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Tirol: Medical School in der Warteschleife

Private Medizinuniversitäten in Österreich boomen. In Tirol soll eine auf regionale Bedürfnisse ­abzielende Medical School einem drohenden Ärztemangel abhelfen. Der Weg dazu ist jedoch steinig. (Medical Tribune 5/2017)

An Konzepten mangelt es – im Gegensatz zum medizinischen Nachwuchs – nicht. Die Umsetzung neuer Ausbildungsmodelle ist jedoch schwierig.

An Konzepten mangelt es – im Gegensatz zum medizinischen Nachwuchs – nicht. Die Umsetzung neuer Ausbildungsmodelle ist jedoch schwierig.

Tirols Gesundheitslandesrat DI Dr. Bernhard Tilg setzt bei seiner landeseigenen „Medical School“ zur Ärzteausbildung zunehmend auf das Prinzip Hoffnung. „Ich erwarte, dass die Absolventen zum Großteil in Tirol bleiben.“ Schließlich würde sich die Ausbildung voraussichtlich an Personen richten, die bereits in Tirol sozial integriert sind und sie würde sehr patienten- bzw. klinisch orientiert sein und nahe an den Spitalsträgern erfolgen. Die Hoffnung auf die Heimatverbundenheit der Absolventen ersetzt monetäre Überlegungen, die vermutlich rechtswidrig sind: Die ursprüngliche Idee hatte darin bestanden, heimischen Studenten ein Stipendium anzubieten, verbunden mit der Verpflichtung, dass die Betroffenen wenigstens ein paar Jahre in Tirol bleiben.

Inzwischen wurde diese Idee auf Eis gelegt, seit eine junge Ärztin das Land Südtirol beim EuGH verklagt hat. Sie hatte ein jährliches 25.000-Euro-Stipendium für ihr Medizinstudium vom Land Südtirol unter den skizzierten Bedingungen erhalten. Ihrer Klage auf eine unzulässige Einschränkung ihrer beruflichen Niederlassungsfreiheit geben Juristen gute Chancen.

Tilg hat vor einem Jahr Gutachten in Auftrag gegeben, die seine Medical-School-Pläne EU-rechtlich absichern sollten. Statt wie angekündigt im Herbst 2016 soll die vom Land Tirol eingesetzte „politische Steuerungsgruppe“ nun im kommenden Frühjahr über das Schicksal der Medical School entscheiden. Die Gutachten werden unter Verschluss gehalten.

Durchgesickert ist, dass eines der Gutachten empfiehlt, den regionalen Bedarf an Ärzten zu erheben und zu argumentieren, dass es zusätzliche Studienplätze brauche, um die Gesundheitsversorgung sicherzustellen. Eine  derartige Vorgangsweise wäre auch EU-rechtskonform. Tilg begründet seine Pläne mit rückläufigen Absolventenzahlen an der Medizinischen Universität Innsbruck (MUI). Dort ist die Zahl der österreichischen Absolventen zwischen 2009 und 2015 von 474 auf 275 und jener aus Tirol von 172 auf 81 gesunken.

Dr. med. light?

Die vielfache Kritik, Tirol wolle einen „Dr. med. light“ produzieren, sind von Anfang an Begleitmusik der Pläne. Die Kritik kommt aus der Ärztekammer, dem Universitätsrat der MUI und in abgeschwächter Form auch aus dem Rektorat der MUI. Dort will sich Rektorin Univ.-Prof. Dr. Helga Fritsch die Option zu einer Kooperation der MUI mit der Privatuniversität des Landes offen lassen, sofern die Medical School in ihrer Ausbildung Wissenschaftlichkeit und Forschungsorientierung ausreichend berücksichtigt.

Entschieden fällt die Kritik des Rektors der Medizinischen Universität Wien, Univ.-Prof. Dr. Markus Müller, aus, der von einem „auf handwerklichen Qualifikationen abzielenden Ausbildungskonzept“ spricht. Den Gedanken einer regionalen Verankerung der Ärzteausbildung hält Müller in einer globalisierten Welt für absurd, ein solcher werde weltweit nirgendwo sonst verfolgt. Tatsächlich gibt es in letzter Zeit einen regelrechten Boom an (projektierten) privaten Medizin-Unis.

Jüngstes Beispiel ist die Idee einer Medizin-Uni in Mürzzuschlag, wo von einer Kooperation mit einer ukrainischen Partneruniversität die Rede ist. „Es gibt in Österreich keine strategische Planung für Privatuniversitäten“, kritisiert Müller und betont, dass es keinen Bedarf an zusätzlichen Ausbildungskapazitäten gebe: „Wir bilden in Österreich genügend Mediziner aus. Das Problem ist, dass ein Drittel und mehr nach dem Studium Österreich verlässt, weil die Strukturen nicht mehr wettbewerbsfähig sind.“

Fragwürdige Akkreditierung

Der Vorwurf, ärztliche Handwerker ausbilden zu wollen, bringt Bernhard Tilg geradezu in Rage: „Das populistische Unwort ,Medizin light‘ wird von den Gegnern gestreut, um dieses Vorhaben madig zu machen.“ Die Qualität der Ausbildung werde sich zeigen, wenn sich die ersten Absolventen am Arbeitsmarkt bewähren. „Bis dahin müssen auch die Kritiker akzeptieren, dass die Akkreditierung durch die AQ Austria samt Qualitätssicherung für hohe Qualität in Lehre und Forschung steht.“ Dr. Achim Hopbach, Geschäftsführer der Agentur für Qualitätssicherung und Akkreditierung Austria (AQ Austria), weist die auch von Rektor Müller geäußerte Kritik, wonach bei der Akkreditierung nur formale Kriterien (wie das Verhältnis Lehrende zu Studierende) geprüft würden, zurück.

DI Dr. Bernhard Tilg Tiroler Landesrat für Gesundheit und Wissenschaft

DI Dr. Bernhard Tilg
Tiroler Landesrat für Gesundheit und Wissenschaft

„Es werden die Qualität der Ausstattung, die Qualifikation der Lehrenden und die angestrebte Forschungstätigkeit überprüft. Eine Privatuniversität ohne universitätsadäquate Forschungsleistung kann nicht akkreditiert werden.“
Müller widerspricht dieser Sichtweise, habe doch die AQ Austria selbst in ihrem Jahresbericht 2016 erklärt, dass sie im Zuge der Akkreditierung die Frage der Wissenschaftlichkeit nicht beurteilen könne. Ein vom Österreichischen Wissenschaftsrat unterstützter Vorschlag sieht vor, in einer ersten Phase nur eine vorläufige Zulassung auszusprechen und erst auf der Basis einer in der Praxis nachgewiesenen Weiterentwicklung, vor allem im Bereich der Forschung, die Zulassung als Universität zu gewähren.

Nach den geltenden Regeln mache es sich Tilg leicht, „weil er weiß, dass die AQ de facto kein Instrument hat, eine Akkreditierung zu verhindern“, so Müller. Der Tiroler Landtag hat kürzlich ein Doppelbudget 2017/18 beschlossen. „Da die Medical School erst nach 2018 voll operativ werden wird, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch kein Betriebsbudget im Landesbudget 2017/18 vorgesehen“, bekennt Tilg. Bei einer sechsjährigen Ausbildung würden die ersten Absolventen frühestens 2025 zur Verfügung stehen. Nach manchen Horrorszenarien ein Zeitpunkt, zu dem das Tiroler Gesundheitssystem längst zusammengebrochen sein sollte.

Von Hannes Schlosser