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Psychisch krank, (keine) I-Pension?

Ein Kernpunkt des „Minipakets“, auf das sich die Regierungsparteien am Pensionsgipfel ­vergangene Woche geeinigt haben, sind Änderungen bei Invaliditätspensionen und beim Rehabilitationsgeld.

Arbeitnehmer wagen meist nicht, sich frühzeitig Unterstützung zu holen.

Arbeitnehmer wagen meist nicht, sich frühzeitig Unterstützung zu holen.

Das Prinzip „Rehabilitation vor Pension“ soll forciert und die Zusammenarbeit von Pensionsversicherung, Krankenkassen und AMS intensiviert werden – das steht sinngemäß im Maßnahmenpaket für Invaliditätspensionen, auf das sich SPÖ und ÖVP geeinigt haben. Besser als bisher will man sich dabei auf psychische Krankheiten konzen­trieren. Um eine mögliche Berufsunfähigkeit frühzeitig zu erkennen, sollen Arbeitnehmer, die länger als 28 Tage im Krankenstand sind, gezielt von den Krankenkassen beraten werden.

Auch auf eine verbesserte Möglichkeit zur Wiedereingliederung in den Beruf nach langem Krankenstand will man setzen. Als besonders begrüßenswert aus gesundheitspolitischer Sicht bezeichnet Gesundheitsministerin Dr. Sabine Oberhauser ein Modell das ermöglicht, das Arbeitsausmaß auf 50 bis 75 Prozent zu reduzieren, während ein fiktives Krankengeld den Einkommensverlust ausgleicht.

Vorgezogene Pensionsform?

Dass insbesondere bei Invaliditätspensionen aufgrund psychischer Erkrankungen Handlungsbedarf besteht, bestätigt eine Studie des In­stituts für Höhere Studien (IHS). Sie zeigt einen deutlichen Anstieg dieser im Vergleich zu nicht-psychiatrischen Erkrankungen auf:

  • 26 Prozent der unbefristeten Invaliditätspensionen bei Männern und 48 Prozent bei Frauen haben psychische Ursachen. Von den befristeten Invaliditätspensionen (inkl. Rehabilitationsgeld-Bezieher) hingegen sind es bei den Männern 57 Prozent und bei den Frauen 69 Prozent.
  • Das Durchschnittsalter beim Antritt von psychisch bedingten unbefristeten Invaliditätspensionen lag 2014 bei Männern bei 55,2 Jahren (3,6 Jahre niedriger als bei anderen Krankheitsgruppen), und bei Frauen bei 52,7 Jahren (0,8 Jahre niedriger).

Studienautor Dr. Thomas Czypionka führt die große Bedeutung der Neuzuerkennungen der Invaliditätspensionen bei den Älteren als Begründung dafür an, dass sie auch als „vorgezogene Pensionsform“ genutzt wird. „Leider tritt ein Fünftel aller Personen aus der Arbeitslosigkeit, sowie weitere elf Prozent aus dem Krankengeld in die Pension über“, bestätigt Dr. Irene Kloimüller, Arbeitsmedizinerin und Psychotherapeutin in Wien. Unter den älteren Arbeitslosen findet sich weiters eine Gruppe, die zwar als arbeitsfähig eingestuft wird, aber so starke gesundheitliche Pro­bleme hat, dass sie laut Einschätzung der AMS-Berater de facto nicht vermittelbar sind.

„Die Arbeitswelt ist noch nicht gut genug gerüstet, um mit psychisch Erkrankten umzugehen“, folgert die Expertin. Insofern komme es vor allem bei älteren Frauen zu einer Verschiebung der Kranken in die Arbeitslosigkeit oder Invaliditäts-/Berufsunfähigkeitspensionen. „Allerdings muss man auch sagen, dass die Lebenserwartung psychisch Erkrankter mit anerkannter Invaliditätspension um über zehn Jahre gegenüber der Restbevölkerung verkürzt ist“, hält Kloimüller dem in der Öffentlichkeit teilweise verbreiteten Bild des Invaliditätspensionisten, der fröhlich sportelt, entgegen. Das seien Ausnahmen. Fazit ist für die Arbeitsmedizinerin: Betriebe müssten die Integration von Betroffenen viel früher und besser angehen: „Das bedeutet aber auch, dass Mitarbeiter sich, ohne stigmatisiert zu werden, früher Unterstützung holen können müssen.“

