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Verständnis-Barrieren beseitigen

Bei der medizinischen Versorgung der Flüchtlinge dürfen die Mitarbeiter im Gesundheitswesen nicht mit den Herausforderungen alleingelassen werden, fordert die Plattform Patientensicherheit.

Verständigungsprobleme können dazu führen, dass Erkrankungen nicht erkannt und therapiert werden.

Verständigungsprobleme können dazu führen, dass Erkrankungen nicht erkannt und therapiert werden.

Knapp 90.000 Menschen haben im Vorjahr in Österreich Asyl beantragt. Eine der größten Herausforderungen bei der medizinischen Versorgung dieser neuen Patienten ist die Verständigung: Das Projekt Videodolmetschen werde zwar inzwischen von vielen Krankenanstalten genutzt, dennoch würden immer noch viele Institutionen ihre Mitarbeiter mit dem täglichen Problem allein lassen, bedauert die Medizinjuristin Dr. Maria Kletečka-Pulker, Geschäftsführerin der Plattform. Verständigungsschwierigkeiten sei­en auch ein potenzielles Haftungsrisiko für Mitarbeiter, warnt sie: „In manchen Fällen werden Patienten abgewiesen, weil sie ihre Behandlungsbedürftigkeit nicht ausreichend kommunizieren können. Das führte bereits mehrfach zu Haftungen der Krankenanstalten.“

Belastung äußert sich kulturell verschieden

Eine große Herausforderung sind auch die Traumatisierungen, die viele der Flüchtenden mitbringen: Zur Erfahrung von Verfolgung, Folter und Tod komme die aktuelle Belastung durch Trennungen und Gefahr für Familienangehörige, berichtet Univ.-Prof. Dr. Thomas Wenzel von der Klinischen Abteilung für Sozialpsychiatrie der Medizinischen Universität Wien: „Wenn etwa ein Patient von seinem fünfjährigen Sohn aus dem Kriegsgebiet in Nordsyrien angerufen wird: „Papa, warum hilfst du uns nicht?“

„Dabei beeinflussen kulturelle Faktoren, wie sich Belastung und Traumatisierung äußern und wie sinnvolle Hilfe aussehen kann“, erklärt Wenzel. So sei es etwa für Patienten aus Syrien oder Afghanistan typisch, dass der Ausdruck des Leidens über körperliche Symptome erfolgt, da psychiatrische Symptome stigmatisiert seien. Verschärft würden die Probleme durch das Fehlen eines in seiner Kapazität ausreichenden psychosozialen Programms, suboptimale Unterbringung und ein Unterangebot an passenden Therapieplätzen für besonders schwer belastete Flüchtlinge.

In diesem Zusammenhang bedauert Wenzel die fehlende Einbindung von Ärzten aus dem Herkunftsland: „Wir haben in Wien 180 syrische Ärzte.“ Wenzel würde sich eine Beschleunigung der Nostrifikation hierzulande wünschen, um eine Abwanderung der syrischen Kollegen nach Deutschland zu verhindern. Sobald ein Geflüchteter in Österreich einen Asylantrag gestellt hat, ist er zwar sozialversichert und kann grundsätzlich von einem niedergelassenen Kassenarzt behandelt werden – Asylwerber finden aber nicht leicht den Weg dahin.

Asyl-Unterkünfte von Ärztefunkdienst versorgt

Seit Anfang März werden daher in Wien Asylwerberunterkünfte ein- bis dreimal pro Woche tagsüber vom Ärztefunkdienst angefahren und die Patienten vor Ort versorgt. „Dieses Angebot wurde ins Leben gerufen, da die Hemmschwelle, niedergelassene Ärzte aufzusuchen, oft hoch ist und zulasten von Spitalsambulanzen geht“, informiert Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres, Präsident der Ärztekammer für Wien.

Wenn Flüchtlinge doch den Weg zum Hausarzt finden, so sollte dort auch Impfaufklärung stattfinden, wünscht sich Dr. Thomas Wochele-­Thoma, Ärztlicher Leiter der Caritas Wien und Co-Initiator der Hilfsinitiative „Medical Aid  for Refugees“. Im Rahmen der Erstuntersuchung werde zwar der Impfstatus erhoben und Impfungen angeboten, es scheitere aber häufig an der Sprachbarriere und am Zeitdruck, so Wochele-Thoma: „Für eine Impfaufklärung braucht es Ruhe, Verständnis und Vertrauen.“

Auch alle Hilfspersonen in der Flüchtlingshilfe sollten über einen ausreichenden Impfschutz verfügen, um Ausbreitungen von impfpräventablen Erkrankungen zu verhindern, betont Univ.-Prof. Dr. Ursula Wiedermann-Schmidt, PhD, MSc, Leiterin des Instituts für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin der Medizinischen Universität Wien. Die Impfempfehlungen dazu wurden seitens des BMG in Zusammenarbeit mit dem Nationalen Impfgremium zusätzlich zu den Empfehlungen im Österreichischen Impfplan formuliert. In diesem Zusammenhang verweist Wiedermann-Schmidt auch auf die kürzlich gestartete Impfinitiative „Geimpft – Geschützt – Sicher“(1), die Impfschutz beim Gesundheitspersonal sichtbar machen soll.

Situation, in die man Ärzte nicht bringen darf

Wochele-Thoma sorgt sich insbesondere auch um jene Flüchtlinge, „die nach der Obergrenze den Weg zu uns finden“. Aus medizinischer Sicht sei zu befürchten, „dass wir Menschen, die unsere Hilfe benötigen, nicht oder deutlich schwerer erreichen“. Außerdem hätten „österreichische Ärzte bisher Gott sei Dank keine Erfahrung in der Unterscheidung zwischen notwendigen Erste-Hilfe-Maßnahmen und darüber hinausgehenden Maßnahmen, die den sogenannten ,illegalen‘ Patienten verwehrt bleiben sollen“, so Wochele-Thoma. „Auf diesen ethisch fragwürdigen Entscheidungen, die kein Arzt treffen möchte, bleiben die Ärzte letztlich sitzen. Das ist eine Situation, in die man Ärzte eigentlich nicht bringen sollte.“

1) www.geimpftundsicher.at

Videodolmetscher
Das Videodolmetschen steht an sieben Tagen der Woche rund um die Uhr zur Verfügung. Innerhalb von 120 Sekunden können professionelle Dolmetscher in vielen Sprachen über eine sichere Leitung zugeschaltet werden, beispielsweise auch für Arabisch und Farsi.
Von Gruppenpraxen wird das Videodolmetschen bereits vereinzelt genutzt, von klassischen Hausärzten bisher noch nicht. „Wir sind in engen Verhandlungen auch mit der Ärztekammer. Ziel wäre, es auch dem niedergelassenen Bereich zur Verfügung zu stellen. Die Kosten wären aus meiner Sicht vom Gesundheits­system zu tragen“, sagt Dr. Maria Kletečka-Pulker.
www.videodolmetschen.at

Tagung „MitarbeiterInnen- und PatientInnensicherheit im Rahmen der Flüchtlingshilfe“ (Plattform Patientensicherheit, der MedUni Wien, der Ärztekammer für Wien und Medical Aid for Refugees); Wien, März 2016

Von Mag. Petra Vock