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Allgemeinmedizin schreckt Junge ab

cartoon_arbeitBeim „Tag der ­Allgemeinmedizin“ brachte Johanna Zechmeister, Vorsitzende der ÖH Med Wien, auf den Punkt, warum ein großer Teil ihrer Generation trotz Ausbildungsreform nicht in die Allgemeinmedizin will. (Medical Tribune 4/2017)

Ihr Entschluss steht fest: „Ich möchte nicht in die Allgemeinmedizin“, sagt Johanna Zechmeister, Vorsitzende der ÖH Med Wien. Ursprünglich hätte sie „sehr gerne in die Allgemeinmedizin“ gehen wollen, berichtet die Medizin-Studierende, die kurz vor dem Abschluss steht. „Bis ich im letzten Studienjahr im Klinisch-Praktischen Jahr die Ausbildung gesehen habe, die man immer noch im Turnus macht – egal, ob Turnus alt oder neu – und mit der man nach vier Jahren nicht in der Lage ist, eine eigene Praxis aufzumachen, ohne fahrlässig zu handeln.“

Die Studentenvertreterin räumt zwar ein, dass in der Ausbildungsfrage „in  letzter Zeit sehr viel erreicht“ wurde, meint aber, dass die Ärzteausbildungsreform 2015 erst noch mit Leben erfüllt werden muss: „Es ist das eine, eine Ausbildung am Papier zu reformieren – es ist das andere, wirklich umzusetzen, dass sich die Lehrenden dafür interessieren, den Jungen etwas beizubringen.“ Als „schockierend“ bezeichnet sie den Umstand, „wenn bei der Turnusevaluierung rauskommt, dass man nach neun Monaten Basisausbildung zu 50 Prozent nicht Blutdruck einstellen kann – etwas, das man dort wirklich lernen sollte“.

Johanna Zechmeister Vorsitzende der ÖH Med Wien

Johanna Zechmeister
Vorsitzende der ÖH Med Wien

Sicherheit und Selbstbewusstsein soll angehenden Allgemeinmedizinern zwar die Lehrpraxis vermitteln, die ja seit der Ausbildungsreform für die Dauer von sechs Monaten verpflichtend ist; Sorge bereitet den Studierenden jedoch deren nach wie vor ungeregelte Bezahlung, wie Zechmeister erklärt. Kritik an der ungeklärten Finanzierung der Lehrpraxis übte im Rahmen der Diskussion auch Dr. Karlheinz Kornhäusl, Obmann der Bundessektion Turnusärzte der Österreichischen Ärztekammer, und betonte, dass es dabei österreichweit um den vergleichsweise geringen Betrag von acht Millionen Euro gehe.

Abschreckend für viele aus der jungen Generation wirkt auch die Tatsache, dass es keinen „Facharzt für Allgemeinmedizin“ gibt. Die Ärztekammer hatte ja im Zuge der Kompromisse rund um die Ausbildungsreform darauf verzichtet: Widerstand war nicht nur aus dem Ministerium gekommen, sondern auch von manchen Turnusärzte-Vertretern, die befürchtet hatten, dann volle 72 Monate als reine Systemerhalter dienen zu müssen. Die Folge: Auch wegen des höheren Prestiges ist für viele Jungmediziner die Facharzt-Laufbahn attraktiver. So befürchtet Zechmeister, als Allgemeinmedizinerin werde man von Kollegen „nur als die Überweisungsschreiberin angesehen“.

„Wir wollen nicht allein in einer Praxis sein“

Ein großes Anliegen der jungen Generation: „Wir wollen nicht mehr alleine in einer Praxis sein, sondern im Team arbeiten, gerne auch mit anderen Gesundheitsberufen zusammen. Es ist uns egal, ob das jetzt PHC oder Gruppenpraxis heißt, aber irgendwelche Modelle sollen geschaffen werden“, erklärt Zechmeister. Auch die Work-Life-Balance sei für die Ärzte von morgen ein wichtiges Thema: „Wir wollen sehr gute Arbeit leisten, aber nicht 80 Stunden in der Woche. Wir haben gerade in unserer Elterngeneration gesehen, was mit den Workaholics passiert.“

Kritik übt Zechmeister an der „schlechten Bezahlung“ von Allgemeinmedizinern in Österreich, sprach sich aber gleichzeitig klar gegen Hausapotheken aus: „Wir möchten keine Hausapotheke mehr, wir möchten eine Bezahlung, die fair und angemessen ist. Es kann nicht sein, dass wir nur dann ein Einkommen haben, von dem wir gut leben können, wenn wir Medikamente verkaufen.“ Auch die veraltete Leistungsabgeltung in der Allgemeinmedizin müsse reformiert werden, so Zechmeister: „Es gibt immer noch eine Krankenkasse, die den Aderlass mit Freilegung der Venen bezahlt, dafür werden viele andere Dinge nicht bezahlt.“

Von Zechmeister nicht ausdrücklich genannt, aber laut dem Meinungsforscher Dr. Peter Hajek ein wichtiger Punkt für viele Ärzte von morgen ist das Thema Selbstständigkeit. Bei einer vor einem Jahr durchgeführten Befragung unter Turnusärzten und Medizinstudierenden sei das „ein relativ großes Thema“ gewesen, berichtet Hajek: „Es gibt einige, die sagen: ,Ich würde schon unter Umständen in den niedergelassenen Bereich gehen, aber ich will nicht selbstständig sein.‘“

Überzeugungsarbeit für ihren Beruf könnten am besten die Allgemeinmediziner selbst leisten, meint Hajek: „Es gibt nichts Überzeugenderes als den Eins-zu-eins-Kontakt mit jemandem, der aus diesem Bereich kommt.“ Eine Möglichkeit dazu bieten theoretisch universitäre Praktika bei Allgemeinmedizinern. So könnten etwa im Klinisch-Praktischen Jahr bis zu vier Monate in einer Allgemeinmedizin-Praxis geleistet werden, doch auch hier fehle die Finanzierung, bedauert Zechmeister: „Im Krankenhaus wird es fast flächendeckend österreichweit bezahlt, beim Allgemeinmediziner nicht. Und es ist schon ein Unterschied für einen Studierenden, ob er im Monat 500 Euro hat oder nicht.“

Tag der Allgemeinmedizin / Hausarzt: ein ­Beruf mit Zukunft; Wien, Dezember 2016

Von Mag. Petra Vock