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Was fehlt, wenn Tierisches fehlt

VEGANE ERNÄHRUNG: Um sicher zu gehen, dass die Kost den Bedarf an Nährstoffen auch wirklich abdeckt, sind eine ausführliche Ernährungsberatung und regelmäßige Kontrollen spezieller Laborparameter in der Gesundenuntersuchung empfehlenswert.(Medical Tribune 6/2017)

Wer sich vegan ernähren will, muss sich gründlich über diese Ernährungsform infomieren und mehr Zeit für das Kochen investieren.

Wer sich vegan ernähren will, muss sich gründlich über diese Ernährungsform infomieren und mehr Zeit für das Kochen investieren.

Wenngleich es mittlerweile Ratgeber und Kochbücher über vegane Ernährung fast schon wie Sand am Meer gibt, kommt es in der Praxis immer wieder vor, dass Veganer Nährstoffmängel entwickeln. Nicht selten rührt dies daher, dass sich jene Betroffenen zu wenig mit der gewählten Ernährungsform aus­einandersetzen. Das ist jedoch – gemeinsam mit der Bereitschaft, mehr Zeit für Kochen zu investieren – eine Grundvoraussetzung dafür, die vegane Ernährung ausgewogen zu gestalten.

Erhöhter Eiweißbedarf bei ­konsumierender Krankheit

Die wichtigste Maßnahme ist, dass Fleisch, Fisch, Eier und Milchprodukte nicht einfach weggelassen, sondern durch andere Eiweißquellen ersetzt werden. Das können beispielsweise Linsen, Bohnen, Sojaprodukte, Saitan und Getreideprodukte sein. Für gesunde Erwachsene bedeutet eine Umstellung auf die Pflanzenkost meist, dass sich die Eiweißaufnahme verringert. Das ist aber durchaus zu begrüßen, da der Verzehr an Eiweiß in der Allgemeinbevölkerung ohnedies über der empfohlenen Menge liegt. Bei erhöhtem Eiweißbedarf, insbesondere bei konsumierenden Erkrankungen (z.B. Krebs, Nierenersatztherapie) kann die vegane Kost diesen Bedarf ohne Supplementierung aber meist nicht ausreichend abdecken.

Mineralstoffe mit Sojadrinks aufpeppen

Besonderer Aufmerksamkeit bedürfen die Mineralstoffe Kalzium, Eisen, Zink, Selen und Jod. Da Milchprodukte als wichtigster Kalziumlieferant in der Ernährung wegfallen, kommt pflanzlichen Lebensmitteln wie Grüngemüse, Nüssen und kalzium­reichen Mineralwässern eine größere Bedeutung zu. Weil jedoch die benötigte Zufuhr an Kalzium mit diesen Lebensmitteln dennoch schwer zu erreichen ist, sollte zusätzlich zu angereicherten Lebensmitteln wie etwa Sojagetränken gegriffen werden.

Veganer haben nicht ­häufiger Eisenmangel

Überraschenderweise nehmen Veganer im Vergleich zu Mischköstlern sogar mehr Eisen durch die Nahrung auf, jedoch ist dieses pflanzliche Eisen im Darm deutlich schlechter resorbierbar. Deshalb sollten eisenreiche pflanzliche Lebensmittel gezielt mit Vitamin C kombiniert werden, um die Resorption zu erhöhen. Wenngleich es bei Veganern wie auch Vegetariern statistisch gesehen nicht häufiger zu Eisenmängeln kommt als bei Mischköstlern, bietet es sich dennoch an, regelmäßig den Status der Eisenversorgung zu erheben.

Die Zufuhr der Spurenelemente Zink und Selen kann ohne den Verzehr von tierischen Lebensmitteln problematisch werden. Um diese verringerte Aufnahme gezielt auszugleichen, sollte die Kost von Veganern reich an Nüssen, Samen und Vollkornprodukten sein. Die Versorgung mit Jod war bis zur Einführung von jodiertem Speisesalz generell ein Problem in der österreichischen Bevölkerung. Da durch den Verzicht auf tierische Lebensmittel wie beispielsweise Fisch die Aufnahme von Jod bei Veganern geringer ist, sollten unbedingt gezielt jodreiche Lebensmittel wie Algen verzehrt und Jodsalz verwendet werden. Dieser Hinweis ist ausgesprochen wichtig, da viele Veganer in Reformhäusern einkaufen, wo unjodiertes Speisesalz erhältlich ist.

Versorgung mit Vitaminen und Fetten

Wenngleich die Vitaminversorgung durch den hohen Verzehr von Obst und Gemüse bei Veganern generell sehr gut ist, gibt es zwei Vitamine, denen eine besondere Bedeutung zukommt: Vitamin B12 und D. Vitamin B12 ist in ausreichender Menge ausschließlich in tierischen Lebensmitteln enthalten. Die regelmäßige Einnahme eines pflanzlichen Vitamin-B12-Supplements ist daher für Veganer ein absolutes Muss. Wie in der Allgemeinbevölkerung ist die Versorgung mit Vitamin D proble­ma­tisch, da über die Wintermonate eine ausreichende Synthese von Vitamin D3 durch Sonnenlicht kaum erreicht wird.

Veganer nehmen zudem geringere Gehalte an Vitamin D2 über die Nahrung auf. Daher kann die Einnahme eines Vitamin-D3-Präparats zumindest im Winter günstig sein. Schließlich müssen Omega-3-Fettsäuren berücksichtigt werden. Diese können zwar aus anderen Fettsäuren im Körper zu einem gewissen Teil synthetisiert werden, Veganer sollten aber eher zu Beispiel Lein-, Soja- oder Raps­öl greifen.

