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Langsam werd auch ich intolerant

Kommt nur mir das so vor oder ist es wirklich so, dass wir in unserem schönen Land Probleme haben, die sonst fast niemand auf der Welt hat? Auf jeden Fall tue ich mir von Tag zu Tag schwerer, mein Leben damit zu verbringen, Menschen zu erklären, wie sie ihr LDL um ein paar Prozent senken können, während überall auf der Welt Kinder verhungern. Und ich frage mich oft, warum ich stundenlang Blähungen in allen geräuschund geruchstechnischen Varianten beschrieben bekommen muss, wenn anderswo auf der Welt Städte zerbombt werden, Landstriche vertrocknen und Menschen kein Essen und keine Zukunft haben. Und wir verbringen Stunden damit, im wahrsten Sinn des Wortes den eigenen Bauchnabel zu beschauen und verschwenden unser Leben auf der Suche nach der einzig richtigen Ernährung.

Manchmal mag ich kein Gejammer mehr und keine „first world problems“. Aber ob ich mag oder nicht, das hilft mir heute gar nichts. Denn heute ist wieder mal Intoleranz- und Blähungstag. Die erste Patientin ist eine hübsche junge Frau, leicht untergewichtig und geplagt von dem furchtbaren Gefühl, immer wieder Wasser einzulagern und dabei gleich einen ganzen Kilo zuzunehmen. Im Blut haben wir alles, was vor der Krankenkasse nur irgendwie zu rechtfertigen war, bestimmt. Im Grunde ist körperlich alles ganz normal bis auf eine sekundäre Amenorrhoe, einen zu niedrigen BMI und Eisen- bzw. Vitaminmängel.

S wie Selbstdiagnosen

Wir beginnen also ein langes Gespräch über das Essverhalten. „Sehen Sie, was ich heute für einen Blähbauch habe!“ Bei sehr genauer Betrachtung könnte man ihr zugestehen, dass ihr Abdomen nicht komplett flach, sondern minimal nach außen gewölbt ist. „Haben Sie auch Schmerzen?“ „Nein, aber so kann ich ja nicht herumlaufen.“ (Ich würde töten für so eine Taille.) „Könnten Sie sich vorstellen, dass Sie subjektiv ihren Bauch als sehr schlimm empfinden, er das objektiv aber gar nicht ist?“ „Nein, früher, da habe ich eine Essstörung gehabt, aber jetzt nimmer.“ (Von dem Satz glaube ich nur den ersten Teil.) Ich lasse den Bauch erstmal außen vor und spreche die Vitaminmängel an. Da sie nichts zu sich nimmt, in dem Eisen, Vitamin D3 oder B12 vorhanden wäre, scheinen mir diese Mängel nicht überraschend, sondern logisch.

„Nein, mit dem Essen kann das nichts zu tun haben!“, ist sie felsenfest überzeugt. „Können wir nicht noch irgendwas testen im Blut? Ich habe sicher eine Fructoseintoleranz!“ „Das kann gut sein, denn die ist sehr häufig, aber da könnten wir ja einmal ganz einfach einen Selbsttest machen: Sie lassen das Obst weg und schauen, ob die Blähungen besser werden.“ „Nein, mein Obst lasse ich ganz bestimmt nicht weg.“ „Dann würde es aber auch keinen Sinn machen, wenn wir einen Fructose- Atemtest im Krankenhaus veranlassen, wenn das Ergebnis ohnehin irrelevant für Sie ist.“ „Ja, da haben Sie eigentlich recht.“ Und nach weiteren zwanzig Minuten gebe ich ihr Rezepte für Eisen- und Vitamintabletten, eine Gynäkologenüberweisung und auch eine Überweisung zu einer Freundin von mir, die eine wirklich gute Therapeutin ist. Ich würde es der jungen Frau wünschen, dass sie ihrem Leben ein bisschen mehr abgewinnen kann als bloß einen flachen Bauch.

Als Nächstes sitzt mir eine junge Dame gegenüber, die von immer wiederkehrenden schweren Schmerzen im rechten Handgelenk geplagt ist. Die Ätiologie der Schmerzen scheint mir aufgrund der Anamnese eindeutig überlastungsbedingt. Zwei Mal war sie deshalb schon auf der Notaufnahme und alles: Labor, Röntgen, sogar Nervenleitgeschwindigkeit ist schon untersucht worden. Ich will also auf Physiotherapie und Ergotherapie und Umlernen des überlastenden Bewegungsablaufen hinaus. Sie will das nicht. Also machen wir zuerst auf ihren Wunsch noch eine Funktionsaufnahme der Halswirbelsäule. Prinzipiell ist der Gedanke ja auch nicht ganz abwegig, dass das Problem zwei Etagen höher entstanden ist. Auch etwas, das einer Physiotherapie ganz gut zugänglich wäre. Dann packt sie aus: Sie hat sich informiert. Im Internet! Dank Dr. Google weiß sie endlich, was ihr fehlt.

Sie ist seit vielen Jahren lactoseintolerant und mittlerweile ist sie sich auch sicher, dass sie kein Gluten verträgt: „Wissen Sie, mein Darm ist durch die Zöliakie schon ganz kaputt und meine Darmflora ist komplett gestört. Deshalb kann ich keine Vitamine und Spurenelemente mehr aufnehmen und deshalb habe ich diese furchtbaren Schmerzen im Handgelenk.“ Lactoseintoleranz und Glutenunverträglichkeit als Ursache von Handgelenksweh! Ich könnte in die Tischplatte beißen. „Seien Sie mir nicht böse, aber die Lactose und der Eisenmangel könnten schon dafür sprechen, dass Sie eine Zöliakie haben, und das können wir sehr gerne abklären. Aber bis zum Handgelenk reicht das nicht!“ Aber sie ist sich sicher. Immerhin ist sie Pädagogin und ich bin ja nur Ärztin.

Als mir die Nächste, die schon länger an einer Osteoporose leidet, dann noch erklärt, dass sie ihre Ernährung der Knochen wegen umgestellt hätte – tierische Produkte würde sie jetzt weglassen, weil die seien ja schlecht verträglich für die Knochen –, möchte ich weinen. Und langsam beginne ich auch zu spüren, wie das Leiden an diversen Intoleranzen in meinem Leben zunimmt und sich heute schon fast ins Unerträgliche steigert.

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