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Primariat der Saison: Feedback als Entwicklungsmotor

Foto: St. Anna KinderspitalEine einzigartige Feedback-Kultur und innovative Zugänge in der Betreuung kranker Kinder und deren Eltern charakterisieren die Interne und die Hämatologisch-Onkologische Abteilung am St. Anna Kinderspital in Wien unter der Leitung von Prim. Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Holter. Ein Blick auf die Prozesse zeigt, dass Abteilungsgrenzen nur strukturell existieren und Teamarbeit davor nicht Halt macht. (CliniCum 6/2017)

Laut Organigramm sind es zwei Abteilungen, die von einem Primar geleitet werden. Doch nicht nur damit werden die Mitarbeiter beider Einheiten zu einem Team, sondern auch durch Personal-Rotationen, gemeinsame Fallbesprechungen und die Ähnlichkeit ihrer Aufgaben und Ziele. Das St. Anna Kinderspital, zu dem auch eine HNO-Abteilung, eine Abteilung für Kinderradiologie sowie eine Anästhesie mit OP-Einheit gehören, ist zugleich Anlaufstelle für kranke Kinder aus dem Raum Wien und seit Kurzem designiertes Expertisezentrum für Seltene Erkrankungen im Bereich Hämatologie und Onkologie, in dem jährlich rund 120 neue Patienten mit hämatoonkologischen Erkrankungen aufgenommen und über Monate bis Jahre behandelt werden. „Wir haben alleine in der Allgemeinen Ambulanz rund 42.000 Patientenkontakte pro Jahr, an manchen Wochenenden kommen bis zu 250 Patienten innerhalb von 24 Stunden“, berichtet Dr. Gernot Engstler, der die Interne und Notfallambulanz leitet.

Manchester-Triagesystem

Das Spektrum der Diagnosen in diesem Bereich reicht von Atemwegsinfekten bis zu komplexen gastroenterologischen Erkrankungen oder angeborenen Stoffwechselstörungen und Immundefekten, die eine aufwändige Diagnostik erfordern. Um die ambulanten Untersuchungen entsprechend dem medizinischen Bedarf zu koordinieren, wurde am St. Anna Kinderspital bereits 2010 das ursprünglich für Erwachsene entwickelte Manchester-Triagesystem für die Pädiatrie adaptiert. „Damit ist aus medizinischer Sicht eine klare Priorisierung der Patienten möglich, die wiederum eine deutliche Verbesserung der Versorgungssicherheit bedeutet“, erklärt Engstler.

Da mitunter Notfälle ärztliche Kapazitäten binden, sind längere Wartezeiten für Kinder und Eltern nicht immer zu vermeiden, zudem sei selbst während der Wintermonate, wo gehäuft akute Atemwegsinfekte auftreten, das tatsächliche Patientenaufkommen nur schwer abschätzbar, wie Engstler schildert. „Bei längeren Wartezeiten kann es mitunter zu erhöhter Erregung bei den Eltern kommen, im Gespräch und auch dank Schulungen zu deeskalierender Kommunikation im Pflegeteam gelingt es uns jedoch, gut damit umzugehen.“ Alle Mitarbeiter orientieren sich an einer familienzentrieren Patientenversorgung, die durch speziell ausgebildete Pflegepersonen und ihren engagierten und professionellen Einsatz zusätzlich unterstützt wird.

Gesprächskultur

Elterngespräche sieht Engstler als einen bedeutenden Baustein der ärztlichen Aufgaben wie auch der persönlichen Weiterentwicklung an. „Herausforderungen entstehen etwa dann, wenn die Compliance für eine dringend notwendige Therapie nur schwer erreicht werden kann und viel Einfühlungsvermögen für die Information und Überzeugung von Patienten und Eltern aufzubringen ist“, erzählt Engstler. „Ich persönlich habe in dieser Hinsicht zu Beginn meiner Tätigkeit sehr viel von älteren, erfahrenen Kollegen profitiert.“

Die gelebte Kommunikationskultur am St. Anna Kinderspital erstreckt sich aber nicht nur auf Patienten- bzw. Familiengespräche: „Wir haben ein eigenes Ausbildungssystem für unsere Assistenten entwickelt, in dessen Zentrum regelmäßige Entwicklungs- und Feedbackgespräche stehen“, berichtet Dr. Andishe Attarbaschi, der eine der beiden hämato-onkologischen Stationen sowie das sechsköpfige Ausbildungsteam leitet. „Kern des Ausbildungskonzeptes ist ein Mentoring System: Alle Assistenten führen in Abständen von drei Monaten sowohl Gespräche mit dem jeweiligen Oberarzt an der Station und mit ihrem Mentor. In diesen vertraulichen Gesprächen werden Erfahrungen und Perspektiven diskutiert und den Hochs und Tiefs in der Ausbildung Rechnung getragen. Vor allem erhalten die jungen Kollegen differenziertes Feedback“, führt Attarbaschi aus.