Checkliste

Durch die folgende Liste kann mit gezielten Fragen und Untersuchungen eine geeignete Betreuung von Veganern erreicht werden. Eine Ernährungsberatung sollte immer durch qualifizierte Fachkräfte wie Diätologen (insbesondere bei Erkrankungen) oder Ernährungswissenschaftlern durchgeführt werden.

Erhebung des Gesundheitszustandes:

  • Liegt eine chronische, konsumierende Erkrankung (Krebs, Darmerkrankungen, Nierenerkrankungen, …) vor?
  • Ist der/die Betroffene im Wachstum oder im hohen Alten?
  • Ist die Betroffene in der Schwangerschaft oder Stillzeit?
  • Liegt eine augenscheinliche Unter- oder Mangelernährung vor?

Wenn eine Frage mit Ja beantwortet wird: Zuweisung zur Ernährungsberatung

Erhebung des Ernährungsverhaltens:

  • Ernährt sich der/die Betroffene vielfältig?
  • Werden täglich Hülsenfrüchte oder daraus hergestellte Produkte verzehrt?
  • Werden regelmäßig Nüsse, Samen und Vollkorngetreide verzehrt?
  • Wird herkömmliches (jodiertes) Speisesalz für den täglichen Gebrauch verwendet oder werden regelmäßig Algen verzehrt?

Wenn eine Frage mit Nein beantwortet wird: Zuweisung zur Ernährungsberatung

Erhebung der Supplementierung:

  • Wird regelmäßig ein Vitamin-B12-Päparat eingenommen?
  • Hält sich der/die Betroffene in den Sommermonaten viel im Freien auf?
  • Werden mit Kalzium angereicherte Lebensmittel verwendet bzw. wird ein Kalziumsupplement eingenommen?

Wenn nein:

  • Verordnung von Vitamin B12
  • Verordnung von Vitamin D3 bei laborgestütztem Nachweis eines Mangels ­(Einnahme insbesondere von Oktober bis März ratsam)
  • Empfehlung zur Verwendung von angereicherten Lebensmitteln
  • ggf. Zuweisung zur Ernährungsberatung

Erfassung des Ernährungszustandes anhand von Laborparametern (alle 1–2 Jahre):

  • großes Blutbild
  • Serum-Vitamin B12 und Holotranscobalamin
  • 25-OH-Vitamin D3 (idealerweise im Frühjahr)
  • Ferritin

Wenn nicht regelrecht: Verordnung von entsprechender Supplementierung und ggf. Zuweisung zur Ernährungsberatung

Tipps für werdende und stillende Mütter

Wenn schwangere oder stillende Frauen ihre vegane Ernährungsweise auch in diesen sensiblen Lebensphasen weiterführen möchten, stellt das für die medizinische Betreuung eine große Herausforderung dar. Denn einerseits sprechen sich die heimischen Fachgesellschaften ganz klar gegen eine rein pflanzliche Kost in diesen Phasen aus, andererseits benötigen Frauen, die dennoch dabei bleiben möchten, guten fachlichen Rat.

Generell bedeuten Schwangerschaft und Stillzeit einen Mehrbedarf an Nährstoffen. Ebenso ist eine gute Nährstoffversorgung für die Entwicklung des Kindes unerläss­lich. Dementsprechend muss neben einer sehr vielseitigen Ernährung auch an eine zusätzliche Supplementierung gedacht werden.

Unbedingt notwendig ist diese bei Folsäure (in der Schwangerschaft) und Vitamin B12. Darüber hinaus können je nach Versorgungslage Eisen- und Vitamin-D3-Präparate notwendig sein. Wenn nicht zusätzlich angereicherte Lebensmittel konsumiert werden, ist auch eine Einnahme von Supplementen mit Jod, langkettigen Omega-3-­Fettsäuren, Kalzium, Zink und Selen zu überlegen.

Zudem muss auch bedacht werden, dass Schwangerschaft und Stillzeit auch einen erhöhten Energie- und Eiweißbedarf bedeuten. Bei einer entsprechend guten Versorgung der Mutter ist auch zu erwarten, dass die Muttermilch alle notwenigen Substanzen für die Entwicklung des Kindes enthält und stets die beste Nahrung für den Säugling darstellt. Die einzigen Ausnahmen sind hierbei Vitamin K, Vitamin D und Fluorid, da diese auch bei gestillten Kindern von Mischköstlerinnen zusätzlich supplementiert werden müssen.

Für den Fall, dass nicht gestillt wird, sind Säuglingsanfangsnahrungen auf Sojabasis erhältlich. Jene werden jedoch in der Fachwelt kontrovers diskutiert, da die Wirkung der in Soja enthaltenen hormonähnlichen Isoflavone nicht gänzlich geklärt ist.

Die Beikost sollte laut den deutschsprachigen Fachgesellschaften nicht vegan gestaltet werden; wenn die Eltern dies dennoch wollen, müssen die Mahlzeiten ausgesprochen sorgfältig geplant sein.Grundsätzlich gilt, dass werdende und stillende Mütter sowie deren Kinder mit der veganen Ernährung dem Risiko einer Mangelversorgung ausgesetzt sind. Daher benötigen sie unbedingt eine umfassende Betreuung durch eine Ernährungsfachkraft und engmaschige Kontrollen der Ernährungsparameter.

Von: Johanna Lhotta