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Dr. Stelzl: Das therapeutische Selbsthilfe-Essen

Zumindest einmal im Monat treffe ich mich mit meiner Freundin und Kollegin N. beim Chinesen. Wir haben diesen Treffen einen Namen gegeben. Es sind unsere therapeutischen Selbsthilfe-Essen. N. ist Psychiaterin und bei diesen dringend notwendigen Zusammentreffen kotzen wir uns den Kassenärztefrust von der Seele und schaufeln mit klappernden Stäbchen chinesische Köstlichkeiten in uns hinein. N. hat mir bisher als therapeutische Vorgabe auch immer eine dieser wunderbaren Nachspeisen mit gebackenen Früchten und extragroßen Kugeln Vanilleeis empfohlen. Reines Glückshormon, sozusagen.

Natürlich werde ich davon fett werden. Aber andererseits nehmen die meisten Patienten von den SSRIs auch zu. Und ich halte mich derweil noch lieber an chinesisches Glücksfutter. Obwohl – manchmal überlege ich mir, ob mich gebackene Früchte oder flambiertes Eis durch den ganz normalen Praxiswahnsinn durchtragen können oder ob mir nicht trotzdem eines Tages die Puste ausgehen wird. Immer dann, wenn bei aller Liebe zur Arbeit (und diese Liebe ist immer noch eine große) der Tag nicht mehr ohne Kopfwehtabletten zu schaffen ist und ich in der Nacht vor lauter Erschöpfung nicht mehr schlafen kann, frage ich mich, wie ich da reingeraten konnte, wo ich jetzt bin.

W wie Wertschätzung

Und die Antwort ist, dass ich eigentlich eh genau dort bin, wo ich hinwill und hingehöre. Ich habe den Beruf, den ich haben wollte, eine Praxis in einem guten Bezirk, ein tolles Team und haufenweise nette Patienten. (Und ein paar, die nicht in diese Kategorie gehören.) Warum also dieses Bedürfnis nach Trost, Ruhe, Kraft und Energie? Es läuft ja eigentlich großartig. Wenn da nicht ein ABER wäre. Eigentlich ist es nicht nur ein ABER, sondern mehrere. Und viele laufen darauf hinaus, dass ich mich als Hausarzt nicht genügend wertgeschätzt und honoriert fühle. Und die monetäre Seite davon ist nur die Spitze des Eisbergs. Wir werden es sicher nicht mehr erleben, dass Politikern und Bevölkerung ein Licht aufgeht und plötzlich das Bewusstsein dafür da ist, was wir eigentlich leisten. Wie gut und wie umfangreich und wie flächendeckend diese Gesundheitsversorgung, die wir Hausärzte bieten, wirklich ist. Stattdessen hören wir nur, dass wir zu teuer sind wegen des Einzelleistungssystems oder zu wenig arbeiten. Ich möchte einmal gerne sehen, wie einer dieser Klugsch... jeden Tag 50, 80, 100 oder mehr Leute versorgt oder berät. Keine andere Berufsgruppe kann sich das auch nur vorstellen. Und schon gar nicht um diese Tarife.

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