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Dr. Promussas: Der alte Mann

Das Gespräch mit einem alten Herrn, der etwas verwahrlost aussieht und auch entsprechend duftet, gestaltet sich anfangs etwas mühsam. Er kommt mit einem Rezept aus dem Krankenhaus, natürlich nicht auf einem bundeseinheitlichen Formular. Ein gutes Drittel der Medikamente kann ich ihm nicht expedieren. Ich erkläre ihm die Vorgangsweise mit Chefarztbewilligung beziehungsweise Umschreibung vom Hausarzt, wohl wissend, dass das eine weitere Hürde für einen alten Menschen ist, der soeben aus dem Krankenhaus entlassen wurde. „Haben Sie eine Heimhilfe?“ – „Nein.“ „Wer ist Ihr Hausarzt?“ – „Ich habe keinen. Meiner ist verstorben.“ Oje, denke ich mir, das wird schwierig. Da bittet er mich gerade: „Können Sie das nicht jede Woche für mich einschachteln?“

Der Blick der Kollegin sagt: „Tu dir das nicht an. Das wird nur Arbeit und jede Woche ein anderes Problem.“ Irgendetwas in mir hält mich zurück, und ich erinnere mich an meine Studienjahre, als ich acht Jahre Besuchsdienst bei alten Menschen machte. „Ich schaue, was wir tun können“, sage ich und schicke ihn erst einmal zur Krankenkasse, weil die gleich um die Ecke ist. Er kommt recht bald wieder, wir legen los. Die Kollegin, die die Einschachtelungen für unsere Heime macht, sagt ihm zu, dass er auf die Medikamente für die erste Woche bei uns warten kann, da er diese wohl bräuchte. Während sie sich an die Arbeit macht, setzt er sich in unseren Kundensessel und schläft vor Erschöpfung ein. Ich habe beim Zusammensuchen von Dispenser und Medikamenten zwar einige Fragen, wecke ihn aber vorerst nicht. Geistig scheint er recht fit zu sein, er kann mir auch in allen Ausführungen bisher folgen, aber der Körper ist gebrechlich. Also lasse ich ihm ein paar selige Minuten, bis sein Handy klingelt.

Er führt ein Gespräch mit jemandem Vertrauten. Zwischendurch fange ich Fetzen auf wie „Sie richten mir grad alles her … die sind besonders nett hier und kümmern sich …“ Jetzt bin ich noch einmal so froh, dass ich ihn nicht einfach weitergeschickt oder gar abgewiesen habe. Ich nutze die Gelegenheit, da er wieder wach ist, und stelle ihm ein paar Fragen. Er beginnt plötzlich bitterlich zu weinen, als er mir vom Tod seiner Frau vor einigen Monaten erzählt. „Wissen Sie, ich war so verwöhnt. Ich weiß nicht einmal, wo alles ist zu Hause, alles hat sie für mich gemacht …!“ Trotz des speckigen Gewands verspüre ich den Impuls, ihn zu berühren, und tue es auch. „Sie sind mein Engel“, sagt er. Zusammen erstellen wir einen Plan, wie wir in Zukunft vorgehen. Das einzige Medikament, das ihm abgelehnt wurde mit Hinweis auf eine günstigere Variante (Überlegt sich die Krankenkasse eigentlich, was sie da tut? Warum gibt es immer noch keine offizielle aut idem Regelung für uns?) verkaufe ich ihm fürs Erste privat. Dann suche ich ihm noch den nettesten uns bekannten Hausarzt in der Umgebung heraus.

Ein zweiter Dispenser wird gleich bei uns gelassen, ich erkläre ihm auch noch das System vom Einsatz und des Rezeptnachbringens, falls zwischendurch etwas ausgehen sollte, was wir überwachen werden. Er ist überwältigt und geht gut versorgt nach Hause, nachdem er mir noch versichert hat, dass eine gute Bekannte regelmäßig nach ihm schaut – sie ist es, mit der er telefoniert hat. Das beruhigt. Mit einem guten Gefühl entlasse ich ihn. Ich weiß nicht, wie es einmal sein wird – aber ich bin sicher auch einmal froh, wenn ich in hohem Alter das eine oder andere Engerl finde!

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