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Lasst uns streiten!

Wir sind spät dran, Mitte Februar, und erst jetzt erscheint das erste ärztemagazin. Spät kommen und dann gleich streiten wollen, was ist da los? Das ärztemagazin wird zum Monatsmagazin. Was neu ist, was kommen wird und warum wir ein wenig streitlustiger werden. (ärztzemagazin 1-2/19) 

E-MAILS, TWITTER, FACEBOOK – auf all diesen Kanälen neigt Streit zur Eskalation. Der andere Mensch ist hinter dem Text unsichtbar, Mimik und Ton fehlen, Missverständnisse schaukeln sich schneller auf, als sie geklärt werden können. Was ein kleiner inhaltlicher Disput war, wird zu einem sehr persönlichen Streit. So macht das keinen Spaß. Streiten sollte wie ein gutes Sparring sein: Intensiv, ausgeglichen, mit vollem Einsatz – und am Schluss haben alle etwas gelernt und sich gern. Oder jedenfalls gleich gern wie vor dem Sparring. So macht Streiten Spaß. Und so will ich mit Ihnen streiten, doch dazu später.

NEU. Das nun monatlich erscheinende ärztemagazin hat zwei Schwerpunkte: Fortbildung und Debatte. In der Fortbildung sind wir seit über zwei Jahrzehnten bewährt. Meine Vorgängerinnen und Vorgänger haben dieses Format entwickelt, einen starken Pool an Medizinjournalisten aufgebaut, Struktur, Layout und Stil perfektioniert. Und so wird es auch weitergehen, ab sofort mit drei DFP-Beiträgen pro Ausgabe. Die Debatte wollen wir stärken: Mit Streitgesprächen von Expertinnen und Experten, mit Serien und Dossiers, die im besten Fall nicht nur einen praktischen Nutzen haben, sondern heikle Gebiete abdecken, bei denen Diskussionsbedarf besteht.
Ein Beispiel ist die in dieser Ausgabe startende Serie „Der schwierige Patient“. Ziel ist es, dass erfahrene Ärztinnen und Ärzte vermitteln, wie mit bestimmten herausfordernden Patientengruppen ein guter Umgang gefunden werden kann. Wir hoffen, Ihnen damit konkrete Anregungen für Ihre Praxis geben zu können. Gleichzeitig enthält die Serie viel Zündstoff: Können Ärzte ausreichend gut kommunizieren? Wird ihnen diese Arbeit bezahlt? Gibt es dafür im Praxisalltag ausreichend Zeit? Und darf man überhaupt „schwieriger Patient“ sagen? Wir freuen uns, dass die Österreichische Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin (ÖGAM) bei dieser Serie mit uns kooperiert und die entsprechende Expertise zur Verfügung stellt.

FOKUS. Das ärztemagazin konzentriert sich künftig ganz auf die Medizin an sich – Gesundheitspolitik und Praxisführung sind zur wöchentlich erscheinenden Medical Tribune umgesiedelt: Dort finden sich jetzt die Rechtskolumne von Prof. Helmut Ofner, die Unternehmenstipps von Mag. Iris Kraft-Kinz und regelmäßige Beiträge zur Praxisführung. Die Medizin-Seite legt weniger Wert auf eine hohe Zahl an Kurzmeldungen, sondern berichtet über ausgewählte Highlights aus der Unzahl von neuen Studien etwas ausführlicher – jeweils eine Studie wird auf Stärken und Schwächen abgeklopft.

META. (Wenn Sie sich weder für die Hintergründe beim ärztemagazin noch für Medien im Allgemeinen interessieren, können Sie gerne erst ab „Evidenz und Praxis weiterlesen). Zu einer guten Debatte gehört auch gelegentliche Selbstreflexion. Daher werden wir hin und wieder in Kommentaren über uns selber reden – gute Medien bemühen sich um Transparenz, das ist kein Narzissmus, sondern ein Qualitätsmerkmal. Sie sollen wissen, was wir wollen und wie wir funktionieren. Es gibt weder in der Medizin noch im Journalismus eine absolute Objektivität, daher legen Ärzte ihre Interessenkonflikte offen und daher bemühen sich Medien um Transparenz.
Als Beispiel: Ich könnte versuchen, Ihnen etwas anderes einzureden, aber dass wir auf ein monatliches Erscheinen umstellen, hat auch wirtschaftliche Gründe. Das sollen und dürfen Sie wissen. Auch Fachmedien – und noch mehr Gratisfachmedien – unterliegen wirtschaftlichen Zwängen, die zwangsläufig zu Interessenkonflikten führen. Das ist bei allen Medien so, aber nur bei den besseren stehen Verlag und Redaktion auch dazu.

