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„Probieren wir es doch!“

APOTHEKERVERBAND – Der neue Präsident Mag. Jürgen Rehak über seine Wurzeln, seine Ziele
und Pläne und was er unbedingt schaffen will – auch, wenn Wien nicht Vorarlberg ist. (Pharmaceutical Tribune 21/2016)

Herr Mag. Rehak, Sie sind seit vielen Jahren Apotheker und haben langjährige Erfahrung in der Politik. Zu wie viel Prozent sind Sie Apotheker, zu wie viel Politiker?

Rehak: „Ich wünsche mir, dass sich ein Gesundheitspolitiker einmal für vier Stunden in die Apotheke stellt, um zu sehen, was sich abspielt, und zu wissen, was die Menschen möchten.“

Rehak: „Ich wünsche mir, dass sich ein Gesundheitspolitiker einmal für vier Stunden in die Apotheke stellt, um zu sehen, was sich abspielt, und zu wissen, was die Menschen möchten.“

Ich bin Apotheker geworden, weil mich naturwissenschaftliche Zugänge immer interessiert haben und die Pharmazie viele Fächer vereint. Andererseits bin in einer politischen Familie aufgewachsen, bei uns wurde am Tisch oft politisiert und heftig diskutiert. Ich bringe daher ein großes Interesse an Politik mit und wollte nie irgendwo dabei sein, nur um dabei zu sein, sondern immer mitgestalten. Als Apotheker ist es mir dann genauso gegangen. Es lässt sich nicht trennen.

Waren Sie als Gründungsmitglied von „Die neuen Apotheker“ vom Wahlerfolg überrascht?

Ich habe schon daran geglaubt, dass wir gewinnen können – aber über das Ausmaß der Zustimmung war ich dann doch überrascht. Jetzt haben wir eine starke Position, das Ziel muss dennoch sein, dass alle zusammenarbeiten. Nur wenn wir möglichst am selben Strang ziehen, können wir erfolgreich sein.

Wie haben einmal gesagt: „Wir sind ein Berufsstand, der alte Traditionen und Werte pflegt und das ist gelegentlich auch hinderlich.“

Ich meine damit diese Haltung „Wir sind die Apotheker, uns braucht es, wir sind etabliert und haben das Recht dazu, dass es auch so bleibt.“ Das ist ein Selbstverständnis, das nicht alle mit uns teilen. Politiker, die tatsächlich die Weichen im System stellen, sind selbst keine Apothekenkunden, sie wissen nicht, was dort passiert und was sie einem großen Teil der Bevölkerung wegnehmen würden, wenn es keine Apotheken mehr gäbe. Immer vorausgesetzt natürlich, dass Apotheker einen guten Job machen: hochqualitativ, sehr nah am Kunden, serviceorientiert und zeitgemäß.

Wenn Sie sich die österreichische Gesundheitslandschaft ansehen, wo sehen Sie in der Zukunft die Apotheke positioniert?

Flächendeckende Arzneimittelversorgung ist der Basisjob. Darüber hinaus sehe ich die Apotheke als niedrigschwelligen Ansprechpartner für die Bevölkerung. Das Angebot an Gesundheitsleistungen und -informationen ist enorm. Viele kommen an authentische Information nicht mehr heran. In der Apotheke gibt es die Chance des persönlichen Gesprächs. Die Politik weiß nicht, wie stark das von der Bevölkerung in Anspruch genommen wird, und damit auch nicht, was verloren gehen würde. Unsere Aufgabe ist, der Politik das klarzumachen.

Ich wünsche mir, dass sich ein Gesundheitspolitiker einmal vier Stunden in eine Apotheke stellt, um zu sehen, was sich abspielt, zu wissen, was die Menschen möchten. Da sind Menschen dabei, die kommen einfach nur zum Sprechen – es gibt den Akademiker, der manchmal alles besser weiß, den Bauarbeiter, der eine völlig andere Vorstellung vom Gesundsein, Kranksein und vom Körper hat. Diese unterschiedlichen Niveaus unter einen Hut zu bringen, immer mit derselben Freundlichkeit und demselben Wunsch, was Gutes und was Richtiges zu tun, das ist unser Grundstock.

Welche weiteren Aufgaben hat die Apotheke der Zukunft?

Vorsorge ist ein Anliegen der gesamten Gesundheitspolitik und es muss auch eines der Apotheken sein. Aber wir müssen das gemeinsam mit den anderen Systempartnern angehen. Beim Projekt „10 Minuten für meine Lunge“ gibt es z.B. sehr kritische Meldungen aus ärztlichen Fachkreisen. Wenn wir etwas starten, wo wir wissen, dass es Widerstand in anderen Gruppierungen hervorrufen wird, dann machen wir uns von vornherein einen Teil des Erfolgs kaputt. Unser Ziel muss sein, etwas gemeinsam auf die Beine zu stellen, und es sollte etwas sein, was die Apotheke vor Ort auch wirklich spürt, z.B. neue Kunden, ein eindeutiger Image- und auch wirtschaftlicher Gewinn.

Aber auch der Kunde selbst muss konkreten Nutzen haben. Beratung ist das Einzige, wo wir ein Alleinstellungsmerkmal haben. Logistik können andere, auch Ware bestellen und ausliefern. Aber in der Beratung müssen wir uns unverzichtbar machen und das muss bei jeder Fortbildung berücksichtigt werden – mit einem fachlichen Teil und danach einem kommunikativen Teil, der genauso wichtig ist. In Vorarlberg haben wir mit dem Projekt „Qualität in der Beratung“ schon gute Erfahrungen gemacht.

