psoriasis und die Hyperurikämie, ich darf ihm endlich Blut abnehmen und ordne ein paar Röntgen zum Ausschluss von Gon- und Coxarthrosen an. Er ist trotzdem böse auf mich. Als ich ihm vorschlage, den Termin beim Radiologen für ihn gleich auszumachen, damit es schneller geht, zischt er mich an, dass er jetzt dafür keine Zeit hätte, und rauscht von dannen.

Gonarthrosen und Ohrringe

Ich rufe die nächste Patientin auf. Frau H. hat eine massive Gonarthrose, und ich hatte mich dafür eingesetzt, dass sie ehestmöglich einen Operationstermin bei einem Freund von mir bekommt. Plötzlich will sie nicht mehr. Ich schlage ihr vor, den Kollegen anzurufen und die OP für sie zu verschieben, wenn sie das möchte. Das passt ihr aber auch nicht. Ich bin ratlos. Meine Assistentin legt mir inzwischen eine Info auf die Liste: Eine Patientin hat angerufen, sie will Ohrringe. Diese Woche geht das nicht mehr, die Ordi geht über. Ich solle mich nicht so anstellen, das wäre ja in zehn Minuten erledigt, war die Antwort der Dame. Allgemeinmedizin ist kein Job für Volldodln, sondern für Heilige!

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