Die Entwicklungsgespräche finden durchwegs Anklang und selbst Kritik wird wertgeschätzt. „Negatives Feedback geben wir jungen Kollegen etwa, wenn wir Missverständnisse in puncto Hierarchien beobachten. Nach unserem Verständnis gibt es keine Hierarchie zwischen Ärzten und Pflege, sondern es muss Teamwork sein, in dem jeder seinen Verantwortungsbereich hat“, erklärt Attarbaschi. „Auch ich selbst habe durch kollegiales Feedback gelernt, in Gesprächen mit den Eltern und Kindern stets klar zu bleiben, mit medizinischen Fachausdrücken sparsam umzugehen und bei aller Empathie auch den Mut zu haben, Dinge offen anzusprechen.“

Abteilungsübergreifende Anliegen

Unterstützung erhalten die Mitarbeiter der Abteilungen vom psychosozialen Team unter der Leitung von Dr. Reinhard Topf. Wie der Psychologe und Psychotherapeut erklärt, bedeute jede Erkrankung eines Kindes und vor allem die stationäre Aufnahme eine krisenhafte Entwicklung. Speziell geschulte Kindergartenpädagogen unterstützen hier etwa durch Einführen in den Stationsbetrieb oder Psychoedukation und entlasten auf diese Weise die Pflegeteams. Das psychosoziale Team kümmert sich zudem um besondere Härtefälle: „Im allgemeinpädiatrischen Bereiche sehen wir mitunter enge Zusammenhänge zwischen dem sozioökonomischen Status der Familien und den Erkrankungen der Kinder. Hier sind etwa psychosomatische Fragestellungen abzuklären oder bei Bedarf an die Kinderschutzgruppe zu vermitteln“, sagt Topf.

An der hämatologisch-onkologischen Abteilung steht Krisenmanagement von Anfang an im Mittelpunkt, denn selbst wenn heute 80 Prozent der Kinder mit Krebserkrankungen geheilt werden, bedeutet die Diagnose für das gesamte Familiensystem die Konfrontation mit einer potenziell lebensbedrohliche Erkrankung. Familienlotsen helfen den Familien auf dem Behandlungsweg mit allen beteiligten Berufsgruppen, wie Topf berichtet. Gemeinsam ist allen involvierten Berufsgruppen neben dem Fokus auf dem optimalen Behandlungsweg ein grundlegendes Verständnis von Medizin als Dienstleistung an den kleinen Patienten und ihren Eltern.

Prim. Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Holter, Abteilungsleiter und Ärztlicher Direktor

Foto: Foto Wilke, WeilguniDas St. Anna Kinderspital, ein Tochterunternehmen des Österreichischen Roten Kreuzes, selbstständige Krankenanstalt und Abteilung der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde der medizinischen Universität Wien, verfügt über 122 stationäre Betten, eine Tagesklinik sowie den Abteilungen zugeordnete Ambulanzen. Die interne und die hämatologisch-onkologische Abteilung werden von Prim. Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Holter geleitet, der zugleich Ärztlicher Direktor des Hauses ist. Dass diese drei Funktionen von einer Person übernommen werden, spiegelt die Bandbreite der Pädiatrie wider, der in der Ausbildung sowie in der Abteilungs-übergreifenden Zusammenarbeit Rechnung getragen wird.

Als ältestes Kinderspital Österreichs (Gründung: 1837) erfüllt das Haus einen Versorgungsauftrag der Stadt Wien und ist gemeinsam mit der St. Anna Kinderkrebsforschung Teil eines internationalen Netzwerks sowie führendes Kompetenzzentrum für die Behandlung und Erforschung von Krebs im Kindes- und Jugendalter. Ende April erhielt das St. Anna Kinderspital zudem die Designation als Expertisezentrum für Seltene Erkrankungen durch das Gesundheitsministerium. Gerade bei der Vielfalt der Anforderungen ist aus Sicht Holters Wertschätzung innerhalb des Teams sowie gegenüber den Familien eine Grundbedingung.

„Teamarbeit ist gewissermaßen unser Mantra, und die Teamfähigkeit spielt neben der fachlichen Qualifikation eine große Rolle bei der Mitarbeiterauswahl“, erklärt Holter. Als Führungskraft trachtet Holter danach, den Mitarbeitern Verantwortung und Handlungsspielraum einzuräumen. „Das heißt auch, sie zu ermuntern, die richtigen Fragen zu stellen. Konkret: wenn wir den jeweils besten Behandlungspfad finden wollen, vielleicht nachzufragen, warum eine Erkrankung bei einem Kind genau so verläuft – daraus entstehen nicht zuletzt laufend Forschungsthemen.“

Wie viele seiner heutigen Mitarbeiter begann Holter seine klinische Laufbahn am St. Anna Kinderspital, wo er seine Facharztausbildung absolvierte. Davor stand eine mehrjährige Forschungstätigkeit an der Medizinischen Universität Wien und den National Institutes of Health, Bethesda (USA). Von 2001 bis 2012 war Holter mit der Leitung der Abteilung für Zelltherapie und Onkologie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg betraut, bis er 2012 die Berufung an die Medizinische Universität Wien und die Professur für Kinderheilkunde verbunden mit der Ärztlichen Leitung des St. Anna Kinderspitals erhielt.

Stimmen der Mitarbeiter

Foto: Foto Wilke, Weilguni„Die Tatsache, dass wir Kollegen ähnliche Grundhaltungen haben und die gleichen Ziele verfolgen, wirkt sich positiv auf das Arbeits-klima an der Abteilung aus. Ich erlebe meine Kollegen im Umgang untereinander als sehr motiviert, geduldig und ausgeglichen; Rückmeldungen erfolgen stets ehrlich und empathisch.“
Dr. Gernot Engstler, Interne Abteilung

Foto: Foto Wilke, Weilguni„Teamwork steht bei uns an oberster Stelle. Gerade in der Hämato-Onkologie, wo wir Familien oft über lange Zeiträume begleiten, gilt das für die Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen genauso wie für die Kooperation mit Kollegen anderer Fachdisziplinen.“
Dr. Andishe Attarbaschi, Hämato-onkologische Abteilung

Foto: Foto Wilke, Weilguni„Wir sehen mitunter enge Zusammenhänge zwischen dem sozio-ökonomischen Status der Familien und den Erkrankungen der Kinder.“
Dr. Reinhard J. Topf, Psychosozialer Dienst

Buchtipp: Reinhard J. Topf (Hg.) Das krebskranke Kind und sein Umfeld (New Academic Press)

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