Die wirtschaftliche Lage wird derzeit vor allem für kleinere Apotheken immer schwieriger – wo wollen Sie ansetzen?

Ich denke das Margensystem bringt uns zunehmend in die Bredouille. Der Mix aus vielen Arzneimitteln mit unterschiedlichen Aufschlägen, hat sich völlig in einen Bereich verschoben, wo zwar große Geldmengen umgesetzt werden, aber wenig Erträge bleiben. Im Kontext dieser Entwicklungen brauchen wir zur Stärkung der wirtschaftlichen Basis einen ernsthaften Diskurs mit der Sozialversicherung und der Gesundheitspolitik. Mit Plakataktionen, die oberflächlich agieren, holen wir uns nur Lacher. Wir müssen ehrlich und offen argumentieren und sagen, ihr wollt eine ordentliche Verteilung und eure Dienstleistung euren Versicherten zugutekommen lassen, dann müsst ihr uns auch leben lassen. Derzeit diskutieren wir als Forderung einen Mindestbetrag pro Packung in der Größenordnung von einer Rezeptgebühr.

Stichwort neue Dienstleistungen …

Da kann man durchaus einmal schauen, wie das die anderen angehen. Ich weiß schon, in Wien kommt es „besonders gut an“, wenn ein Vorarlberger sagt, schaut’s einmal in die Schweiz. Aber dort wird vieles ausprobiert. Es gibt dort schon lange Versandhandel, Apothekenketten, Versand durch Sozialversicherungen, selbst dispensierende Ärzte – also vieles, was der österreichische Apotheker wie den Teufel fürchtet. Der Schweizer Apothekerverband pharmaSuisse hat sich schon vor fünfzehn Jahren überlegt, wie man in diesem zunehmend schwierigeren Umfeld überleben kann. Mit dem Resultat, dass sie Projekte und Programme aufgestellt haben, die heute von der Politik akzeptiert sind und ihnen das Überleben gesichert haben. Beispielsweise können Apotheker seit April dieses Jahres in ausgewählten einfachen Indikationen Diagnosen stellen. Das darf man sich bei der österreichischen Ärzteschaft nicht einmal denken.

Wie wollen Sie Ärzte und Stakeholder ins Boot holen?

Reden, reden, reden – und sagen, probieren wir es doch! In der Schweiz sind z.B. gemeinsame Qualitätszirkel von Apothekern und Ärzten eine Basis.

Auch für Medikationsmanagement müssen Ärzte und Stakeholder gewonnen werden. Sehen Sie eine Chance?

Die gesellschaftliche Entwicklung zwingt uns, uns viel stärker mit Medikation, und wie sie tatsächlich erfolgt, auseinanderzusetzen. Wir brauchen Medikationsmanagement, wir müssen aber eine Form finden, wie man es implementieren kann. Man hat leider nicht vorher mit der Politik geredet, alle sind mit Begeisterung losgestürmt – ich verstehe das völlig –, aber die Umsetzungswahrscheinlichkeit wurde missachtet. Seitens des Hauptverbands ist man ja gar nicht dagegen. Ich glaube, wir sollten noch einmal den Versuch machen, die Politik, die Sozialversicherung und die Ärzteschaft vom Potenzial des Medikationsmanagements zu überzeugen.

Bei einer Enquete der Sozialversicherung des Hauptverbands wurde der Satz gesagt, wenn Sie sieben Wirkstoffe haben, beträgt die Wahrscheinlichkeit einer Interaktion neunzig Prozent, haben Sie neun Wirkstoffe, dann beträgt die Wahrscheinlichkeit, wegen Interaktionen einmal im Jahr ins Spital zu kommen, neunzig Prozent. Das sagt alles über die Nöte des Patienten und des Arztes. Ich glaube, dass ich überzeugen kann, auch wenn es manchmal mehrere Anläufe braucht. In Vorarlberg habe ich eine Gesprächsbasis mit Gesundheitspolitikern, wo es einfach nur eines Telefonats bedarf und ich weiß, dass es funktioniert. Man darf Vertrauen, das man irgendwann einmal bekommen hat, nicht verletzen.

Wird Ihre Amtsperiode ausreichen, um ein vergleichbares Netzwerk bundesweit aufzubauen?

Das weiß ich nicht (lacht).

In fünf Jahren werden Sie gefragt werden, welche Erfolge Sie als Verbandspräsident zu verzeichnen haben. Was möchten Sie da antworten können?

Diesen Verband wieder geeint zu haben, einen nachweisbar besseren Kontakt zur Politik geschaffen zu haben und einen möglichst großen Beitrag zur Verbesserung der wirtschaftlichen Basis der Apotheken geleistet zu haben. Das wären meine Ziele.

Danke für das Gespräch!

Zur Person
Mag. pharm. Jürgen Rehak aus Höchst am Bodensee ist Vater von zwei Kindern und seit 25 Jahren standespolitisch tätig, davon seit zehn Jahren als Präsident der Vorarlberger Apothekerkammer. Zwei Jahre lang war Rehak Vizepräsident der Österreichischen Apothekerkammer, im Apothekerverband war er rund zehn Jahre lang im Vorstand und einmal kurzzeitig Mitglied des Präsidiums.

Autor: Bettina Kammerer