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Wem schlägt Rheuma aufs Herz?

EULAR 2017 - Entzündlich-rheumatische Erkrankungen erhöhen das kardiovaskuläre Risiko. Die dahinterstehenden genetischen Muster führen direkt zu den zentralen Pathways der rheumatischen Entzündung. (Medical Tribune 27/2017)

Mit genetischem Profiling sind Forscher Risikomustern bei Patienten mit immunmediierten genetischen Erkrankungen auf die Spur gekommen.

Mit genetischem Profiling sind Forscher Risikomustern bei Patienten mit immunmediierten genetischen Erkrankungen auf die Spur gekommen.

Bei Personen mit entzündlichen rheumatischen Erkrankungen ist das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen generell erhöht1 – obwohl aktuelle Daten zeigen, dass sich die Situation seit Einführung der Biologika deutlich gebessert hat und beispielsweise die kardiovaskuläre Mortalität von Patienten mit rheumatoider Arthritis nicht mehr signifikant über jener von Personen ohne RA liegt.2 Aktuelle Forschung kommt nun zunehmend den Verbindungen zwischen chronischer Inflammation und kardiovaskulärem Risiko auf die Spur.

Eine Frage der Gene

So weist eine im Rahmen des Kongresses der European League Against Rheumatism (EULAR) präsentierte Arbeit auf bestimmte genetische Kon­stellationen hin, die bei Menschen mit chronischen immunmediierten entzündlichen Erkrankungen (IMID) – zu denen die entzündlich-rheumatischen Erkrankungen zählen – mit einer kardiovaskulären Risikoerhöhung assoziiert sind.3 Für die Studie wurde an 6458 Patienten, die unter rheumatoider Arthritis (RA), Psoriasis-arthritis (PsA), systemischem Lupus erythematodes (SLE), Morbus Crohn oder Colitis ulzerosa litten, ein genetisches Profiling durchgeführt. Das Vorliegen einer kardiovaskulären Erkrankung war definiert durch ischämische Herzerkrankung (Myokardinfarkt oder Angina pectoris), Schlaganfall oder periphere arterielle Erkrankung.

Die im Rahmen der Studie identifizierten Loci sind nicht unbekannt und auch in der Gesamtbevölkerung mit einem erhöhten kardiovaskulären Risiko assoziiert. Mehrere spezielle Loci dürften allerdings bei IMID eine besonders wichtige Rolle spielen. Bemerkenswerterweise dürften sie jedoch bei unterschiedlichen IMID unterschiedliche Effekte haben. Die Studie war von 17 Loci ausgegangen, die sowohl in der Normalbevölkerung als auch bei IMID-Patienten das kardiovaskuläre Risiko beeinflussen. Vier dieser Loci zeigten unterschiedliche Risikoassoziationen durch die unterschiedlichen IMID. Auf dieser Basis wurde eine cross-phenotype genomweite Metaanalyse durchgeführt, die insgesamt zehn genetische Muster ergab, die in dieser Population das kardiovaskuläre Risiko erhöhen.

Zwei dieser Muster führten bei rheumatoider Arthritis (RA), Psoriasis-Arthritis (PsA) und systemischem Lupus erythematodes (SLE) zu hochsignifikanten Erhöhungen des kardiovaskulären Risikos. Diese beiden Muster konnten mittlerweile auch funktionell mit zentralen pathologischen Mechanismen im Rahmen entzündlicher rheumatischer Erkrankungen in Verbindung gebracht werden: Sie spielen wichtige Rollen in den zentralen Zytokin-Signalwegen, die an der rheumatischen Entzündung beteiligt sind.

„Unsere Resultate helfen, die erhöhte Prävalenz kardiovaskulärer Komplikationen bei Patienten mit chronisch-entzündlichen rheumatischen Erkrankungen zu erklären“, kommentierte Erstautor, Dr. Antonio Julià von der rheumatologischen Forschungsgruppe am Vall d’Hebron Hospital in Barcelona, „gegenwärtig hat unsere Studie vor allem theoretische Bedeutung. Sie könnte allerdings sehr wohl von klinischer Bedeutung sein, da die identifizierten Pathways ja zum Teil Ziele bereits zugelassener und verfügbarer antirheumatischer Therapien sind. Ein vertieftes Verständnis der Mechanismen, die bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen zu einer Erhöhung des kardio­vaskulären Risikos führen, können die Basis für ein gezielteres präventives Eingreifen bilden.“

Risikomarker

Angesichts der generellen kardiovaskulären Risikoerhöhung bei Patienten mit entzündlichen rheumatischer Erkrankungen zeigt sich auch ein weiteres Problem in dieser Population: Konventionelle Risikomarker bilden weder die Inzidenzraten noch das individuelle Risiko korrekt ab. Bei Patienten mit systemischem Lupus ist es nun gelungen, einen Marker im Plasma zu identifizieren, der das Vorliegen von Atherosklerose zuverlässig widerspiegelt: hochsensitives kardiales Troponin-T (HS-cTnT). Dies zeigt eine im Rahmen des EULAR 2017 vorgestellte Studie.4 Bei positivem HS-cTnT war die Wahrscheinlichkeit, in der Karotis atherosklerotische Plaques zu finden, um den Faktor 8 erhöht.

Studienautor Dr. Karim Sacre vom Bichat Hospital in Paris unterstrich die Bedeutung kardiovaskulärer Erkrankungen, die beim SLE erheblich zu Morbidität und Mortalität beitragen. Angesichts verbesserter Lupus-Therapie und damit einer verlängerten Lebenserwartung der Betroffenen rücke dieses Problem noch mehr in den Vordergrund. Da es derzeit allerdings keine spezifische Therapie für das CV-Risiko bei SLE gibt, sollte ein Screening auf erhöhtes Risiko vor allem präventive Maßnahmen wie zum Beispiel die konsequentere Kontrolle von Plasma-Lipiden triggern.

Referenzen:
1 Durante A, Bronzato S, J Clin Med Res 2015 Jun; 7(6): 379–384

2 Filhol E, Hua C, Nutz A et al., EULAR 2017; Madrid: Abstract OP0146
3 Aterido A et al., EULAR 2017; Madrid: ­Abstract OP0292
4 Divard G et al., EULAR 2017; Madrid: ­Abstract OP0319

EULAR Kongress 2017; Madrid, Juni 2017

Von: Reno Barth