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„Ärzte sind keine Mangelverwalter“

Dr. Harald Mayer, Obmann der Bundeskurie angestellte Ärzte und Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer, im Exklusivinterview mit CliniCum-Chefredakteur Volkmar Weilguni über vermeintliche und tatsächliche Verlierer politischer Reformbemühungen, Anspruch und Wirklichkeit eines Datenmolochs namens ELGA und die Verzichtbarkeit einer eigenständigen Spartengewerkschaft. (CliniCum 1-2/17)

Foto: Barbara Krobath

CliniCum: Kaum haben sich die Aufregungen rund um die Arbeitszeitregelung NEU einigermaßen gelegt, droht neues Ungemach. Laut Kammer könnte die Politik zurückrudern und die befristeten Opt-out-Möglichkeiten zum „Dauerprovisorium“ machen – ein reales Szenario?

Mayer: Es ist eine Ungeheuerlichkeit, wie inkonsequent die Politik ist: Nachdem es 13 Jahre gebraucht hat, um in mühsamen Verhandlungen – und ich weiß, wovon ich rede – die EU-Arbeitszeitrichtlinie endlich umzusetzen, denken die Volksvertreter jetzt schon wieder darüber nach, das Gesetz mit seinem verpflichtenden, stufenweisen Abbau der Maximalarbeitszeit bis 2021 aufzuweichen und die als Übergangsregelung konzipierte Opt-out-Variante immerwährend fortzuschreiben, weil man glaubt, nicht ohne sie auszukommen.

Das scheint zwar auf den ersten Blick bequemer zu sein, als Lösungen zu erarbeiten, wie die zukünftige Versorgung unter den veränderten Rahmenbedingungen zu gestalten ist, wird aber auf Dauer nicht funktionieren. Da spielen die jungen Ärzte nicht mit. Aus Befragungen wissen wir, dass sie lieber über 38 als über 48 Wochenstunden diskutieren wollen. Eine 60-Stunden-Woche ist vor diesem Hintergrund nicht nur unzeitgemäß, sondern eigentlich lächerlich.

Was wollen die Jungen dann?

Sie wollen Arbeitsbedingungen, die es ihnen ermöglichen, wieder gerne zu arbeiten. Selbstverständlich brauchen wir angesichts von Arbeitszeitverteuerung und Ressourcenverknappung mehr Effizienz. Das Ausmaß muss für die Leistungserbringer aber erträglich bleiben. Effizienz ausschließlich zulasten der Ärzte wird die Ärzteflucht nur noch weiter vorantreiben und damit die bestehenden Ressourcenprobleme noch verschärfen. Es sei daher der Politik ins Stammbuch geschrieben: Sie hat die Aufgabe, Arbeitsbedingungen in unseren Krankenhäusern zu schaffen, damit Ärzte wieder gerne arbeiten, die Alten sich nicht frühzeitig geistig in die Pension verabschieden und die Jungen bleiben. Motivierte und zufriedene Ärzte sind die unverzichtbare Voraussetzung einer guten Patientenversorgung.

Angesichts der vor Kurzem im Parlament beschlossen 15aVereinbarung, die unter anderem eine Beschränkung der Kostensteigerung der Gesundheitsausgaben auf 3,2 Prozent festschreibt, warnen Sie immer wieder vor einem „Kaputtsparen“. Der Gesundheitsökonom Ernest Pichlbauer hat Ihnen daraufhin vorgeworfen, dem „Einsparungsmärchen“ der Kammer das Wort zu reden: Märchen oder reale Bedrohung?

Zugegeben, es ist keine Einsparung, sondern eine Kostendämpfung. Wenn man aber weiß, dass das System jährlich fünf bis sechs Prozent mehr Geld braucht, alleine um den Standard zu halten, man ihm aber nur 3,2 Prozent mehr zubilligt, dann kann sich das nicht ausgehen. Die Medizin hat sich aggressivst zum Vorteil des Patienten weiterentwickelt. Karzinome etwa, wo Betroffene vor 20 Jahren noch Lebenserwartungen von drei bis sechs Monaten gehabt haben, sind heute chronische Erkrankungen. Aber das kostet Geld. Wenn die Politik das nicht zahlen will, dann haben wir das zur Kenntnis zu nehmen. Dann aber soll sie das bitte auch offen sagen. Soll sagen, dass sie die Patienten mit ihren Karzinomen lieber wieder sterben lassen, wie damals in den späten 1980ern. Wir Ärzte übernehmen diesen Part nicht, stehen als Mangelverwalter ganz sicher nicht zur Verfügung. Die Folge einer solchen Politik ist die Zweiklassenmedizin. Sie wird kommen – und sie wird den Patienten auf den Kopf fallen. Die Ärzte werden sich zwar auch umstellen müssen, aber wir werden das schaffen.

Im Zusammenhang mit der zukünftigen Leistbarkeit des Systems haben Sie die aus Ihrer Sicht „hemmungslose Selbstzuweisung“ als „übertriebenen Luxus“ bezeichnet. Wie sieht ihr leistbarer Gegenvorschlag aus?

