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Rabmer-Koller: System muss effzienter werden

ILLUSTRATION: MATHISWORKS/ ISTOCKPHOTO.COMSeit wenigen Wochen ist die Vizepräsidentin der Österreichischen Wirtschaftskammer Mag. Ulrike Rabmer-Koller Vorsitzende des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger. MT versuchte im ersten Interview herauszufinden, was die erfahrene Managerin umtreibt.

Die Managerin eines Bauunternehmens wird Vorsitzende des Hauptverbands. Manche meinen, das ist durchaus symbolträchtig …

Rabmer-Koller: Ich weiß jetzt nicht, was Sie sich vorstellen (lacht). Aber es ist richtig, dass wir das Gebäude des Hauptverbands jetzt dringend sanieren müssen. Anders als leider vielfach geschrieben wurde, ist die Sozialversicherung für mich nichts Fremdes. Ich war zwölf Jahre lang Vizepräsidentin der Wirtschaftskammer für Oberösterreich und hatte in dieser Funktion immer wieder mit der Sozialversicherung zu tun.

Sie leiten in Oberösterreich ein Bauunternehmen mit sieben Firmen, sind Vizepräsidentin der Österreichischen Wirtschaftskammer und seit Kurzem Präsidentin der Europäischen Union des Handwerks und der Klein- und Mittelbetriebe. Was hat Sie bewogen, an die Spitze des Hauptverbands zu gehen?

Rabmer-Koller: Ich bin ein Mensch, der gerne etwas verändert und bewegt. In den zwölf Jahren als Interessensvertreterin habe ich immer Reformen eingefordert. An der Spitze des Hauptverbands habe ich nun die Möglichkeit, auch gestaltend tätig zu werden. Mir ist aber auch bewusst, dass ich alleine nichts bewegen kann. Ich sehe meine Stärken darin, konsensorientiert Lösungen zu finden.

Welche Werte bringen Sie mit?

Rabmer-Koller: Ich bin als Unternehmerin gewohnt, mit dem zur Verfügung stehenden Geld auszukommen und die Mittel effizient einzusetzen. Ich setze mir langfristige Ziele und setze sie gemeinsam mit dem Team um. Und es entspricht mir, nicht in Problemen zu denken, sondern in Lösungen.

Jetzt gilt der Hauptverband vielen als Inbegriff der Bürokratie …

Rabmer-Koller: Ich bin zwar erst wenige Wochen in meiner Funktion, aber von Bürokratie habe ich hier noch nichts bemerkt. Wenn Sie mit Ihrer Frage auf die Struktur der Sozialversicherung abzielen, habe ich eine klare Haltung dazu. Im Regierungsprogramm ist eine Effizienzstudie zur Sozialversicherung vorgesehen.

Mag. Ulrike Rabmer-Koller, Vorsitzende des Hauptverbands

Mag. Ulrike Rabmer-Koller, Vorsitzende des Hauptverbands

Ich bin jetzt gerade dabei, mit den zuständigen Regierungsmitgliedern die Details zu besprechen, damit diese Studie in Auftrag gegeben werden kann. Ich möchte sie international vergeben und ergebnisoffen gestalten, ohne Vorgabe in die eine oder andere Richtung. Ich bin als Unternehmerin gewohnt, aufgrund von Daten und Fakten Entscheidungen zu treffen.

 

Glauben Sie, dass Sie dann wirklich eine Entscheidung treffen können?

Rabmer-Koller: Natürlich kann ich eine Entscheidung nicht alleine treffen – da gibt es viele Player und Interessenslagen. Meine Funktion ist es, diese auszugleichen, sie an einen Tisch zu holen und gemeinsam nach einer Lösung zu suchen.

Sie sind in einem Machtdreieck aus Bund, Ländern und Sozialversicherung gelandet, dazu kommen noch die Interessensvertretungen der Arbeitgeber und -nehmer. Wie viele Wünsche sind denn in den vergangenen Wochen schon an Sie herangetragen worden?

Rabmer-Koller: Sehr viele … (lacht).  Aber mein Wunsch bzw. primäres Ziel ist es, mit den geleisteten Sozialversicherungsbeiträgen möglichst effizient umzugehen und eine flächendeckende Gesundheitsversorgung für alle Österreicher zu sichern.

Jetzt werden zunehmend Stimmen laut, dass das System nicht mehr nur aus den Beiträgen auf Löhne und Gehälter zu finanzieren ist.

