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Dr. Promussas: Fühlen Sie sich wie daheim

„Fühlen Sie sich doch wie zu Hause!“, möchte man manchen KundInnen angesichts ihres Benehmens in oder rund um die Offizin zurufen. Nun: Ob sie all das zu Hause auch machen? Wir meinen jetzt natürlich keine kleinen Kinder oder Babys, die ihre letzte Mahlzeit bei uns auf dem Boden erbrechen. Bei größeren Kindern fällt wiederum auf, dass sie nicht grüßen oder Bitte und Danke sagen können. Wir meinen auch nicht die vielen JogginghosenträgerInnen, die laut Karl Lagerfeld die Kontrolle über ihr Leben verloren haben – mittlerweile finde ich den Ausspruch ziemlich arrogant, obwohl ich Jogginghosen auch eher mit „zu Hause“ verbinden würde. Aber es gibt auch gewisse Jugendkulturen, die dieses Kleidungsstück als nach außen sichtbares Zeichen ihrer Zugehörigkeit tragen.

Toilette für alle. Eher fällt mir da jetzt der ältere Herr ein, der während des Nachtdiensts kam – in Pyjama und Filzschlapfen. „Ich kann nicht schlafen“, sagte er. Wahrscheinlich sind wir gleich ums Eck, da lohnt es sich doch nicht, einen Mantel überzuwerfen oder gar sich etwas anzuziehen. Seit wir im Container arbeiten, häufen sich auch die Fälle von Lulumachen neben, hinter und vor der Offizin. Neben und hinter wird eher menschliches Wasser abgeschlagen, davor eher hündisches, was auch nicht fein ist. Dafür beklagen sich dann meist dieselben
Menschen über Schmeißfliegen, die in der Apotheke gesichtet werden. Erst kürzlich hämmerte ich gegen unser hinteres Fenster, vor dem sich ein Mann erleichterte – ein Stammkunde, den ich nicht gleich erkannt hatte. Ich hab ihm nicht ins Gesicht gesehen und erkannte ihn erst, als er sich nach einer Weile doch in das Innere der Apotheke getraut hatte. Ihm selber war das Ganze dann ziemlich peinlich und er erklärte mir wortreich, dass er es nicht mehr geschafft hätte, weil er ein neues Medikament nehme. Ich bemühte mich dafür, ihn nicht sein Gesicht verlieren zu lassen, und verwies auf das öffentliche WC ein paar Meter weiter hinten auf dem Markt.

Von Handys und Mist. Na gut … Gern wird unser eigenes WC auch von KundInnen benutzt. Wir überlegen, eine freiwillige Spende zur Reinigung einzufordern. Meist sind es nämlich Menschen, die krankheitshalber ein dringendes Bedürfnis haben, und wir bringen es nicht übers Herz, sie abzuweisen. Unterhaltsam glauben auch die vielen Handytelefonierer zu sein, die ich leidenschaftlich gern alle wieder rausschicke, um ihr Gespräch zu beenden. Besonders wenig mag ich es, wenn sie mir mit dem Telefon am Ohr noch schnell das Rezept hinknallen … Der Container mit seiner Exponiertheit zieht auch Menschen an, die gern ihren Hausmüll bei uns entsorgen. Da die Apothekenmülltonnen gleich hinter dem Warenannahmezimmer stehen, bekommen wir mit, wer sein Mistsackerl einfach so bei uns reinwirft. Dabei spielen sich manchmal echte Sozialdramen ab. Ausnahmsweise gab ich einmal einem Wohnungslosen grünes Licht, der in unserer Mülltonne nagelneue Sportschuhe und eine Markenjenas herausfischte, die jemand anderer vorher ungesehen bei uns entsorgt haben musste. Es wurden aber auch schon – an Feiertagen, wohlgemerkt – ganze Sofas und Matratzen bei uns abgestellt. Wird schon jemand mitnehmen, hat man sich wohl gedacht. Wir haben auch ein großes Herz, was eine kurze Rast bei uns betrifft, auch gewähren wir gern Zuflucht bei einem Wolkenbruch. Kaffee servieren wir aber nicht. Es gibt dann doch Grenzen.

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