Gemeinsam mit der Bundeskurie niedergelassener Ärzte erarbeiten wir gerade ein Modell, wie der Weg des Patienten durch das System gestaltet werden soll. Es sieht für jeden Patienten einen Arzt seiner Wahl vor, der ihn dann durch das System lotst. Das werden in der Regel Allgemeinmediziner sein, je nach Alter und Gesundheitszustand kann es zum Beispiel aber auch ein Internist, Sportmediziner oder Gynäkologe sein. Diese Leistung muss natürlich entsprechend vergütet werden. Damit sind wir bei einem der ganz großen Problem im Kassenbereich gelandet: Die zentrale Bedeutung des ärztlichen Gesprächs ist zwar unbestritten, wird aber heute praktisch nicht honoriert. Das liegt wohl vor allem daran, dass es sich dabei um eine nicht messbare Leistung handelt. Und alles, was nicht messbar ist, wird ungern bezahlt, weil jeder Angst davor hat, er könnte damit eine Lawine lostreten.

Seit Jänner ist ELGA im klinischen Bereich nahezu flächendeckend operativ. Wird das „Reizthema“ damit 2017 an Reiz verlieren?

Es wird an Reiz gewinnen. Bisher ist in ELGA ja noch kaum etwas drinnen. Jetzt entsteht daraus langsam ein unbrauchbarer Datenmoloch, der täglich mit Tausenden pdf-Dokumenten gespeist wird. Weil dieser Moloch verfügt über keine vernünftige Suchfunktion. Frühestens 2018 soll der von uns geforderte Standard CDA-Level 3 (Anm.: Clinical Document Architecture) verfügbar sein. Alles, was bis dahin eingespeist wird, wird daher nie vernünftig abrufbar sein. Eine vernünftige Patientendatenspeicherung hat zweifellos etwas für sich, keine Frage. Aber wenn schon, dann bitte gescheit – oder eben gar nicht. Das ist kein technisches, sondern ein rein finanzielles Problem. Es ist aber keiner bereit, so viel Geld in die Hand zu nehmen.

Die Pflege hat ihre Ausbildung reformiert. Sehen Sie darin eine Chance, beim Thema Delegieren ärztlicher Tätigkeiten an die Pflege endlich weiterzukommen und damit die ärztlichen Ressourcen zu entlasten?

Wir haben jetzt schon einen mitverantwortlichen Bereich, der delegierbar ist. Leider wird das, was geduldig am Papier steht, vielerorts aber nicht gelebt, weil die Träger es nicht haben wollen. Da helfen auch zusätzliche Kompetenzen nichts. Daher wäre es erst einmal notwendig, die jetzt schon bestehenden Möglichkeiten endlich flächendeckend umzusetzen. Wenn wir das geschafft haben, können wir gerne über die nächsten Schritte reden. Die Sinnhaftigkeit der Ausbildungsreform will ich nicht kommentieren. Die Verantwortlichen in der Pflege werden sich etwas dabei gedacht haben. Ich befürchte nur, dass die Pflegequalität dadurch langfristig eher leiden wird, weil zukünftig viel mehr schlecht ausgebildete Pflegekräfte zur Patientenbetreuung herangezogen werden.

Kommen wir zur Ärzteausbildung in den Spitälern. Als größtes Manko bezeichnen Sie das Fehlen diesbezüglicher Zeitressourcen in den Dienstplänen der Fachärzte.

Wir erfahrenen Ärzte würden die Jungen wirklich gerne ausbilden. Ich glaube auch, dass wir es gut machen würden. Dazu brauchen wir aber Zeit. Ich kann Patienten schneller alleine untersuchen und behandeln als in Begleitung junger Kollegen. Denen muss ich ja erklären, was ich tue. Diese Zeit räumt man uns aber nicht ein. Nur weil sich damals niemand um unsere Ausbildung gekümmert hat, ist es sicher nicht opportun, das heute auch nicht zu tun. Die Jungen fordern zu Recht eine gute Ausbildung – und sie sind in der glücklichen Lage, sich diese auch holen zu können. Wenn nicht bei uns, dann eben anderswo, denn andere Länder sind uns da weit voraus. Das ist nicht nur ein personeller und fachlicher Aderlass, sondern auch ein finanzielles Debakel. Schließlich kostet ein Studienplatz den Steuerzahler etwa 400.000 Euro.

Die im Vorjahr gegründete Gewerkschaft für Spitalsärzte, Asklepios, will bei den kommenden Kammerwahlen in Wien antreten. Wie beurteilen Sie die Initiative?

Meiner Meinung nach brauchen wir keine eigene Gewerkschaft für Spitalsärzte. Die Kurie der angestellten Ärzte deckt alle gewerkschaftlichen Aufgaben ab, ist kollektivvertragsfähig, verhandelt Tarife etc. Wir fungieren de facto als eine Art Spartengewerkschaft, vergleichbar dem Marburger Bund in Deutschland –  mit dem Vor- oder Nachteil, je nach Sichtweise, einer Pflichtmitgliedschaft. Ich finde auch, wir machen das sehr gut. Wer diese Ansicht nicht teilt, der hat in Kürze die Möglichkeit, andere Kollegen zu wählen, die diese Aufgaben besser erledigen.

Das Gespräch führte Volkmar Weilguni