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Wiener Gesundheitspolitik: Die neue Herzlichkeit

Das Gesprächsklima zwischen Wiener Ärztekammer und Stadtpolitik hat sich mit der Amtsübernahme von Gesundheitsstadträtin Sandra Frauenberger spürbar verbessert. Was sie und ÄK-Präsident Thomas Szekeres in der Krankenhausversorgung Wiens eint und wo noch Gesprächsbedarf besteht, erzählten die beiden am aktuellen CliniCum-Roundtable. (CliniCum 10/17)

Foto: Sven Gilmore

CliniCum: 2011 wurde das Wiener Spitalskonzept 2030 mit viel Pomp der Öffentlichkeit präsentiert. Seither ist es still darum geworden. Hinter vorgehaltener Hand wird von sogenannten Insidern da und dort auch schon gemunkelt, das Konzept sei in Wahrheit ohnehin längst „tot“. Frau Stadträtin, kommt das Spitalskonzept 2030, und wenn ja, in welcher Form?

Frauenberger: Das Spitalskonzept lebt. Aber natürlich gab es seit seiner Erstellung Dynamiken und Entwicklungen in der Medizin, die sich damals so noch gar nicht abschätzen ließen. Wir haben uns daher vorgenommen, nicht unreflektiert jeden Schritt des Konzeptes umzusetzen, sondern zwischendurch immer wieder zu evaluieren und abzugleichen. In dem Sinn ist das Spitalskonzept ein lebendes Konzept, kein starres. Ich stehe dazu, wenn es darum geht zu sagen, wir machen unsere Zentrenbildungen mit sechs Häusern plus dem AKH, wenn wir fragen, wo wollen wir welche Dinge verorten. Wie wir das aber machen, der Weg dorthin, das sind Themen, die wir uns gemeinsam sehr genau anschauen. Das habe ich auch in unserem Transformationsprozess zum Spitalskonzept 2030 festgehalten.

Herr Präsident, wie steht die Ärztekammer der im Konzept vorgesehenen zunehmenden Spezialisierung und Konzentration des Leistungsangebots gegenüber?

Szekeres: Die Verlagerung kleiner Spitäler wie die Semmelweis-Klinik oder das Gersthofer Orthopädiespital in das neue Krankenhaus Nord ist, denke ich, ein richtiger und guter Schritt. Es macht sowohl medizinisch als auch wirtschaftlich Sinn. Auch andere Teile des Konzepts begrüßen wir, teilweise waren die Ideen nachvollziehbar. Manche der geplanten Maßnahmen gehören aber im Zusammenhang mit neuen Entwicklungen, etwa in der Unfallversicherung, neu überlegt.

Sind sie bei diesen Überlegungen mit an Bord?

Szekeres: Ich hoffe es. Es macht auf jeden Fall Sinn, die Ärzteschaft bei solchen weitreichenden Weiterentwicklungen mit einzubeziehen. Deshalb hat es uns auch so gestört, als man eine Gesundheitsreform gemacht hat, lang vor der Zeit der Frau Stadträtin, wo man ganz stolz darauf war, die Ärzte ausgeladen zu haben. Wir glauben auch, dass es sinnvoll wäre, die ärztliche Expertise in die Zielsteuerungskommission einzubringen. Bei allen zuletzt erfolgreichen Projekten, etwa bei den Primärversorgungszentren, hat die Ärzteschaft und die Ärztekammer sehr aktiv mitgearbeitet und engagiert mitgestaltet, gemeinsam mit den Krankenkassen und der Stadt Wien.

Frauenberger: Wir beide haben ja auch vereinbart, dass wir stärker aufeinander zugehen, uns besser vernetzen. Dort, wo ich das Angebot zum Gespräch machen kann, dort tue ich das auch. Ich lege großen Wert auf die Expertise der Ärztekammer.

Wien ist anders. Das zeigte sich wieder einmal bei der Umsetzung des Ärztearbeitszeitgesetzes. Während es in vielen Bundesländern verhältnismäßig reibungslos über die Bühne ging, spießte es sich in Wien gehörig, trieb die Ärzte sogar auf die Straße. Herr Präsident, wie stellen sich die Arbeitsbedingungen für die Ärzteschaft in den Wiener Spitälern derzeit dar?

