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Ist Klara wirklich nur sehr schlank?

Der Fall. Klara (20 J.) ist heute das erste Mal bei Ihnen. Sie wird von ihrer WG-Kollegin Anna gebracht. „Mir geht es total gut. Aber Anna ist der Meinung, ich sei viel zu dünn und mache zu viel Sport. Dabei war ich immer schon sehr schlank, Mama auch. Ich geh jeden Tag laufen, um den Kopf frei zu kriegen als Ausgleich zum anstrengenden Jurastudium, das ist ja nicht so viel. Bitte sagen Sie Anna, dass alles passt, damit ich endlich meine Ruhe hab“, berichtet Klara Ihnen. Klara ist fürs Studium vor sechs Monaten in die Stadt gekommen. Als Klara sich für die Untersuchung auszieht, steht ein kachektisches Mädchen vor Ihnen. Sie ist 1,75 m groß und wiegt 40 kg (BMI 13). Cor: rein, rhythmisch, bradycard, Pulmo: bds. unauff., RR 100/80 mmHg, P 50, Temp. 36,5° C, Letzte Menses: vor 5 Monaten (gibt an die Regel noch nie regelmäßig gehabt zu haben, 1. Menses mit 16), Stimmung: gut, Schlaf: sehr gut. Wie gehen Sie weiter vor? (ärztemagazin 6/18)

„Alle Kriterien für eine Anorexia nervosa sind in diesem Fall erfüllt“

Univ.-Prof. i.R. Dr. Harald Aschauer,
FA für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin, Wien, www.praxisberggasse.at
Ein BMI von 13 ist Untergewicht. Die Patientin gibt an, das Körpergewicht sei seit langer Zeit unverändert und nicht Folge einer rezenten Krankheit. Weiters isst sie sehr wenig und wenn, dann vermeidet sie „dick machende“ Speisen. Die junge Frau findet sich auch nicht „viel zu dünn“. Somit sind die Kriterien für Anorexia nervosa erfüllt: Untergewicht, das selbst herbeigeführt ist, und gestörte Selbstwahrnehmung. Ein zusätzliches Kriterium liegt auch vor: ausbleibende Menstruation als Ausdruck einer endokrinen Störung. Übertriebene körperliche Aktivität ist diagnostisch nicht unbedingt erforderlich. Somatische Befunde sind diagnostisch von begrenztem Wert und meist unspezifische Folgesymptome des Essverhaltens (z.B. Elektrolytstörung, Bradykardie).

Erste Schritte einer Behandlung sind Beziehungsaufbau und Herstellung der Motivation für eine Therapie. Es besteht Diskrepanz zwischen den Zielen des Therapeuten (Normalisierung des Körpergewichts, Verbesserung von Körperwahrnehmung, emotionalen Ausdrucksmöglichkeiten und sozialer Kompetenz, Klärung familiärer Konflikte, Abbau von Ängsten) und der Änderungsbereitschaft der Patientin. Die junge Frau, eventuell auch Angehörige, sollten sich u.a. durch Bücher informieren, es sollte professionelle Psychoedukation erfolgen. Psychopharmakotherapie hat sich bei Anorexia nervosa bisher als nicht ausreichend wirkungsvoll erwiesen (weder Antidepressiva noch Neuroleptika oder andere Psychopharmaka). Demgegenüber sollte eine (ambulante oder teilstationäre) Psychotherapie eingeleitet werden: Kognitive Verhaltenstherapie, kognitive analytische Therapie, psychodynamische Therapien und Familientherapie sind erwiesenermaßen wirkungsvoll. Eine stationäre Behandlung sollte bei massiver gesundheitlicher Gefährdung empfohlen werden: BMI unter 13, rascher Gewichtsverlust, Elektrolytverschiebungen, hirnorganisches Psychosyndrom.

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