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„Wir müssen unsere Forderungen im Programm verankern“

APOTHEKERKAMMER – Die neue Kammerpräsidentin Dr. Ulrike Mursch-Edlmayr stellte sich vor Kurzem den Fragen der Pharmaceutical Tribune. (Pharmaceutical Tribune 14-15/2017)

PHARMACEUTICAL TRIBUNE: Frau Dr. Mursch-Edlmayr, Sie sind seit knapp zwei Monaten Präsidentin der Österreichischen Apothekerkammer. Sie sind die erste Frau an der Spitze der Kammer – was sagt das über die Apothekerkammer und was sagt das über Sie aus?

Dr. Ulrike Mursch-Edlmayr
Dr. Ulrike Mursch-Edlmayr

ULRIKE MURSCH-EDLMAYR: Neunzig Prozent der Mitarbeiter in den Apotheken sind Frauen, die Hälfte der Apotheken wird von einer Frau geführt und jetzt ist auch die Präsidentin der Apothekerkammer weiblich – das bildet schlicht und einfach die Wirklichkeit ab. Ich bin zwar die erste Präsidentin auf Bundesebene, aber nicht die erste Frau in einer Führungsposition in der Apothekerkammer, schließlich gibt und gab es ja schon Präsidentinnen in den Bundesländern: Conny Seiwald in Salzburg, meine Kollegin und Konkurrentin bei der Wahl Andrea Vlasek in Wien, ich selbst in Oberösterreich. Im Präsidium sind jetzt mit Susanne Ergott-Badawi und mir zwei Frauen vertreten. Ich werde meine Position auch nützen, um Frauen zu fördern und zu ermutigen, sich zu engagieren. Das ist mir ganz wichtig. Ich habe diese gesunde Mischung von Mut zur Veränderung und Durchsetzungskraft. Ich meine damit ein Streben nach Veränderung zum Besseren, um Ziele zu setzen, Entscheidungen zu treffen und etwas voranzubringen. Aber jedes Thema hat seine Zeit und man muss Chancen auch zum richtigen Zeitpunkt ergreifen können. Ich bin auch sehr dankbar, dass ich mit umfassender Mehrheit gewählt worden bin. Das ist ein guter Start und ein starker Auftrag.

Was betrachten Sie als die größten Herausforderungen bzw. Ziele für diese Amtsperiode?

Ganz klar, wir müssen unsere Forderungen stärker im Regierungsprogramm verankern. Dafür ist jetzt ein guter Zeitpunkt. Ein Ziel der Regierung ist, die Gesundheitskompetenz der Menschen zu fördern. Leider sind die Österreicher im europäischen Schnitt Schlusslicht mit ihrer eigenen Gesundheitskompetenz. Will man die von der Politik gesetzten Gesundheitsziele erreichen, kommt man nicht um die Apotheken herum. Wir sind eine wichtige Ressource gerade im Aufbau der Gesundheitskompetenz der Bevölkerung. Dazu muss das Berufsbild des Apothekers erweitert und an die modernen Entwicklungen angepasst werden. Unsere Beratungskompetenz muss entsprechend weiterentwickelt werden. Wir leisten Dinge, die zwar wahrgenommen werden, weil sie so selbstverständlich sind, aber nicht fair honoriert werden. Diese Leistungen müssen wir entsprechend darstellen. Die Apotheke ist im täglichen Leben oft der erste Ansprechpartner der Kunden bei Gesundheitsfragen. Schließlich gibt es uns Apotheker mit 1400 „Außenstellen“ und 400.000 Kundenkontakten am Tag. Jeder Österreicher erreicht im Schnitt in 10 Minuten eine Apotheke. Und wir sind rund um die Uhr erreichbar.

Sie haben bereits mehrfach gesagt, Sie wollen bei gesundheitspolitischen Entscheidungen mit eingebunden werden. Wie möchten Sie das konkret erreichen?

Es ist mir wichtig, dass wir bei struktur- und systemrelevanten Optimierungen der Versorgung von Beginn an eingebunden werden. Ich habe über die Jahre ein sehr umfassendes Netzwerk aufgebaut, das mir erlaubt, über kurze Wege jene Menschen zu erreichen, die bei den Entwicklungen der Zielsteuerung und Planungen eine wichtige Rolle spielen. Die Kontakte sind da und ich möchte sicherstellen, dass der Input der Apothekerschaft deutlich wahrgenommen wird. Es geht um die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung und deren Betreuung. Es muss klar werden, dass ohne uns Apotheker ein wesentlicher Versorgungsbestandteil fehlt, der aber auch nicht von anderen übernommen werden kann.

Welche Aufgaben soll denn die Apothekerschaft in einem modernen Gesundheitssystem übernehmen?

