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Retschitzegger: Radikalität ­– gute Wurzel

Dr. Harald Retschitzegger Präsident der Österreichischen Palliativgesellschaft (OPG)

Dr. Harald Retschitzegger
Präsident der Österreichischen Palliativgesellschaft (OPG)

Meist hören wir von Radikalität im negativen Sinn – wenn jemand gewalttätig agiert oder etwas ohne Gefühl, gewaltvoll, abläuft. Dabei ist es die „radix“, die Wurzel, die dem Wort ihren Sinn und Ursprung gibt und gab. Radikal – von der Wurzel aus­gehend. Also können wir uns getrost auf eine radikale PatientInnenorientierung einlassen – den Ursprung der Medizin, der Heilkunde, der Heilkunst. Der Mensch als Quell und Ziel unserer therapeutischen und menschlichen Bemühungen. Es kann einen merklichen Unterschied machen, wenn nicht mehr Gewinnoptimierung und Kennzahlen im Vordergrund stehen, sondern wieder Patientinnen und Patienten diese Position einnehmen.

Oder betreiben wir radikale Kommunikation. Gespräche, die an die Wurzel heranreichen – den Kern menschlicher Beziehungen. Nicht im Leersprech- und Neusprechmodus, nicht im floskelhaften Pseudokommunizieren – sondern im echten Gespräch, in dem Menschen und ihre Hintergründe wahrgenommen, aktuelle Probleme und Leiden gesehen werden, und daraus ein empathischer gefühlvoller Umgang resultiert. Radikale Kommunikation also im besten Sinne des Spürens und Verstehens. Radikales Einfordern von Qualität – weil es um etwas Wichtiges geht. Um Menschen, ihre Behandlungsqualität, ihre Lebensqualität. Auch Unbequemes ansprechen, auf Missstände hinweisen, Fehlentwicklungen nicht einfach hinnehmen. Kolleginnen und Kollegen, die sich zu Wort melden, die ihre Meinung kundtun, um drohende gefährliche Entwicklungen aufzuzeigen.

Wenn man Buchtitel mit dem Begriff „Radikalität“ sucht, ergibt das eine nennenswerte Abfolge. „Die Radikalität des Alters“, „Die Radikalität des Herzens“, „Radikalität des Geistes“ bis hin zur „Radikalität des Friedens“. Beschreibungen und Wege, die weg führen von Totalitarismus, gewaltsamem Fundamentalismus und Destruktivität. Zurückkehren zu Wurzeln. Dort, wo nährstoffreiche Erde ist, wo Gutes keimen und sprossen kann. Radikale Menschlichkeit – in der Politik, in der Medizin, in der Kommunikation. Manches radikal neu denken, neu anfangen, neu machen – da könnte doch etwas Schönes wachsen!

Kommentar: Dr. Harald Retschitzegger, Präsident der Österreichischen Palliativ-gesellschaft (OPG)