Medizin 4.0: Europa steht unter Zugzwang

Dr. iPhone, Olga und Prof. Watson – die digitale Revolution ist nicht aufzuhalten, Mediziner werden ihre Wissenshoheit verlieren. Umso wichtiger ist es, sich rasch damit zu arrangieren und den Wandel als Chance zu verstehen. Experten sehen Handlungsbedarf. (Medical Tribune 18/2017)

Die Digitalisierung eröffnet neue Möglichkeiten – die gilt es zu nutzen.
Die Digitalisierung eröffnet neue Möglichkeiten –
die gilt es zu nutzen.

Die Diagnose hochrangiger Experten aus dem Gesundheitssektor ist alarmierend: Sie bescheinigen diesem, in Sachen Digitalisierung der allgemeinen Entwicklung hinterherzuhinken. Das gilt insbesondere für Gesundheitseinrichtungen in Europa. „Die Auswirkungen der Digitalisierung sind in unserer Branche noch nicht angekommen“, gibt etwa Dr. Michael Heinisch offen zu. „Aber wir werden uns anpassen müssen.“ Der Geschäftsführer der Vinzenz Gruppe war einer der Teilnehmer einer hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion zu dem Thema auf dem Österreichischen Gesundheitswirtschaftskongress, der vor einigen Wochen in Wien über die Bühne gegangen ist. Der technische Fortschritt sei ohnehin nicht aufzuhalten. Maschinen werden immer mehr Daten messen, automatisch einspeisen und in der Folge wohl auch auswerten, so der einhellige Tenor.

„Die steigende Datenverfügbarkeit ist grundsätzlich etwas Positives“, ist Heinisch überzeugt. In der aktuellen Diskussion gehe es meist nur um Dinge wie ELGA, aber nicht um das große Ganze. Der Beruf des Arztes werde sich grundlegend verändern. „Der Arzt wird mehr zum Interpreten und Aussortierer von Daten und er wird sich mehr dem Menschen zuwenden. Emotionen sind auch ein guter Therapeut und das kann die Maschine nicht.“ Patienten werden sich auch immer mehr vernetzen und mit Leidensgenossen austauschen.

„Die Patienten werden zu Treibern des digitalen Wandels“, stellte Prof. Heinz Lohmann, der Präsident des Kongresses, fest und forderte auf diesem die Akteure der Gesundheitswirtschaft auf, den Modernitätsprozess tatkräftig voranzutreiben. Aktivität sei vonnöten. „Wer noch lange auf der Bremse steht, hat schon verloren.“ Die Digitalisierung habe die Gesundheitswirtschaft jetzt auch voll erfasst und werde die Branche in den nächsten Jahren grundlegend umkrempeln. Patienten würden in Zukunft nicht mehr akzeptieren, wenn Ärzte beispielsweise nicht in der Lage wären, ihre über Jahre gesammelten Vitaldaten auszulesen und in die Diagnose einzubeziehen. Auch Online-Terminvergabe und elektronische Datenübermittlung würden selbstverständlich erwartet.

Grenzen verschwinden

„Technologie ist nicht das Problem, sondern wie wir damit umgehen“, sagt Karl Lehner, Vorstand der Gespag – OÖ Gesundheits- und Spitals AG. Ein gutes Beispiel dafür ist die Verfügbarkeit von Daten: Menschen haben digital aufgerüstet und sammeln Vitaldaten, deren elektronische Übermittlung innerhalb des Gesundheitssystems ist natürlich sinnvoll, Krankheiten können frühzeitig erkannt werden. Freilich muss man damit verantwortungsvoll umgehen und dafür sorgen, dass diese Daten auch sicher sind. Lehner hebt wesentliche Punkte und Herausforderungen hervor: „Die digitale Vernetzung wird Grenzen der Organisation verschwinden lassen. Es wird ein digitaler Wissens-Tsunami kommen. Medizinisches Personal wird seine Wissenshoheit verlieren, ähnlich wie es IT-Spezialisten bereits ergangen ist.“

Heinisch appelliert an eben dieses Personal: „Die Leute müssen ihre neue Rolle annehmen. Sie stehen nicht in Konkurrenz zur Technik, sondern sollten diese nutzen. Das Personal wird zum medizinischen Begleiter.“ Und er gibt zu bedenken: Der Anfang und das Ende der Versorgung werden gleich bleiben – dort steht jeweils der Patient, am Ende in Kontakt mit dem Arzt. „Ich wünsche mir, dass der Patient mehr Eigenverantwortung übernimmt. Das könnte dem gesamten Gesundheits­wesen Schwung geben.“

„Ich sehe derzeit zwei Diskrepanzen: Auf der einen Seite haben wir den massiven technischen Fortschritt, auf der anderen Seite ist die Vernetzung problematisch“, meint Dr. Christian Heitmann, Partner und Leiter des Bereichs Health Care der Managementberatung zeb/rolfes.schierenbeck.associates. Gerade im Gesundheitsbereich. „Jeder bucht doch heutzutage seine Tickets für Flüge oder Bahnfahrten schon im Internet und auch in der Folge, etwa beim Check-in, läuft alles digital. Aber im Krankenhaus schaffen wir das nicht. Da werden Termine noch zu 99 Prozent telefonisch ausgemacht und dann auch noch alles analog aufgenommen.“

