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„Homöopathie ist Arbeit am Einzelnen“

Im Gespräch mit medONLINE.at betonte Univ.-Prof. Dr. Michael Frass, dass er sowohl ein Vertreter der konventionellen Medizin als auch der Homöopathie ist. Er warnt vor unprofessionellen Anwendungen, die nicht auf soliden Diagnose basieren.

Univ.-Prof. Dr. Michael Frass ist Leiter der Spezialambulanz „Homöopathie bei malignen Erkrankungen“, Klinik für Innere Medizin I, AKH Wien

Univ.-Prof. Dr. Michael Frass,
Leiter der Spezialambulanz
„Homöopathie bei malignen Erkrankungen“,
Klinik für Innere Medizin I, AKH Wien

medONLINE.at: Wie beurteilen Sie die Lage der Homöopathie in Österreich?

Michael Frass: Grundsätzlich ist die Stimmung deshalb gut, weil die Patientinnen und Patienten sehen, was mit Homöopathie erreicht werden kann – und das überzeugt. Die Theorie ist für sie nur von sekundärer Bedeutung. Mehr als 50 Prozent aller ÖsterreicherInnen nehmen mindestens einmal jährlich Homöopathie in Anspruch. Die Qualität hängt davon ab, ob die homöopathische Behandlung professionell verschrieben wurde oder lediglich von den PatientInnen selbst nach einer Indikation eingenommen wird.
In der akademischen Welt ist nach wie vor eine große Skepsis zu vermerken. Allerdings nehmen auch viele meiner Kolleginnen und Kollegen regelmäßig homöopathische Hilfe in Anspruch.

Auf Basis welcher wissenschaftlichen Grundlagen werden homöopathische Behandlungen durchgeführt?

Im Gegensatz zur konventionellen Medizin werden die Prüfungen homöopathischer Arzneimittel am Gesunden durchgeführt. Man hält sich dabei an die Ähnlichkeitsregel, die besagt: „Ähnliches möge durch Ähnliches geheilt werden.“ Das bedeutet, dass die Symptome, die das Arzneimittel in stark verdünnter Form hervorruft, und die Symptome, die derPatient/die Patientin aufweist, möglichst übereinstimmen sollen.
Im Selbstversuch könnte man in stark verdünnter Form Tollkirsche zu sich nehmen und wird die Einflüsse auf die Größe der Pupille und die Herzfrequenz sehen. Dies entspricht auch den Symptomen, die im Rahmen eines Infektes auftreten.
Man könnte natürlich die Mittel auch nicht in der üblichen hohen Verdünnung einnehmen, sondern tiefere Potenzen anwenden. Hier muss man dabei aber darauf achten, dass es nicht zu Intoxikationen kommt.

Wie lassen sich die widersprüchlichen Studienergebnisse über die Wirksamkeit/Unwirksamkeit homöopathischer Mittel erklären?

Die Vorstellung, dass auch hochpotenzierte Medikamente, in denen rein rechnerisch keine Moleküle mehr enthalten sind, eingesetzt werden, führt natürlich oft zu einer intellektuellen Sperre. Für viele Menschen ist eine Wirkung unter diesen Umständen undenkbar.
Dass hier aber unterschiedliche physikalische Eigenschaften vorliegen, wissen wir seit den Arbeiten von Prof. Rey. Man muss auch sagen, dass die großen Metaanalysen wie von Kleijnen oder von Linde in den Schlussfolgerungen darauf hinweisen, dass Homöopathie offensichtlich mehr als Placebo kann. Eine große Studie aus dem Jahr 2005 im Lancet, die hohe Wellen schlug, zeigte allerdings, dass Homöopathie nicht mehr kann. Prof. Schuster (Statistiker) und ich haben eine genaue Nachanalyse gemacht und die Dateninterpretation hinterfragt. Dabei stellte sich heraus, dass die Studie zwar gut geplant war, dass aber die Ergebnisse nicht richtig interpretiert wurden und Homöopathie eben doch mehr kann als Placebo. Dies ist seit zwölf Jahren unbestritten.
Die berühmte „australische Studie“ war eine Regierungsvorlage, die in keinem seriösen wissenschaftlichen Journal publiziert wurde. Hier sind Anfängerfehler passiert, wie z. B. der Ausschluss von allen Studien mit weniger als 150 TeilnehmerInnen. Das ist statistisch unhaltbar. Somit kann diese „Studie“, die vor allem NichtkennerInnen beeindruckt, nicht halten.

Und worauf beruht die Wirkung homöopathischer Mittel?

Rein naturwissenschaftlich betrachtet weiß man nicht, wie die Homöopathie wirkt. Man kann nur sagen, dass sie wirksam ist. Doch auch in der konventionellen Medizin gibt es Präparate, von denen man zwar weiß, dass sie wirksam sind, deren Wirkmechanismus aber nicht zur Gänze erklären kann.
Ich vergleiche das mit einem Navigationsgerät: Ich möchte von Punkt A nach Punkt B gelangen. Ich weiß, dass ich richtig fahre, wenn ich vom Navigationsgerät an mein Ziel gelenkt werde, verstehe aber die Satellitennavigation an sich nicht. Es reicht, von Punkt A (Krankheit) zu Punkt B (Gesundheit) zu kommen. Für Menschen, die die sanfte Medizin mögen, ist das daher optimal.

