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Luftverschmutzung: Neue Daten, keine Entwarnung

Feinstaub, LungeDie europaweite Kohortenstudie ESCAPE soll belastbare Evidenz zu gesundheitlichen Risiken durch Luftverschmutzung in Europa schaffen. Erste Daten geben keinen Grund zur Beruhigung. Beispielsweise erhöhen Luftschadstoffe das Lungenkrebs-Risiko.

Im Rahmen der European Study of Cohorts for Air Pollution Effects (ESCAPE) werden bereits existierende Daten aus 22 Kohorten in ganz Europa genutzt, um eine möglichst verlässliche Abschätzung der gesundheitlichen Belastung durch Luftverschmutzung zu generieren. Mehrere europäische Forschungsteams analysieren dabei, inwiefern sich einzelne Bestandteile von Abgasen auf die Lungengesundheit auswirken. Die Daten werden dringend benötigt, zumal die heute geltenden Grenzwerte auf Langzeitstudien aus Nordamerika beruhen. „Dort herrschen andere Klimaverhältnisse und die Abgase durch Verkehr, Industrie und Hausbrände sind anders zusammengesetzt als hierzulande“, sagt dazu Prof. Dr. Martin Hetzel, Kongresspräsident des diesjährigen DGP-Kongresses in Stuttgart. Darüber hinaus wurden diese Studien zum Teil noch in den 1980er Jahren durchgeführt und sind daher nur eingeschränkt auf heutige Verhältnisse übertragbar. Diese Daten könnten deshalb nur sehr eingeschränkt auf europäische oder deutsche Verhältnisse übertragen werden.
Ergebnisse von ESCAPE wurden im Rahmen des Kongresses von Prof. Dr. Joachim Heinrich von der Ludwig Maximilians Universität in München vorgestellt. Heinrich weist in diesem Zusammenhang auf die wichtige Unterscheidung zwischen Kurzzeit- und Langzeitdaten hin, wobei gerade letztere in Europa rar sind. Gleichzeitig sei es jedoch extrem aufwändig, zur Gewinnung dieser Daten neue Langzeitkohorten zu starten, da man auf Ergebnisse mindestens zehn Jahre warten müsse. Dieses Problem löst ESCAPE elegant durch den Zugriff auf bereits laufende Kohorten und den Einsatz eines einheitliche exposure assessments. Dieses ermöglicht mit Hilfe eines Regressionsmodells, das beispielsweise Verkehrsbelastung und Industrieemissionen einbezieht, für jeden teilnehmenden Probanden die Schätzung der Schadstoffexposition an der Wohnadresse. Was dabei herauskam, ist, so Heinrich „das Beste, was wir an Daten für Gesamt-Europa zur Verfügung haben.“

Schadstoffbelastung auch unterhalb der Grenzwerte gesundheitsschädlich

Die Ergebnisse entsprechen nur zum Teil den Erwartungen. Sie zeigen, dass Luftschadstoffe (Feinstaub und NO2) erwartungsgemäß zu geringen, aber signifikanten Einschränkungen der Lungenfunktion führen. Neu ist hingegen der Nachweis einer konsistenten Erhöhung des Lungenkarzinom-Risikos durch Luftschadstoffe. Dieses ist in einigen der Kohorten sehr deutlich. So ergab die Auswertung bei gesunden Probanden, die einer erhöhten Konzentration von PM10-Feinstaub-Partikeln ausgesetzt waren, nach fast 13 Jahren Beobachtungszeit ein um 22 Prozent erhöhtes Lungenkrebs-Risiko. Ebenso konnte gezeigt werden, dass die Belastung durch verunreinigte Atemluft bei Kindern vermehrt zu Pneumonien führt. Im Gegensatz dazu konnte kein Effekt der Luftqualität auf die Mortalität gefunden werden. Auch wurden Patienten mit Asthma- oder COPD entgegen der Erwartungen nicht durch verunreinigte Luft beeinträchtigt. Heinrich sieht die Überlagerung durch den dominanten Risikofaktor Rauchen als mögliche Ursache dieses überraschenden Ergebnisses. Zur Rolle von Luftschadstoffen in der Entwicklung von Asthma sind die Daten nach wie vor inkonsistent.
Die DGP rät jedenfalls zur Vorsicht: „Auch Menschen mit bestehenden Lungen- oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen sollten Standorte mit hoher Feinstaubbelastung meiden, da die erkrankte Lunge eingeatmete Schadstoffe nur sehr schlecht rausfiltern kann“, so Kongresspräsident Prof. Dr. Matin Kohlhäufl. Freizeitsportler sollten in belasteten Regionen nicht trainieren, da die Lunge bei körperlicher Anstrengung vermehrt Schadstoffe aufnimmt. „Die Ergebnisse der ESCAPE-Studie erhärten den Verdacht, dass die Schadstoffbelastung hierzulande auch unterhalb der Grenzwerte gesundheitsschädlich ist“, sagt Kohlhäufl. Aus Sicht der DGP wären jedoch weitere Untersuchungen nötig, um die gesundheitlichen Risiken noch besser einschätzen zu können und wirkungsvolle Maßnahmen zur Feinstaub-Reduktion zu entwickeln.


Quelle: 58. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) am 23. März 2017 in Stuttgart.

Von Reno Barth