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Stille Post

Nächstes Wochenende werde ich wieder einmal das Telefon beim Ärztenotdienst hüten. Eigentlich etwas recht Sinnvolles. Wenn man mit den Leuten vernünftig reden könnte! Und nein, ich meine jetzt nicht die, die fast kein Deutsch können und unter irgendwelchen unklaren Schmerzen leiden, die auch nach fünf Minuten mühsamer Versuche nicht zuzuordnen sind. Ich meine ganz normale Grazer, Steirer, österreichische Staatsbürger. Das Problem ist, dass sich praktisch nie jemand in eigener Sache meldet.

Und auch da meine ich nicht die Telefonate, in denen es darum geht, dass das Baby beim Zahnen so weh hat oder die hundertzweijährige Uroma aus dem Bett gefallen ist. Nein, ganz normale Menschen wie Sie und ich sind im Zeitalter des Smartphones offenbar nicht fähig, zum Telefon zu greifen. Da rufen die Leute an für ihre Ehepartner, die Kinder, die Eltern, die Nachbarn und die Bekannten aus einer ganz anderen Stadt. Das Einzige, was mir in meiner Sammlung noch fehlt, ist, dass der Hund für seine Herrln ins Telefon jault.

F wie Fremdanamnesen

Um sieben Uhr morgens beginnt der Zirkus. Bei den Allerersten bin ich noch etwas verschlafen und verlangsamt, aber spätestens ab 8:30 Uhr laufe ich zur Hochform auf. Ich bin ein Musterbeispiel an Geduld, Empathie und wertschätzender Kommunikation. Ich melde mich immer höflich mit: „Grazer Ärztenotdienst, Grüß Gott, was kann ich für Sie tun?“ Die darauf wie das Amen im Gebet kommende Frage: „Entschuldigen Sie, bin ich da beim Ärztenotdienst?“, beantworte ich mit einem geduldig-freundlichen „Ja“. Dann kommt zum Beispiel: „Wissen Sie, ich rufe für meinen Mann an, der hat seit heute Morgen 38,5 Fieber und hustet so stark.“ In früheren Zeiten habe ich nach dieser Eröffnung noch versucht, ein vernünftiges Fremdanamnesegespräch zu beginnen. Jetzt komme ich gleich zur Sache: „Leidet Ihr Gatte an Demenz, oder spricht er kein Deutsch, oder warum kann er nicht selbst mit mir sprechen?“ „Na erlauben Sie! Mein Mann unterrichtet an der Universität!“

„Na großartig, dann seien Sie bitte einmal so nett und geben ihm das Telefon. Dann kann ich ihn persönlich nämlich genau fragen, wie es ihm geht, und mit ihm besprechen, wie wir am besten vorgehen.“ Meistens kriege ich dann den Kranken selbst ans Telefon, manchmal wird auch eingeschnappt der Hörer aufgelegt. Und es klingelt schon wieder. Eine aufgeregte Männerstimme am Telefon: „Meiner Mutter geht es nicht gut, Sie müssen sofort vorbeikommen. Sie hat so viel Durchfall!“ „So viel Durchfall“ ist übrigens meine erklärte Lieblingserkrankung. Bei näherem Nachfragen entpuppt sie sich nämlich meist als zwei Mal in der Nacht hochnotdringendst am Häusl gewesen. „Ist Ihre Mama schon sehr alt oder sind Herzerkrankungen bekannt?“ „Nein, sie ist fünfundfünfzig und Sportlehrerin.“ „Gut, dann können wir uns jetzt einmal alle entspannen, Sie geben das Telefon Ihrer Mama und ich rede mit ihr selber.“ „Ich wohne aber gar nicht bei ihr.“ „Dann bitte rufen Sie sie an und sagen ihr, dass sie mit mir selber sprechen muss.“

Wie viel sinnlose Minuten und Worte wohl in einem Zwölf-Stunden-Dienst so gesagt werden? Ich mag auch gerne, wenn besorgte Mütter ganz aufgelöst aus Oberösterreich oder Kärnten anrufen. Das Kind hat Halsweh. Das Kind ist dann meist fünfundzwanzig, lebt in Graz und schreibt gerade seine Masterarbeit über Supraleiter. Auch die Studentin, die wegen ihrer WG-Mitbewohnerin anruft: „Ich glaube, sie bekommt gleich die dritte Fieberblase an der Oberlippe, soll ich den Notarzt holen?“, kann ich beruhigen. Bis zur achten, neunten Stunde geht alles ganz gut. Dann beginne ich mir schon recht mühsam, das Lächeln ins Gesicht zu tackern. Meine Antworten werden kürzer und eine Spur schärfer. In der elften Stunde hört man mich dann zwischen zwei Telefonaten Unverständliches grummeln, und in der zwölften Stunde wird das Grummeln dazwischen lauter, klar verständlich und hier nicht wiedergabefähig.

In meiner Praxis läuft es glücklicherweise anders. Da rufen alle erwachsenen Leute für sich selbst an. Alle? Nein, letzten Mittwoch rief Frau H. an. Der Sohn hätte 38,5 Fieber und ich möge auf Hausbesuch kommen. Ich erklärte ihr, dass ich einen jungen, sonst gesunden Menschen nicht wegen 38,5 besuchen würde, riet, ein Mexalen einzunehmen, und versprach um 10:00 Uhr einen Termin, zu dem er wartezeitfrei drankommen würde. Um 10:00 Uhr pünktlich war aber nur seine Mutter da. „Er weigert sich und er braucht eine Krankmeldung.“ „Stelle ich so nicht aus. Er kann zu Beginn er Nachmittagsordi um 14:00 Uhr kommen, und wenn das gar nicht geht, morgen um 8:15 Uhr.“

Natürlich kam er nicht. Am Freitag kam er (ohne Termin), zusammen mit Dutzenden anderen, die seit vielen Wochen an etwas litten, das nur am Freitag abgeklärt und behandelt werden kann. Deshalb musste er am Freitag warten. Er war sehr aufgebracht und maulte: „Sie wissen ja gar nicht, wie schlecht es mir geht, weil meine Mutter ist ja unfähig, das rüberzubringen!“ Da ist mir dann der Faden gerissen: „Sie sind nicht acht, sondern achtundzwanzig! Unfähig ist hier nicht Ihre Mutter. Das nächste Mal greifen Sie selber zum Telefon und erzählen mir, was Sie plagt. Ich spiele nicht mehr Stille Post!“

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