Rabmer-Koller: Wir müssen uns das System genau anschauen und analysieren, wo wir im Gesamtsystem zu hohe Ausgaben haben und Leistungen auch neu bewerten müssen. Mit der Gesundheitsreform wurde schon definiert, wo anzusetzen ist. Und das gilt es jetzt auch umzusetzen. Die Verlagerung von Leistungen vom Spital in den niedergelassenen Bereich, von den Ambulanzen in die von der Sozialversicherung entwickelte, neue Primärversorgung ist ja ein wesentlicher Pfeiler der Gesundheitsreform.

Die Gesundheitsreform ist aber ein bisschen „eingeschlafen“ …

Rabmer-Koller: Davon kann keine Rede sein. Die Reform läuft und die Sozialversicherung verfolgt klare Ziele. Bund, Länder und Sozialversicherung haben das Prinzip „Geld folgt Leistung“ beschlossen. Das gehört jetzt umgesetzt. In der Sozialversicherung haben wir heute das Pro­blem, dass Leistungen bereits aus dem Spitalsbereich in den ambulanten Bereich verlagert wurden, das Geld aber nicht. Da brauchen wir mit dem Finanzausgleich 2016 entsprechende Maßnahmen.

Im Finanzausgleich hat die Sozialversicherung aber keine Parteienstellung.

Rabmer-Koller: Das ist richtig, das ist eine Sache von Bund und Ländern. Wir versuchen aber aufzuzeigen, was für die langfristige Finanzierung des ganzen Gesundheitssystems wichtig ist.

Ihr Heimatbundesland Oberösterreich wird immer wieder gerne als beispielhaft für ganz Österreich angepriesen. Was wollen sie gerne auf ganz Österreich umlegen?

Rabmer-Koller: In Oberösterreich sitzen die einzelnen Player an einen Tisch, suchen nach Lösungen und finden diese auch. Ich würde mir wünschen, dass wir das in ganz Österreich schaffen. Wir müssen aber auch bei der Leistungsharmonierung ansetzen. Es gibt bestimmte Themen, die müssen einheitlich geregelt und dann regional umgesetzt werden.

Dazu ein Satz, den Sie sicher kennen: „Die Krankenbehandlung muss ausreichend und zweckmäßig sein. Sie darf jedoch das Maß des Notwendigen nicht überschreiten.“ Was bedeutet „ausreichend und zweckmäßig“ in einem Gesundheitssystem und der Medizin des 21. Jahrhunderts?

Rabmer-Koller: Das ist natürlich ein Spagat. Wir müssen viel aktiver in der Bewusstseinsbildung und in der Prävention werden, damit die Menschen gar nicht mehr krank werden und künftige Ausgaben für diese Krankheiten verhindert oder reduziert werden können. Mir ist das Kinder- und Jugendalter besonders wichtig, hier werden die Grundlagen für das Verhalten im Erwachsenenalter gelegt. Nun gibt es den Mutter-Kind-Pass bis fünf Jahre und die Vorsorgeuntersuchung ab 18, dazwischen gibt es aber nichts.

Das heißt Sie wollen einen Kinder-/Jugendgesundheitspass?

Rabmer-Koller: Über einzelne Maßnahmen zu reden ist noch zu früh. Ich möchte hier mit den Playern ein Maßnahmenpaket ausarbeiten, wie gesundes Leben verankert werden kann.

Die Frage nach „ausreichend und zweckmäßig“ stellt sich v.a. bei neuen – machmal sehr teuren – Medikamenten.

Rabmer-Koller: Zunächst: Wir brauchen Innovationen gerade auch bei Medikamenten. Das sehen wir etwa bei der Hepatitis C. Durch die neuen Medikamente erspart man sich langwierige, teure Behandlungen in den Spitälern. Teure Medikamente müssen sorgsam und effizient eingesetzt werden. Mehrfachverschreibungen gehören verhindert, da ist die E-Medikation ein wichtiger Ansatz. Man muss den Menschen aber auch bewusst machen, was für einen Wert die Medikamente darstellen.

Eng verbunden mit den Medikamentenkosten ist der Rahmen-Pharmavertrag. Der ist noch nicht final unterschrieben?

Rabmer-Koller: Nein, aber er befindet sich im Rundlauf, da kann es sich nur mehr um Tage handeln.

Immer mehr junge Mediziner entscheiden sich nun dafür, freie Unternehmer zu sein, und bewerben sich gar nicht mehr um einen Kassenvertrag. Wie wollen Sie hier die Versorgung mit Ärzten sichern?

