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Dr. Stelzl: Der Hausarzt – Mädchen für alles

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Auf meinem Kalender prangt ein wunderbarer Spruch: „Wenn du liebst, was du tust, dann wirst du in deinem Leben nie wieder arbeiten müssen.“ Dem konnte ich in den letzten Tagen nur zustimmen. Ein angenehmer Flow von Patienten, Anforderung, aber keine Überforderung, gute Gespräche, freundliche Menschen und eine in ihren Job verliebte Haus­ärztin. Idylle pur. Und Freude darüber, dass ich wahrscheinlich bis zu meinem achtzigsten Lebensjahr arbeiten muss, d.h. arbeiten darf. Irgendwie fast zu schön, um wahr zu sein. Aber heute bricht plötzlich nicht nur Regen über uns herein, sondern auch wieder der ganz normale Praxiswahnsinn. Inklusive Bedürfnis, bereits um zehn Uhr morgens schreiend aus dem Fenster zu springen.

Möglicherweise habe ich in letzter Zeit dieses Bedürfnis wiederholt geäußert. Bisher habe ich ihm aber noch nicht nachgegeben. Ich habe auch noch nicht in die Schreibtischplatte gebissen oder mit den Füßen aufgestampft. Im Moment fühle ich mich wie ein Kelomat mit kaputtem Ventil. Meine Arbeit mag ich immer noch genauso gerne wie gestern. Die meisten meiner Patienten auch. Aber im Gegensatz zu den letzten Tagen ist der heutige so richtig Schwerstarbeit. Schon die Vorsorgepatienten vor der Ordinationszeit sind zäh. Und kaum sind wir „offiziell anwesend“, ist Frau W. am Telefon. Die Gute leidet immer noch an ihrer Panikstörung und fährt immer noch mindestens einmal im Monat per Notarzt in die Klinik. In psychiatrischer Behandlung ist sie bei einem Professor in seiner Privatordi.

Heute ruft sie mich an und japst ins Telefon, wie schlecht es ihr schon wieder ginge. Der Druck auf ihrer Brust nimmt zu und das Herz rast. Objektiv gesehen ist der Blutdruck 140/90 und der Puls 65. Die Gute hat die Fähigkeit, mich durch Direktverschaltung irgendwelcher Spiegelneurone innerhalb kürzester Zeit in ihren Bann zu ziehen. Ich beginne solidarisch nach Luft zu schnappen und ein eisernes Band legt sich um meinen Thorax. Na jedenfalls lässt der Herr Professor für Psychia­trie der Hausärztin ausrichten, sie solle bei den „Barmherzigen Brüdern“ anrufen und ein Bett für die Dame besorgen. Und hat der Frau offenbar suggeriert, dass sie auf diese Art akut eines bekäme. Auf meine Frage, warum er nicht selber anruft, meint sie, dass er das nicht könne. Armer Kerl, da ist einer Professor für Psychiatrie und kann nicht telefonieren! Ich kriege natürlich kein Bett und statt der Brüder einigen wir uns auf ein Sanatorium. Dann suche ich ihr sämtliche Belegärzte aus dem Internet mit Namen und Telefonnummer, damit sie dort einchecken kann. Schließlich bin ich Hausarzt und Mädchen für alles.

D wie Dienstleister

Danach kommt eine Patientin nach Muttermalentfernung zur Befundbesprechung. Ich habe aber keinen Befund. Aber den kann ich ja anfordern. Dazu brauche ich nur einen kleinen Brief schreiben und selbigen faxen. Als Antwort kommt, dass der noch nicht fertig sei und ich in den nächsten Tagen immer wieder Anfragen schicken muss. Fein, hab ja sonst nix zu tun. Dazwischen gibt’s Stunk an der Rezeption, weil schon wieder einer nicht einsieht, dass er sein Rezept nicht telefonisch vorbestellen, und damit ohne Anstellen und E-Card-Stecken wieder aus der Ordi rauschen kann. Er will keinen Parkschein ausfüllen. Ich erkläre wieder einmal geduldig, warum meine Mitarbeiter schon in Telefonaten und Organisation ersticken und da einfach nicht noch mehr geht. Erwartungsgemäß ist das eher wurscht. Ich soll beim nächsten Mal das Rezept gefälligst schreiben und einfach im Gasthaus an der Ecke deponieren!

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Herr A. hat mir eine unleserliche Impfdokumentation aus seiner Kindheit gemailt. An meine Privatadresse. Ich habe höflich zurückgeschrieben, er möge einen Termin ausmachen und die Originalzettel mitbringen. Zehn Minuten vor Ordischluss steht seine Frau mit den Dingern in der Tür. Ohne Termin. Ja natürlich will sie, dass wir das jetzt durchgehen. Schließlich hat sie ja nur ein paar Fragen. Dass die Antworten Zeit, Aufmerksamkeit und Verfügbarkeit meinerseits erfordern und deshalb einen Termin, versteht sie nicht.

Als sie weg ist, checke ich noch mal meine Mails. Ein weiterer Patient, der seine Befunde gemailt hatte, antwortet auf meine freundliche Bitte, Befunde persönlich beim Ordinationsbesuch mitzunehmen, da der Papierkram so viel schwerer zu administrieren sei. Er schreibt, ich solle halt eine zusätzliche Kraft anstellen, dann ginge das schon. Zahlen Sie deren Gehalt? Die GKK tuts nämlich nicht.

Und nach Ende der Ordizeit, als wir gerade die Türe zusperren wollen, erscheint eine junge Dame, die nicht unsere Patientin ist. Sie braucht ein Malariamedikament und eine Beratung. Ich setze mich mit ihr hin und erläutere Einnahmemodus und Wechselwirkungen. Dann empfehle ich noch einige „Must-haves“ für die Reiseapotheke und stelle dementsprechende Rezepte aus. Da sie keinerlei sonstige Erkrankungen hat, nicht mal einen Schnupfen, muss ich ihr eine Privathonorarnote stellen. Ich erkläre, dass ich in ihrem Fall leider gar nichts habe, das ich mit der Kasse abrechnen könnte, und gebe ihr noch 30 Prozent Rabatt auf die Privatleistung. Natürlich ist es eine Frechheit, dass Rezeptschreiben und Beratung 20 Euro kosten. Aber mir reicht’s. Wer in den Urlaub fliegen kann, kann auch den Doktor zahlen. Dafür ist in meinem Postkasten eine Honorarnote eines Kliniklabors für Frau A. Der Hausarzt soll’s bezahlen oder den Betrag eintreiben!

Von: Dr. Ulrike Stelzl