Man muss sich die Homöopathie anders vorstellen, weil sie am Einzelnen arbeitet. Da es jeden Menschen nur ein einziges Mal in einer einzelnen Situation gibt, ist jede Arbeit am Einzelnen Wissenschaft.
Wichtig ist auch, dass in der Homöopathie keine Krankheit behandelt wird. Man behandelt kranke Menschen, die viele Symptome haben können. Dann bemüht man sich, diese zu einem einzigartigen Bild zusammenzufassen. Homöopathie ist, im Gegenteil zur konventionellen Medizin, eine qualitative Methode. Dadurch ist sie viel komplizierter festzumachen, denn Qualität lässt sich nicht genau definieren.
Für jemanden, der den Kontext nicht sehen kann, ist es unmöglich, die Homöopathie zu verstehen. Theoretisch geht das schon gar nicht, man muss sie anwenden. Es kommen einfach Dinge ins Spiel, die nicht messbar sind. Für Menschen, die Sicherheit brauchen, wird das kompliziert. Steht man über diesen Dingen, kann man Homöopathie annehmen. Es ist wie eine Beziehung, in der man sich auf den Partner verlassen muss – was gut oder schlecht ausgehen kann. Man kann den „Erfolg“ immer nur an qualitativen Parametern bewerten.
Ich verstehe die Kritiker: Wenn man den Durchblick einfach nicht hat und sagt, etwas muss so sein, ohne auf die Natur zu achten, dann kann man Homöopathie nicht verstehen.

Welche Vorteile ergeben sich durch homöopathische Behandlungen?

Diese sind mannigfaltig. Bei professioneller Anwendung wird der Stoffwechsel nicht beeinflusst. Sehr vorteilhaft ist auch, dass es keine Interaktionen mit konventionellen Präparaten gibt. Das ist natürlich besonders für PatientInnen wichtig, die schon eine Reihe konventioneller Mittel einnehmen.
Die Homöopathie ist schnell, sanft, kann sowohl bei akuten als auch bei chronischen Erkrankungen angewendet werden und ist kosteneffektiv.
In meinem klinischen Alltag kenne ich aber eigentlich kein Pro und Contra, sondern ein Miteinander. Geschichtlich gesehen wollten Menschen immer schon gegeneinander kämpfen und Argumentationen finden, warum der andere schlecht ist. Das hängt meistens mit Missverständnissen durch Sprachbarrieren zusammen. Bei der Homöopathie ist, das glaube ich, auch so: Menschen verstehen das nicht und müssen mit Statistik gegen Homöopathie ankämpfen. Ich weiß nicht, warum sie diese Verdrängungs- oder Auslöschungsgedanken haben. Ich bin ein Vertreter beider Seiten und befürworte ein Miteinander, das bei uns an der Klinik auch funktioniert.
Ich glaube, es ist jedem Homöopathen klar, dass es die konventionelle Medizin braucht.

Welche Rolle spielt Homöopathie bei der Behandlung maligner Erkrankungen?

Die Erfahrungen gehen dahin, dass man die Nebenwirkungen der Chemo-, Strahlen- und chirurgischen Therapie vermindert und dass man vor allem die Lebensqualität verbessert. Das könnte wiederum mit ein Grund für eine bessere Prognose sein.

Gibt es Limitationen für die Homöopathie, und kann sie auch gefährlich werden?

Eindeutig ist die Homöopathie nicht bei mechanischen Erkrankungen wie Frakturen oder mechanischen Darmverschlüssen indiziert. Wenn es dann aber darum geht, die Kallusbildung zu fördern oder postoperativ die Darmtätigkeiten wieder anzuregen, hat die Homöopathie wieder große Vorteile. Natürlich ist sie in vielen Fällen nicht als alleinige Methode gedacht. Ich verwende sie als begleitende Methode bei vielen KrebspatientInnen, die natürlich Chemo-, Strahlen- und/oder chirurgische Therapien haben.

Kann sie auch gefährlich werden?

Ja, es könnte dann gefährlich sein, wenn jemand, der suizidale Gedanken hat, durch ein nicht passend ausgelegtes homöopathisches Mittel eine Erstreaktion hat und sich dann umbringt.
Problematisch kann auch eine unprofessionelle Anwendung bei gleichzeitigem Ausbleiben der diagnostischen und/oder therapeutischen Vorteile der konventionellen Medizin werden. Jede/jeder HomöopathIn in Österreich muss zuerst untersuchen, ob es Veränderungen gibt, die einer konventionellen Behandlung bedürfen.

Haben Sie abschließend noch eine Botschaft, die Sie unseren Leserinnen und Lesern mitgeben möchten?

Ich würde mich über mehr Miteinander und weniger Aggression freuen. Man sollte sich auf die eigenen Sinne verlassen und den Einzelnen genau anschauen, nicht nur den Durchschnitt.
Mit auf den Weg möchte ich auch noch einen Gedankenanreiz zu den Studien geben. Ich mache immer einen Vergleich mit Autos: die einen fahren mit Diesel, die anderen mit Benzin. Obwohl beides Autos und beides Kraftstoffe sind, kann man nicht ohne Weiteres den Kraftstoff des einen für den anderen verwenden. Obwohl auch Studien, die für konventionelle Medizin entwickelt wurden, für Homöopathie nur bedingt geeignet sind, waren die Ergebnisse immer positiv.

Danke für das Gespräch!

Von Mag. Simone Peter