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Schneiden, fönen, Blutdruck messen

Ärzte und Apotheker kooperierten mit Friseuren, um afroamerikanische Männer zu erreichen, die eine antihypertensive Therapie benötigen. Mit vollem Erfolg: In der Interventionsgruppe stieg die Compliance auf 100 %. (Medical Tribune 12/18)

Ein Einschlusskriterium war: regelmäßige Frisiersalonbesuche – mindestens ein Haarschnitt alle sechs Wochen über mindestens sechs Monate.
Ein Einschlusskriterium war: regelmäßige Frisiersalonbesuche – mindestens ein Haarschnitt alle sechs Wochen über mindestens sechs Monate.

Hypertonie ist häufig, unterdiagnostiziert und oft suboptimal therapiert, wobei unzureichende Adhärenz der Patienten eine entscheidende Rolle spielt. Im Rahmen des jährlichen Kongresses der amerikanischen Kardiologengesellschaft ACC wurde nun eine neue Strategie gewählt, um Blutdruckpatienten zu identifizieren und zur Therapie zu motivieren. Dazu wandte man sich an eine besondere Risikopopulation: afroamerikanische Männer. In dieser Bevölkerungsgruppe stellt Hypertonie ein erhebliches Problem dar, gleichzeitig stehen nicht selten soziökonomische Schranken einer konsequenten Behandlung im Weg. Nun wurde im Rahmen einer von den National Institutes of Health und National Heart, Lung, and Blood Institute gesponserten Studie ein neuer Weg gegangen: Man holte die Patienten sozusagen beim Friseur ab.

Lebensstilberatung vom Frisör des Vertrauens

In die Studie eingeschlossen wurden regelmäßige Frisiersalonbesucher (mindestens ein Haarschnitt alle sechs Wochen über mindestens sechs Monate) im Alter von 35 bis 79 Jahren mit einem systolischen Blutdruck über 140 mmHg an mindestens zwei Tagen. Die Studienteilnehmer wurden in einen Standard-Arm und einen Interventionsarm randomisiert.

Im Interventionsarm kam auch der Apotheker vorbei

Im Standard-Arm machte der Friseur seine hypertensiven Kunden regelmäßig auf Lebensstilmodifikationen aufmerksam und empfahl ihnen, den Arzt aufzusuchen, ihren Blutdruck optimal einstellen zu lassen und ihre Medikamente zu nehmen. Im Interventionsarm kam zusätzlich der Apotheker (der in den USA Modifikationen einer Blutdrucktherapie vornehmen darf) in den Frisiersalon, verschrieb Medikamente und kontrollierte mit einem simplen Bluttest vor Ort Nierenfunktion und Elektrolyte. Die Kontrolle des Blutdrucks war Aufgabe des Friseurs, der vor Beginn der Studie entsprechend geschult wurde. Die Therapie konnte in drei Schritten eskaliert werden:

  • Schritt 1: Amlodipin plus Irbesartan
  • Schritt 2: Indapamid
  • Schritt 3: Spironolacton

Variationen der Therapie waren möglich. Das Protokoll schrieb jedoch vor, dass ausschließlich Medikamente zum Einsatz kommen durften, die von den Versicherungen erstattet wurden. Die mittlerweile im „New Egland Journal of Medicine“ publizierte Arbeit zeigte in beiden Gruppen nach sechs Monaten verstärkte Verwendung antihypertensiver Medikamente. Und zwar von 53 auf 63 Prozent der Patienten in der Standard-Gruppe und von 55 auf 100 Prozent in der Interventionsgruppe. Hinsichtlich der Häufigkeit von Arztbesuchen unterschieden sich die beiden Gruppe weder vor noch nach Beginn der Studie. Der Blutdruck der Studienpatienten zu Beginn der Studie lag bei 153 mmHg in der Interventionsgruppe und bei 155 mmHg in der Standardtherapie-Gruppe, 21 Prozent der Patienten litten unter Diabetes. Der Zielblutdruck lag gemäß den aktuellen amerikanischen Empfehlungen unter 130/80 mmHg.

Die Folgestudie wurde schon gestartet

Die Intervention erwies sich im Vergleich zur Standardtherapie als deutlich überlegen. Der primäre Endpunkt, Veränderung des systolischen Blutdrucks nach sechs Monaten, betrug in der Interventionsgruppe -27,0 mmHg im Vergleich zu -9,3 mmHg im Standard- Arm (p < 0,001). Auch sekundäre Endpunkte wurden erreicht. Im Interventionsarm kamen 63,6 Prozent der Patienten in den Blutdruck-Zielbereich < 130/80 mmHg – im Vergleich zu 11,7 Prozent in der Standard-Gruppe (p < 0,001). Die Zahl der eingesetzten Antihypertensiva betrug in der Interventionsgruppe durchschnittlich 2,6 im Vergleich zu 1,4 in der Standardtherapie- Gruppe (p < 0,001). Es traten keine schwerwiegenden Nebenwirkungen auf. „Wir sehen in der afroamerikanischen Community überproportional viel Hypertonie und wir benötigen neue Wege, diese Menschen zu erreichen, um Schlaganfälle, Herzinfarkte, Herzinsuffizienz und frühen Tod zu vermeiden“, kommentierte Dr. Ronald G. Victor, Associate Director des Smidt Heart Institute und Erstautor der Studie, „wenn wir sowohl niederschwellige als auch konsequente Therapieangebote an afroamerikanische Männer richten, indem wir zu ihnen kommen – in diesem Fall, indem Apotheker die Patienten beim Friseur versorgen, können wir deren Blutdruck kontrollieren und Leben retten.“ Eine Extensionsstudie, die untersuchen soll, ob sich die erreichten Erfolge über weitere sechs Monate halten lassen, hat bereits begonnen. Es wird auch überlegt, das Programm sowohl geographisch als auch auf andere Patientengruppen auszuweiten.

Victor RG, Lynch K, Li N et al., N Engl J Med 2018; Mar 12: [Epub ahead of print]

ACC.18: 67th Annual Scientific Session and Expo des American College of Cardiology; Orlando, Florida, März 2018

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