Regionale Unterschiede

Die IHS-Studie zeigt auch erhebliche Bundesländerunterschiede auf. Die meisten Rehabilitationsgeld-Zuerkennungen (neues Modell) pro 10.000 Einwohner gab es 2015 bei Frauen in der Steiermark – psychische Ursachen waren fünfmal häufiger als andere Krankheitsbilder. Auch bei Männern ist die Steiermark „Spitzenreiter“. Auf Platz zwei folgt Kärnten. „Die erheblichen Unterschiede dürften vor allem institutionell, nicht epidemiologisch bedingt sein“, sagt Studienautor Czypionka. Er zieht daraus u.a. den Schluss, dass es eine integrierte Versorgung und eine bessere Aus- bzw. Fortbildung für Allgemeinmediziner und Gutachter braucht.

„Der niedergelassene Arzt könnte eine Schlüsselfunktion in der Beratung von Erkrankten spielen – auch in Bezug auf Arbeitsfähigkeit. Dazu müsste man sicher Weiterbildungen anbieten“, sieht auch Kloimüller Verbesserungspotenzial. So brauche es etwa ein neues Management von Krankschreibung und Anamnesen, die die Arbeitssituation und Tätigkeiten der Patienten mitberücksichtigen. Dass es besser ausgebildete Gutachter braucht, kann Dr. Rudolf Pirich, stellvertretender Chefarzt der PVA, hingegen nicht bestätigen. „Die Begutachtung im psychiatrischen Bereich erfolgt ausnahmslos von Fachärzten für Psychiatrie“, stellt er klar. Für die Gutachter der PVA sei die Teilnahme an entsprechenden Fortbildungen verpflichtend.

Als wesentliche Faktoren für Bundesländerunterschiede sieht Pirich vielmehr länderspezifische Behandlungsstrukturen und die regionale wirtschaftliche Lage. „Für die Beantragung einer Invaliditäts-/Berufsunfähigkeitspension bei psychischen Erkrankungen sind, neben der Arbeitsplatz- bzw. Arbeitsmarktsituation, das gesellschaftliche Leben – also Belastungsfaktoren in Familie, Freizeit und beim Konsumverhalten – sowie die medizinische Betreuung maßgeblich“, ist ihm wichtig zu betonen: „Es bedarf der Optimierung bzw. Neuorientierung in all diesen Bereichen, um eine Trendumkehr zu bewirken, sodass es zu weniger Zuerkennungen einer Pensionsleistung kommen muss.“

Rehabilitationsmonitoring

Berufliche Rehabilitation sei wichtig und im Gange, sagt Kloimüller. Vorbild für das Modell der beruflichen Wiedereingliederung „Langzeitkranker“ – auf das sich die Regierungsparteien beim Pensionsgipfel geeinigt haben – sind die „Fit2work“-Betriebsberatungen. „Fit2work“ (www.fit2work.at) ist eine Initiative der Bundesregierung. Derzeit sind rund 400 Unternehmen im Programm. „Das Eingliederungsmanagement im Zuge der Betriebsberatungen zeigt, dass die Integration von Erkrankten gut gehen kann“, zieht die Arbeitsmedizinerin Bilanz. „Viele ‚Fit2work‘-Betriebe zahlen aus eigener Tasche die stufenweise Rückkehr von Mitarbeitern aus dem Krankenstand in den Job. Menschen kommen früher aus dem Krankenstand, wenn sie nicht gleich wieder 100 Prozent arbeiten müssen.“

Als zukunftsweisend wird darüber hinaus die Verknüpfung medizinisch-beruflicher Rehabilitation mit Betriebsanforderungen gesehen. „Auch in den Reha-Einrichtungen der PVA wird mittlerweile die Prüfung von beruflichen Rehabilitationsmaßnahmen im Rahmen des medizinischen Rehabilitationsprozesses zunehmend einbezogen“, hält Pirich fest. Richtungsweisende Erfahrungen stünden diesbezüglich aber noch aus. Beim Pensionsgipfel haben sich die Regierungsparteien auf ein Rehabilitationsmonitoring geeinigt. Zudem soll eine Studie berufliche Reha-Möglichkeiten analysieren, mit besonderem Augenmerk auf psychischen Erkrankungen.

Von Mag. Karin Martin