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Antibiotika: Das Ende einer einfachen Regel?

KOMMENTAR – „Nehmen Sie die, bis die Packung leer ist!“ Verhindert diese Regel Resistenzen oder begünstigt sie welche? Experten kommen zu diametral entgegengesetzten Schlüssen; was tun?
FOTO: VIPERFZK / ISTOCK
Ein Artikel im „BMJ“* hat die Diskussion um die korrekte Einnahmedauer von Antibiotika ordentlich angeheizt. In der Medizin verändern Erkenntnisse ständig die gängige Praxis – wenn neue Vorteile genutzt oder Nebenwirkungen verhindert werden können, muss das so sein.
Dennoch ist die Situation außergewöhnlich. Denn sowohl für den Arzt, noch mehr jedoch für Patienten ist hier die seltene Gelegenheit, dass eine an sich komplexe Frage mit einer einfachen Regel gelöst wird. Antibiotika werden bei unterschiedlichen Indikationen gegeben und haben entsprechend die verschiedensten Dosierungen und Anwendungsdauern. Dennoch verließen die Patienten die Ordination stets mit einer genauen Anweisung: Nehmen Sie die Medikamente, bis die Packung leer ist!

Evidenz für Empfehlungen ist dünn

Der Beitrag im „BMJ“ zeigt, dass die Evidenz für diese Empfehlung dünn ist. Er zeigt aber auch, dass es kaum Evidenz für andere Empfehlungen gibt. Einige systematische Übersichtsarbeiten von Cochrane legen nahe, dass bei bestimmten Indikationen eine kürzere Einnahmezeit genauso effektiv ist wie die längere Standardeinnahme, zumindest was die Symptomatik betrifft; beim Endpunkt bakterielle Belastung schneidet die längere Therapie meistens besser ab. Der pauschale Tipp „Hören Sie auf, wenn es Ihnen besser geht“ kann aus den Studien nicht abgeleitet werden.
Österreichische Experten, von unseren Kolleginnen der „Medical Tribune“ befragt, sind sich deutlich uneins: Während unter anderem Infektiologe Dr. Marton Széll das Dogma „Antibiotika nehmen, bis die Packung leer ist“ als gefallen ansieht, stehen andere noch auf der Seite, Antibiotika fertig zu nehmen. Dr. Walter Welz geht davon aus, dass so „die Chance größer ist, dass kein Mikroorganismus überlebt und Strategien entwickelt“. Pharmakologe Dr. Michael Freissmuth sieht die „BMJ“-Studie kritisch, da u.a. Daten aus dem Hospital auf den ambulanten Bereich extrapoliert werden. Seine Interpretation: „In Ermangelung von Daten gibt es (aber auch) keine Argumente, die derzeitigen Vorgangsweisen zu ändern.“
Univ.-Prof. Dr. Petra Apfalter vom Referenzzentrum für nosokomiale Infektionen und Antibiotikaresistenz, diagnostiziert überhaupt „eine Diskussion, die keine ist“. Schließlich gebe es Standards, die auf Evidenz beruhen, und pauschal darüber zu diskutieren sei ziemlich sinnlos. Für sie ist daher völlig klar: „Letztlich ist der Anweisung des Arztes Folge zu leisten, denn das Kriterium für die Einnahmedauer ist sicherlich nicht, wie sich der Patient fühlt.“

Problem mit Resistenz

Resistenz ist ein umfassendes und weiterhin anschwellendes Thema. Sowohl eine zu lange als auch eine zu kurze Antibiotikatherapie verschärfen das Problem, Studien, die sich genauer mit der Behandlungsdauer beschäftigen, sind angesichts der teils dünnen Evidenz notwendig. Neben der genauen Kenntnis aktueller Standards bietet sich als Resümee für die Praxis an: Mag sein, dass im Moment die Blister nicht bei jeder Indikation perfekt zur idealen Dauer passen; mag sein, dass es im Moment manchmal sinnvoller wäre, die Packung nicht fertig zu nehmen. Doch in den Fällen, in denen Unklarheit besteht, erscheint es sinnvoll, bei der einfachen Regel zu bleiben – eine einfache Regel ist leicht zu befolgen und gibt subjektiv Sicherheit, was die Adhärenz verbessert. Die einfache Formel „Nehmen Sie die Packung fertig!“ sollte nur in jenen Fällen über Bord geworfen werden, für die es eine nachweislich bessere Regel gibt.

Referenz:
* Llewelyn Martin J, Fitzpatrick Jennifer M, Darwin Elizabeth, Sarah Tonkin-Crine, Gorton Cliff, Paul John et al. The antibiotic course has had its day; BMJ 2017; 358:j3418

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