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Eine einzigartige Homöopathie-Debatte

MEINUNG – Debatten um die Homöopathie gibt es viele, die meisten sind erschreckend nutzlos. Als im März im AKH Prof. Michael Frass auf Kritiker Dr. Norbert Aust traf, war das in mehrerer Hinsicht etwas Besonderes. (ärztemagazin 7/17)

Mag. Jörg Wipplinger, MA Chef vom Dienst, ärztemagazin

Mag. Jörg Wipplinger, MA
Chef vom Dienst, ärztemagazin

Der deutsche Ingenieur Dr. Norbert Aust hatte sich in seinem Blog intensiv mit Studien zur Homöopathie beschäftigt und dabei auch welche von Prof. Frass kritisiert; offensichtlich auf eine Art, die dem Kritisierten konstruktiv erschien: „Noch nie hat jemand meine Studien so genau gelesen.“ Aus dem Austauch im Internet wurde ein persönlicher – und letztlich eine öffentliche Debatte über ausgewählte Studien zur Homöopathie, die im März im AKH in Wien stattfand.
Die Konzentration auf eine Studienkritik anstatt einer Pro/Contra-Debatte und die unaufgeregte Freundlichkeit der beiden Diskutanten schafften etwas, was in Homöopathiediskussionen für gewöhnlich nicht passiert: einen echten Austausch. Daher war es schade, wie wenig gefüllt der Hörsaal 5 blieb, vor allem deklarierte Gegner und Befürworter waren da, interessierte Studenten waren nur wenige anwesend.

Studien in der Kritik

Nach kurzen Eingangsstatements wurden insgesamt fünf Studien diskutiert, zwei Metaanalysen und drei Studien, an denen Frass beteiligt war. Letzteres war deutlich interessanter, denn einerseits sind die beiden Metaanalysen1, 2 nach heutigem Stand nicht die wesentlichen* und andererseits waren sich beide Diskutanten einig, dass diese Studien nicht die aussagekräftigsten sind. Frass und Aust gaben unisono an, keine Experten für Metaanalysen zu sein, ein weiterer Grund, warum eine Konzentration auf die Studien von Prof. Frass eventuell interessanter gewesen wäre. Bei diesen drei Studien trat Aust jeweils als Kritiker auf, Frass verteidigte die Methodik. Obwohl sich die beiden nicht abgesprochen hatten, wer genau welche Argumente präsentieren würde, passten die Statements gut zueinander; es war zu merken, dass sich die beiden bereits intensiv im Internet ausgetauscht hatten. Diese Form der Debatte erlaubte eine gewisse Tiefe in der Auseinandersetzung mit den Studien – was zumindest die Komplexität guter Methodik sichtbar macht. Die Wahl der Endpunkte, Messgrößen, Baselinevergleiche, Kategorisierungen und zahlreiche andere Parameter, die über die Aussagekraft einer Studie entscheiden, wurden anhand der drei Frass-Studien durchbesprochen. Hoch anzurechnen ist Prof. Frass, dass er bei einer Studie aufgrund der Kritik eine Neuauswertung vorgenommen und publiziert hat; genau das wäre es, was Wissenschaft ausmacht.

Take-Home-Message

Positives Fazit der Debatte: Unter Idealbedingungen können sich selbst diese beiden extrem weit auseinanderliegenden Standpunkte konstruktiv austauschen und Zuhörer können etwas über Studien lernen – was nie ein Fehler ist. Negativ hingegen ist, dass die Debatte eine falsche Ausgeglichenheit der Standpunkte vorgaukelt, einen Streit der Argumente auf Augenhöhe, der eben anhand von Studien geführt wird, wie zahlreiche andere Diskussionen in der wissenschaftlichen Medizin. Diese Augenhöhe ist trotz der Beliebtheit der Homöopathie schlicht nicht gegeben; wissenschaftlich gibt es weder bei der Interpretation der Evidenz, also der Studienlage insgesamt, noch vor dem gegebenen wissenschaftstheoretischen Hintergrund überhaupt eine Debatte um die Wirksamkeit: Dass homöopathische Mittel eine spezifische Wirkung entfalten, ist nicht plausibel und die Evidenz passt zu dieser Annahme.

* Das wäre am ehesten: NHMRC Information Paper: Evidence on the effectiveness of homeopathy for treating health conditions. 2015

Referenzen:
1 Shang A et al. Are the clinical effects of homoeopathy placebo effects? doi: 10.1016/S0140-6736(05)67177-2
2 Mathie, R. T., et al. R. placebo-controlled trials of ind. homeopathic treatment: doi: 10.1186/2046-4053-3-142

Von Mag. Jörg Wipplinger, MA