Zwischen Patienten und Krankenhaus gebe es keine digitale Connection, auch zum niedergelassenen Arzt gebe es eine Schnittstellenproblematik. „Oft scheitert es an den einfachsten Dingen, es gibt keine mobilen Endgeräte oder schlechtes WLAN“, gibt Heitmann zu bedenken. „Die Industrie schafft das besser – da ist das eine Selbstverständlichkeit.“ Immerhin: Österreich sei Deutschland dank ELGA etwa fünf Jahre voraus, erklärt der Deutsche geradezu neidisch: Das sei ein wichtiger Schritt in Richtung Datenaustausch. Man sollte diese freilich nicht nur abscannen, sondern gleich digital aufnehmen.

Müssen sich Ärzte fürchten vor neuer Konkurrenz, die die Branche revolutioniert? So wie Taxiunternehmer vor Uber? Natürlich entstehe durch neue Technologien auch neue Konkurrenz, wie etwa der Tele-Notarzt, aber man müsse die Herausforderungen annehmen. „Es wäre gut, sich zu bewegen“, rät der Experte. Wer sich jetzt nicht bewegt, werde am Ende alleine dastehen.

Der Stellvertretender Kaufmännischer Direktor des Universitätsklinikums Düsseldorf, Dipl. Kaufmann Thorsten Celary, hat aber auch eine gute Nachricht: „Der Gesundheitssektor ist die einzige Branche, wo der Mensch nicht ersetzt werden kann. Man muss sich an diverse Devices und Apps anpassen, aber letztendlich steht immer der Mensch im Mittelpunkt.“ Der Einstieg ins Gesundheitssystem erfolgt traditionell über Haus­ärzte. Das wird sich ändern: „Die Patienten werden in Zukunft schon mit eigenen Daten zum Arzt kommen“, so Celary. Elektronische Systeme und Datenbanken könnten Patienten schließlich auch zum Arzt oder Krankenhaus oder eben zu einer Primärversorgungseinheit lotsen. Das System könnte dadurch effizienter werden.

Keine Leerläufe

Letzteres gilt für den gesamten Spitalsbetrieb. OPs mit Sprachsteuerung, intelligente Software, die Verknüpfung von Devices – all das sorgt letztendlich dafür, dass Krankenhäuser wirtschaftlicher werden. Prof. Dr. Omid Abri, der Geschäftsführende Gesellschafter der Klinik für Minimal Invasive Chirurgie in Berlin, kann darüber einiges berichten. Er gilt als Pionier bei minimal­invasiver Chirurgie und Vorreiter in Sachen Digitalisierung. „Digitalisieren heißt, Dinge zu nutzen und Prozesse so zu gestalten, dass jede Sekunde gleiche Qualität hat.“ Dazu müsse man den Humanfaktor ausschalten. Der OP sei mit der gesamten Technologie der teuerste Platz im Krankenhaus, eine Minute koste 17,48 Euro. Deshalb gelte es, für eine optimale Auslastung zu sorgen und Zeit zu sparen. Die Gretchenfrage dabei lautet: „Wie kriege ich alle, Chirurgen, Patienten, Assistenten, möglichst schnell rein und wieder raus?“

Ein Beispiel aus der Praxis: „Wir operieren bei schummrigem Licht, für die Naht brauchen wir dann aber eine stärkere Beleuchtung. Das kann schon mal eine Minute dauern, wenn gerade keiner da ist, der sofort den Lichtschalter betätigen kann.“ In Abris Klinik funktioniert das mittlerweile sprachgesteuert: „Olga (so heißt der entsprechende Computer; Anm.) Licht“, ruft der Chirurg – und schon wird es hell. So etwas spart Zeit und damit Geld – und ist gleichzeitig auch gut für den Patienten, der weniger lang der Narkose ausgesetzt ist und dank anderer automatisierter Prozesse auch geringere Wartezeiten hat. Vor allem aber sei die Ergebnisqualität dank modernster Technologien hoch.

IT-Budgets zu niedrig

Darauf verweist auch der IBM-Manager Bart de Witte: „In gewissen Bereichen stellen Algorithmen genauere Prognosen als Ärzte, weil sie einfach viel mehr Daten auswerten können.“ (Siehe Interview) Wie immer spießt es sich am Geld. Denn, wenn Europa nicht ins Hintertreffen geraten will, muss schleunigst investiert werden. Derzeit sind die IT-Budgets im Gesundheitsbereich aber zu niedrig, darüber sind sich die Experten einig. Das Problem: „Investitionen in Beton sind einfach greifbarer als Investitionen in IT“, sagt Ce­lary. Lehner macht sich diesbezüglich weniger Sorgen und verweist auf die Geschichte: „Denken Sie nur an die Dampfmaschine, das Auto oder den PC – die Dinge sind gekommen und die Finanzierung war letztendlich nie in Diskussion.“

Lesen Sie hier ein Interview mit IBM-Manager Bart de Witte zum Talk über Künstliche Intelligenz.

Dieser Beitrag erschien auch im Printmagazin Medical Tribune