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Welt-Tuberkulosetag 2017: Von Eradikation keine Spur

Foto: eyegelb/iStock/Thinkstock

135 Jahre nach der Entdeckung des Tuberkulose-Erregers durch Robert Koch und ungeachtet der von der WHO ins Leben gerufenen End-Tb-Strategie nehmen die Tuberkulose-Erkrankungszahlen nach wie vor weltweit zu. Aufgrund der aktuellen Migrationsbewegungen ist es auch in Deutschland zu einem Ansteigen der Fallzahlen gekommen.

Zum Welt-Tuberkulosetag am 24. März gibt es keine guten Nachrichten zu vermelden. Im Jahr 2015 infizierten sich weltweit erstmals mehr als zehn Millionen Menschen mit Tuberkulose. Dies geht, so Prof. Dr. med. Torsten Bauer, Generalsekretär des Deutschen Zentralkomitees zur Bekämpfung der Tuberkulose (DZK), aus dem aktuellen Tuberkulose-Bericht der Weltgesundheitsorganisation WHO hervor. Eine Million der Infizierten waren Kinder. Bauer betont, dass die steigenden Erkrankungszahlen in offensichtlichem Widerspruch zu den Ambitionen der WHO stehen, die Tuberkulose zu eradizieren, oder wenigstens besser zu kontrollieren. Die Weltgesundheitsorganisation hat mit der End-Tb-Strategie das ehrgeizige Ziel ausgerufen, bis 2035 die Tuberkuloseepidemie zu beenden. Bauer: „Dieses Ziel werden wir wohl nicht erreichen, so lange es keine wirksame Impfung gibt. Diesbezügliche Bemühungen haben bislang allerdings keine zufriedenstellenden Ergebnisse gebracht, da die Biologie der Mykobakterien und damit auch die Pathophysiologie der TB-Infektion komplex sind.“

Zumindest ebenso besorgniserregend ist die steigende Inzidenz der multiresistenten Tuberkulose. Im Jahr 2015 erkrankten bereits 480 000 Patienten an einer gegen die zwei wichtigsten Tuberkulosemedikamente resistenten TBC. Insgesamt versterben jährlich 1,4 Millionen Menschen an Tuberkulose. Eine wichtige Frage zur multiresistenten TB konnte im vergangenen Jahr beantwortet werden. Bislang war unklar, ob sich die Resistenzen im betroffenen Patienten entwickeln, oder ob die Erreger bereits resistent übertragen werden. Eine rezente Studie zeigte nun, dass resistente Stämme bereits resistent verbreitet werden.1 Mittlerweile wisse man auch, so Bauer, dass es sich bei der Mehrzahl der in Europa auftretenden Fälle von multiresistenter TB um einen in China entstandenen Erregerstamm handle, der über Russland und die Ukraine seinen Weg nach Europa gefunden hat. Glücklicherweise sind Fälle multiresistenter Tuberkulose hier allerdings noch selten.

Flüchtlingswelle ist Herausforderung für Gesundheitswesen

Und das, obwohl die Fallzahlen in Deutschland aufgrund der aktuellen Migrationsbewegungen wieder gestiegen sind. Deutschland war und ist seit vielen Jahren ein Niedriginzidenzland für die Tuberkulose. Allerdings sind die Fallzahlen seit 2013 wieder steigend, 2015 wurden 29 Prozent mehr Fälle gemeldet als noch 2014. Insgesamt wurden 5.865 Tuberkuloseerkrankungen registriert, davon waren 196 Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren. Knapp drei Viertel (72,1 Prozent) der Neuerkrankungen traten dabei bei Personen auf, die nicht in Deutschland geboren sind. Die höchste Erkrankungsrate zeigte sich bei jungen Erwachsenen aus Somalia, Eritrea und Afghanistan und kann somit in Zusammenhang mit den gestiegenen Flüchtlingszahlen gesetzt werden. In diesen Ländern sind resistente Erregerstämme, so Bauer, glücklicherweise nicht häufig. Der Anteil an Patienten mit einer Multiresistenz betrug 3,3 Prozent aller in Deutschland gemeldeten Fälle im Jahr 2015 und ist damit seit einigen Jahren weitgehend gleichbleibend.
Der Anstieg der Fallzahlen durch die Flüchtlingswelle stellt dennoch eine große Herausforderung für das öffentliche Gesundheitswesen dar. Vor allem um Tuberkuloseausbrüche in Gemeinschaftsunterkünften zu vermeiden, führen die Gesundheitsämter verpflichtende Screening-Untersuchungen bei Flüchtlingen und Asylsuchenden durch. In den Unterkünften sind die Wohnverhältnisse sehr beengt, was die Übertragung der Tuberkulose vereinfacht. Eine Übertragung der Erkrankung auf die Allgemeinbevölkerung kommt nur in seltenen Fällen vor. Im vergangenen Jahr haben die Weltgesundheitsorganisation und die amerikanischen Fachgesellschaften aktualisierte Therapieempfehlungen herausgegeben. Koordiniert durch das DZK e.V. werden Mitte dieses Jahres auf die Situation in Deutschland angepasste Empfehlungen veröffentlicht, um den aktuellen Herausforderungen zu begegnen.

Auch in Österreich bleibt den Daten der AGES zufolge die Inzident mit 7,3/100.000 Einwohnern niedrig. Die Anzahl an jährlichen Neuerkrankungen ist von 1.007 Fällen im Jahr 2005 auf den niedrigsten jemals verzeichneten Wert von 583 im Jahr 2015 gesunken. 2016 wurde ein Anstieg auf insgesamt 644 Fälle verzeichnet. Diese Tatsache werde unter anderem durch die erhöhte Migrationsbewegung, teilweise aus TB-Hochinzidenzländern, der vergangenen zwei Jahre beeinflusst. Im Jahr 2016 wurden 14 Fälle von multiresistenter Tuberkulose diagnostiziert (2015: 11 Fälle) und zwei Fälle von extrem-resistenter Tuberkulose (2015: 1 Fall).2

Referenz:
1 Shah NS et al. Transmission of Extensively Drug-Resistant Tuberculosis in South Africa. N Engl J Med. 2017 Jan 19;376(3):243-253
2 Pressemeldung AGES, 33. 3. 2017

Quelle: Kongress-Pressekonferenz des 58. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) am 23. März 2017 in Stuttgart.

Von Reno Barth