Home / Allgemeinmedizin / Keine echten Sorgen und Probleme

Keine echten Sorgen und Probleme

Wenn man nicht gerade aus Versehen über irgendeine Berichterstattung stolpert von Krieg und Bomben, Gasangriffen auf Zivilisten, Klimawandel, Kindersoldaten, Hunger, Genitalverstümmelung, Überbevölkerung, Mädchenhandel und Zwangsprostitution und dass auf dieser Welt Macht und Kapital in den Händen weniger irrer Narzissten liegen, wenn man nur so wie ich heute Vormittag in meiner kleinen, feinen Ordination sitzt, dann könnte man meinen, die Welt sei in Ordnung. Ja, mehr noch als in Ordnung. Man könnte meinen, dass uns die echten Sorgen und Probleme ausgegangen sind und dass wir uns deshalb dringend selber welche konstruieren müssen.

Es begann mit dem Anruf einer alten Bekannten. Völlig aufgelöst schnaufte sie ins Telefon, dass ich dringend einen Termin für ihren Sohn zur gründlichen Abklärung freimachen müsste. Voll der Angst um die Gesundheit des armen Kindes dürfen sie selbstverständlich gleich kommen. Es stellt sich heraus, dass die Mama das Wachstumspotenzial des mittlerweile Sechzehnjährigen gecheckt haben möchte. Mit Röntgen, Wachstumshormon und allem drum und dran. Der Knabe ist kerngesund, sportlich und 1,79 m groß. Etwas verwirrt meine ich: „Also der ist mit sechzehn fast 1,80. Du und dein Mann, ihr seid ja auch keine Riesen. Ich halte das für völlig normal.“

„Nein, das darf nicht so bleiben, alle seine Freunde sind schon größer und außerdem zeigen Studien, dass größere Männer im Leben erfolgreicher sind. Es ist eine Katastrophe, wenn er so bleibt.“ Ich spüre leichten Ärger in meinem Abdomen hochkriechen. Wirklich klein ist der nicht. Aber von mir aus. Mach ma halt. Da sie nicht aufhört zu jammern, frage ich mit unschuldigem Blick: „Was will er denn beruflich machen, Profibasketball?“ Denn da könnte ich mir das ja noch vorstellen, aber für alles andere? „Und wer sagt denn, dass kleinere Männer keine Karriere machen können? Denk an Napoleon. Und überhaupt: 1,79 m ist nicht klein!“ Als sie endlich draußen sind, nachdem sie meine komplette Zeit für Notfalleinschübe aufgebraucht haben, versuche ich mich wieder zu beruhigen. Nicht urteilen über die Prob­leme anderer, nicht urteilen, bevor man nicht ein Stück des Weges in deren Schuhen gegangen ist. Ommmmmmm.

Ihre Vorteile auf medONLINE.at

  • Personalisierte Inhalte auf Ihr Profil zugeschnitten
  • DFP Fortbildung: e-Learnings, Literaturstudien & MM-Kurse
  • Aktuelle Fachartikel, State-of-the-Art-Beiträge, Kongressberichte, Experteninterviews

Registrieren Sie sich jetzt kostenlos & und bleiben Sie top-informiert!

LOGIN

Login

Passwort vergessen?