Rabmer-Koller: Es ist ganz wichtig, dass wir weiterhin flächendeckend Kassenärzte im niedergelassenen Bereich haben. Als Zusatz sehe ich die Primärversorgungszentren v.a. in den Ballungszentren. Diese sollen von Montag bis Freitag von 7 bis 19 Uhr als ganzheitliche Erstanlaufstelle und Erstversorgungsstelle für die Bevölkerung dienen – besetzt mit Allgemeinmedizinern und anderen medizinischen Berufen.

Bis Ende 2016 soll so aber erst ein Prozent der Bevölkerung versorgt werden, das wird nicht wirklich spürbar sein.

Rabmer-Koller: Wir brauchen jetzt einmal einheitliche Richtlinien, als Gesetz oder auch nicht, um schnell in die Umsetzung zu kommen. Dafür brauchen wir alle Beteiligten, da kann es nur eine gemeinsame Lösung geben.

Viele Ärzte haben Bedenken, dass durch das Hinausnehmen der PHCs aus dem Gesamtvertrag, deren Betreiber in Zukunft dem Monopolisten Krankenkassen alleine gegenüberstehen werden.

Rabmer-Koller: Ich kenne nur eine vage Punktation und schon gar keinen Gesetzesvorschlag. Was auch immer verhandelt wird, für mich ist es wichtig, den Patienten in den Mittelpunkt zu stellen und nicht die In­stitutionen. Das ganze System ist aber davon abhängig, dass sich junge Mediziner entscheiden, in diesem Kassensystem zu arbeiten. Was machen Sie diesen für ein Angebot? Rabmer-Koller: Ich sehe absolut nicht, dass unser Angebot an die Jungmediziner, Kassenarzt zu werden, so unattraktiv ist. Die Lehrpraxen sind sicher eine Möglichkeit, junge Mediziner für die Allgemeinmedizin zu gewinnen.

Da haben Länder und Sozialversicherung schon eine Finanzierung zugesagt, der Bund fehlt noch …

Rabmer-Koller: Ich gehe davon aus, dass wir relativ rasch eine gemeinsame Lösung haben werden, damit die Lehrpraxen ab Februar umgesetzt werden können.

Ärztekammer-Präsident Dr. Artur Wechselberger hat unlängst in einem Interview mit der Presse gemeint, die Zwei-Klassen-Medizin sei  im Gesetz sogar vorgegeben und an sich nichts Schlechtes. Müssen sich jetzt „nur sozialversicherte Patienten“ als Sozialfälle fühlen bzw. müssen sie davon ausgehen, in Zukunft mehr Geld für die Gesundheit in die Hand nehmen zu müssen?

Rabmer-Koller: Nein, 90 Prozent der Österreicher sind mit dem System zufrieden. Wir müssen aber schauen, dass wir bei gleicher Versorgung, das System effizienter gestalten, um es langfristig abzusichern. Wir müssen dafür sorgen, dass es keine Zwei-Klassen-Versorgung gibt und wir eine einheitliche Gesundheitsversorgung haben. Jeder, der eine Versorgung braucht, soll diese auch entsprechend bekommen.

Das Thema Wartezeiten bei MRT und CT war gerade ganz aktuell, als Sie die Funktion übernommen haben. Gibt es da schon eine Lösung?

Rabmer-Koller: Wir müssen die vorhandenen Geräte im stationären und niedergelassenen Bereich bestmöglich und effizient auslasten. Mir wäre es wichtig, ein Art Ampelsystem zu haben: Wenn eine Untersuchung ganz wichtig ist, wird diese gleich gemacht, weniger wichtige Untersuchungen werden nachgereiht.

Da sind sie ja als WKÖ-Vizepräsidentin gleich doppelt gefordert.

Rabmer-Koller: Ja, ich bin allen Beitragszahlern verantwortlich, und dabei sind die Unternehmerinnen und Unternehmer ganz wesentlich. Es müssen nicht nur die Institute, die Pharmaunternehmen oder die Hörgeräte-Akustiker ihren Betrag leisten, sondern das Gesamtsystem muss effizienter gestaltet werden.

Zur Person:
Mag. Ulrike Rabmer-Koller ist alleinige­ Gesellschafterin der in Altenberg bei Linz ansässigen  Rabmer Gruppe. Seit 2015 ist die Betriebswirtin zudem Vize­präsidentin der Wirtschaftskammer Österreich.

Interview: Mag. Silvia Jirsa