Szekeres: Was es in Wien nicht gibt, ist die sogenannte Opt-out-Möglichkeit. Wir begrüßen das, weil wir glauben, dass 48 Stunden pro Woche genug sind. In manchen Bereichen sieht man punktuell aber natürlich schon eine Verknappung des Personals. Hier muss man zusätzliche Ärzte finden und aufnehmen. Schließlich haben sich die Rahmenbedingungen massiv verändert, wie haben immer mehr Patienten zu versorgen: Wien wächst um 40.000 Menschen pro Jahr, die Bevölkerung wird zudem älter – und damit auch kränker. Auf der anderen Seite haben wir die Herausforderung, dass die Ärzte der Babyboomer-Generation gleichzeitig vermehrt in Pension gehen, weniger aktive Ärzte nachkommen. Hier muss es besser als bisher gelingen, Kolleginnen und Kollegen in Österreich zu halten oder aus dem Ausland wieder nach Österreich zurückzubringen, um einem Mangel vorzubeugen.

Frauenberger: Im Bewusstsein dieser Gefahr haben wir uns in der Landeszielsteuerung ganz gezielt für zwei große Projekte entschieden: Wie finden wir mehr Studierende, die wir für das Fach der Allgemeinmedizin begeistern können? Wie finden wir mehr Studierende, die sich für das Fach des Kinderarztes entscheiden. Von beiden Bereichen wissen wir, dass wir dort besonders großer Herausforderungen in der wachsenden Stadt haben. Und um die neuen Systeme, die wir als Antwort entwerfen, auch zum Leben erwecken zu können, braucht es entsprechend ausgebildete Ärzte. Ausbildung ist daher für mich eine absolut zentrale Frage. Zum Thema Zeit: Wir haben jetzt endlich die Rufbereitschaft auf den Weg geschickt. Dabei haben wir aber gleichzeitig eine hohe Qualität in der medizinischen Versorgung zu gewährleisten, etwa indem sichergestellt ist, dass immer auch ausgebildete Ärzte auf der Station sein müssen, nicht nur Jungärzte in Ausbildung. Das würde zu einer Verunsicherung führen – und zwar bei denen, die in Ausbildung stehen genauso wie bei allen anderen, vor allem den Patienten.

Wie kommen Sie bei der KAV-Neuorganisation voran?

Frauenberger: Eigentlich sind wir sehr weit. Wir haben uns noch vor dem Sommer dafür entscheiden, aus dem Krankenanstaltenverbund mit 1. Jänner 2019 eine Anstalt öffentlichen Rechts zu machen – im Rahmen eines „Wiener Modells“, das ist mir sehr wichtig zu betonen. Wir brauchen dafür nämlich ein maßgeschneidertes Modell, das auch mit den parallel dazu laufenden anderen Projekten korrespondiert, sei das die Dienstrechts- und Besoldungsreform, das Spitalskonzept oder auch das neue Führungsmodell, das wir entworfen und auch schon politisch sowohl mit der Personalvertretung als auch mit dem Koalitionspartner akkordiert haben. Demnach werden wir vom monokratischen System abgehen und in ein Vorstandsmodell mit drei bis vier Mitgliedern wechseln, wobei eines davon als Sprecher fungieren wird. Der Vorstand wird vom Aufsichtsrat bestellt und kontrolliert. Sobald das dafür notwendige Anstaltengesetz formuliert ist, können wir den Aufsichtsrat bestellen. Unsere Motivation bei der Neuorganisation war es, den KAV nicht nur immer verantwortlich zu machen, sondern auch Verantwortung zu geben, in erster Linie in Form von Personal- und Finanzhoheit. Aber ich möchte schon betonen: Wir haben jetzt eine funktionierende Führung im KAV, drei Leute, die einen hervorragenden Job machen.