Man braucht nur daran denken, was wir täglich machen. Wir Apotheker betreuen die Menschen vor ihrem Besuch beim Arzt, nach der Diagnose, während der Therapie sowohl bei akut als auch bei chronisch Kranken. Wir sind erste Ansprechpartner und Wegweiser, zu uns kommt man und wir genießen höchstes Vertrauen. Wir sind flächendeckend verteilt, wir haben kompetente Mitarbeiter und sind in der Lage, alle Gesundheitsfragen zu beantworten. Wir erfüllen eine Art „Triage“-Funktion: In der Apotheke wird ständig – gemeinsam mit dem Patienten – die Entscheidung getroffen, was im Moment jeweils zu tun ist: Wir entlasten das Gesundheitssystem, indem wir Bagatellerkrankungen von ärztlich abzuklärenden Beschwerden herausfiltern. Oberstes Ziel ist, die Patienten rechtzeitig zur ärztlichen Diagnose und Therapie zu führen.

Das sind alles Dinge, die für uns ein völlig normales Tagesgeschäft sind. Sie finden aber keinen Eingang in die zielsteuernden Planungen und die Versorgungsstrukturen. Das haben wir nicht geschafft. Es liegt vielleicht auch an unserer Bescheidenheit: Apotheker haben das Know-how, die Kompetenz und das Wissen, wir haben eine Struktur mit 1400 Apotheken in ganz Österreich, wir sind immer und für alle da und das ist völlig selbstverständlich und keiner spricht darüber. Das gehört nach außen kampagnisiert und nach innen müssen die Kollegen in diesem Selbstverständnis unterstützt werden. Auch wir Funktionäre und die Gesundheitspolitiker müssen uns mit diesem Selbstverständnis in die Diskussion einbringen. Am Anfang muss man sich manchmal in starre Systeme drängen, das geht nicht von selbst, aber das System wird lernen, dass unser Input wichtig ist.

Viele dieser Dinge, die die Apotheker derzeit leisten, laufen unbezahlt ab. Wo sehen Sie neue Einsatzmöglichkeiten für Apotheker?

Wir leben seit vielen Jahren in einem definierten Spannensystem. Aber die Zeiten haben sich geändert. Wir werden nach wie vor über die Arzneimittellogistik definiert, gleichzeitig nimmt aber die Beratungsdienstleistung zu und sie wird in Zukunft in unterschiedlicher Art und Weise noch viel stärker stattfinden müssen. Wir Apotheker übernehmen Aufgaben im Bereich des Medikationsmanagements betreffend Polypharmazie, Arzneimittelnebenwirkungen und Interaktionen, im Bereich der chronischen Erkrankungen und in der Entwicklung der Gesundheitskompetenz. Wir haben sehr viele Ausbildungen und sehr viel Knowhow. Ich bin davon überzeugt, dass eine strukturierte und standardisierte Beratungsleistung auch fair honoriert werden muss. In jedem freien Beruf hat die Dienstleistung einen Wert, das wird auch bei uns so sein.

Stichwort Medikationsmanagement, hier sehen sich Apotheker in ihrer Kernkompetenz wahrgenommen. Wie ist Ihre Position?

Das ist für uns eine wichtige Erfahrung, weil sie unsere Grundkompetenz betrifft. Medikationsmanagement ist ein sehr kostbares Instrument, man muss jetzt danach trachten, dieses Thema in Zukunft weiterzuentwickeln. Das Interesse ist hoch, wir haben bereits 2000 Apotheker mit dieser Ausbildung, aber es ist derzeit an der Tara noch nicht kraftvoll spürbar. Es ist ein großes Ziel, das Medikationsmanagement praxistauglich zu machen. Daran arbeiten wir schon.

Was möchten Sie, dass man in fünf Jahren nach Ihrer Amtsperiode sagt?

Dass wir es geschafft haben, einen wesentlichen Beitrag zur Gesundheitsversorgung zu leisten. Dies wird in Akkordanz mit der Ärzteschaft geschehen, damit sich die Menschen von diesen beiden Berufsgruppen Hand in Hand betreut fühlen. Und wir möchten dafür fair honoriert werden. Dann ist jeder Arbeitstag ein freudvoller Tag für alle Pharmazeuten. Sei es extramural oder intramural.

MITGEZÄHLT

490,2 Mio. Euro gab die Niederösterreichische Gebietskrankenkasse im Vorjahr für Arzneimittel aus. Das entspricht Ausgaben von 404 Euro pro Kopf (Versicherte und anspruchsberechtigte Angehörige).

185 Mio. Euro investiert MSD Animal Health in den Standort Krems an der Donau. Konkret sollen 400 neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Insgesamt schafft die Pharmaindustrie einen Beitrag von 2,8 Prozent zum BIP.

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