EVIDENZ UND PRAXIS. Die gemeinsame Basis bei Fortbildung und Debatte bildet die Evidenz: Was immer wir tun, wir sollten auf Basis des besten verfügbaren Wissens handeln. Nein, niemand will die Erfahrung der Ärzte abwerten, niemand hat je die Säule „klinische Erfahrung“ geleugnet und evidenzbasierte Medizin (EBM) ist nicht das Ende der Therapiefreiheit. Sollte Ihnen das wer erzählt haben, hat er EBM nicht verstanden – was gerade in Österreich durchaus vorgekommen sein soll. Es gibt zur EBM keine Alternative, denn das hieße, Wissen zu ignorieren. Die Herausforderung in der EBM ist es, die drei Säulen „bestes verfügbares Wissen“, „Erfahrung des Arztes“ und „Werte des Patienten“ zusammenzubringen. Das ist Ihr tägliches Brot und ich bin oft genug beeindruckt, wie gut das vielen Ärzten gelingt. Denn es existieren mehr als genug Hindernisse zwischen Theorie und Praxis: Ärzte sind oft keine Experten für Studien und die Experten für Studien sind oft genug weder Ärzte noch besonders gute Kommunikatoren. Das ärztemagazin sieht sich als Brücke zwischen Evidenz und Praxis: Einerseits übersetzen wir aktuelles Wissen in Handlungsanleitungen, die so klar und nützlich wie möglich sein sollen. Aber Evidenz ist nicht immer eindeutig, sie kann komplex, mangelhaft und widersprüchlich sein. Das wiederum ist Stoff für Debatten, beispielsweise: Wie sinnvoll ist die Hormonersatztherapie und für wen? Welchen Einfluss haben Interessenkonflikte auf Verschreibungszahlen und somit letztlich auf die Gesundheit von Patienten? Bis hin zu: Ab wann ist es Bluthochdruck?

REDEN UND STREITEN. Diese und ähnliche Themen wollen wir von Experten diskutieren lassen, vielleicht ab Herbst auch einmal vor Publikum. Aber warum will ich überhaupt streiten? Zum einen, weil Ärzte es lieben, wenn Nicht-Mediziner ihnen ihren Job erklären (Anm.: Ja, Ironie funktioniert in Medien nicht, aber manchmal kann man nicht anders). Vor allem aber, weil Sie im wohl heikelsten Beruf stecken, den ich mir vorstellen kann – Gesundheit ist grundlegend, sie ist intim und jeder andere Lebensbereich hängt unmittelbar daran. Leichtsinnigkeit, Irrtümer und Betrug wiegen aus meiner Sicht hier schwerer als in den meisten anderen Berufen. Aber natürlich kommt all das auch in der Medizin vor – manchmal sogar institutionalisiert.
Reden wir über eine Ärztekammer, die Kampagnen gegen EBM fährt. Reden wir über Scharlatanerie, die man offensichtlich nicht bekämpfen kann und daher zu einem Geschäftsfeld machen möchte. Reden wir über den Zeitmangel, Kommunikationsschwächen, Interessenkonflikte, Wissenslücken, Informationsflut, Burn-out oder auch Impfmuffel im Gesundheitswesen. Streiten wir darüber, warum Ärzte Fehler machen – und was überhaupt Fehler sind. Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass Sie noch bessere Ärztinnen oder Ärzte werden. Sie sehen alles oder manches von dem hier Geschriebenen völlig anders? Sie haben Kritik und Argumente oder Wünsche? Schreiben Sie uns, wir mögen ein gutes Sparring!

Jörg Wipplinger

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