Szekeres: Die Idee, Budget- und Personalhoheit ins Unternehmen zu geben, ist eine, die wir immer unterstützt haben, auch die Nicht-Privatisierung finden wir gut. Etwas, was uns aber immer Sorge bereitet, ist die Frage, ob das Budget ausreichend ist, um die notwendigen Leis­tungen erbringen zu können.

Frauenberger: Uns ist durchaus bewusst, dass ein breites Versorgungs­angebot in einer wachsenden Stadt auch Geld kostet. Alleine die steigenden Personalkosten oder die steigenden Medikamentenkosten sind große Herausforderungen für uns. Deswegen ja auch das Spitalskonzept, deswegen auch eine Änderung der Rechtsform. Wir müssen im KAV auch weiter in der Kostendämpfung bleiben, um die gute Versorgung gewährleisten zu können.

Szekeres: Mich beunruhigt dennoch die Ansage sämtlicher Parteien anlässlich der Nationalratswahlen, wenn ich einen Blick über Wien hinaus machen darf: alle wollen Milliarden einsparen. Einsparungspotenzial scheint aber nur im Pensions-, Sozial- und Gesundheitswesen vorhanden zu sein. Das wünschen wir uns nicht und glauben auch nicht, dass das möglich ist. Es ist ja nicht so, dass wir das Geld für Gesundheit bisher mit beiden Händen ausgegeben haben. Die österreichweiten Ausgaben für Gesundheit sind nicht explodiert, wie manche behaupten, ganz im Gegenteil, sie wachsen sehr langsam, sind niedriger als etwa in Deutschland.

Viel diskutiert wird derzeit auch über mögliche Strategien, um die zum Teil völlig überlaufenen Ambulanzen zu entlasten und sie auf ihre gesetzlich geregelten Kernaufgaben zurückzufahren. Kann das in absehbarer Zeit gelingen?

Szekeres: Unser gemeinsam von Stadt Wien, Gebietskrankenkasse und Ärztekammer ins Leben gerufene Pilotprojekt einer allgemeinmedizinischen Ambulanz im AKH parallel zur Notaufnahme belegt, dass man schon Maßnahmen setzen kann, die den Ambulanzbetrieb entlasten und dabei gar nicht so teuer sind. Diese allgemeinmedizi­nische Ambulanz, die vom Funkdienst betrieben wird, entlastet die Notfallambulanz nachweislich um 25 Prozent.

Frauenberger: Ja, der Nutzen zeigt sich schon jetzt eindeutig. Es gilt, kreativ und innovativ zu sein, wenn es darum geht, eine Entlastung tatsächlich zustande zu bringen. Da gehören die PHCs ebenso dazu wie die erwähnte allgemeinmedizinische Ambulanz oder etwa die Kinderambulanz im Kaiser-Franz-Josef-Spital. Wir sind außerdem ganz massiv dran, in den Spitälern die zentralen Notaufnahmen gut auszustatten, damit sie nochmals eine Menge abfangen können. Erfolgreich läuft auch das Projekt Gesundheitstelefon 1450. Bei unserer Evaluierung ist herausgekommen, dass mehr als die Hälfte der Anrufer in die Ambulanz gegangen wären, hätte es das Service nicht gegeben. Das sind Ideen, die gut sind und wirken. Da müssen wir uns alle gemeinsam noch weiter bemühen, solche gute Ideen zu entwickeln.

Szekeres: Dazu zählt auch der Ärztefunkdienst. Wir sind also sehr für einen Ausbau solcher Serviceangebote. Da, wo wir uns ein bisschen unterscheiden: PHC sehen wir als Zusatzangebot, ich glaube nicht, dass es den Hausarzt ersetzen kann. Das wurde aus meiner Sicht zu sehr gehypt.

Frauenberger: Die Evaluierung des PHC Mariahilf hat ganz klar gezeigt, dass wir nicht den Hausärzten in der Umgebung etwa abgesaugt haben, sondern den Ambulanzen. Und genau das war das Ziel.

Videos zum Gespräch:

Zum Gespräch mit Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres

 

Zum Gespräch mit Sandra Frauenberger:

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