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Dr. Stelzl: Meine Oma lässt grüßen

stelzl.180Ich habe meine Oma sehr lieb gehabt. Deshalb sollte es mich eigentlich nicht stören, dass ich ihr immer ähnlicher werde. Und damit meine ich jetzt nicht die X-Beine und die Krampfadern. Und auch nicht, dass meine Nase im Winter, wenn es kalt wird, ein sattes Violettrot bekommt. Oder ähnliche Äußerlichkeiten. Nein, ich meine, dass ich Oma im Verhalten immer ähnlicher werde. Wenn ich mit Pinserl und Fetzerl unter dem uralten Schreibtisch, den sie mir vererbt hat, herumkrieche, jeden geschnitzten Schnörkel einzeln bearbeite und mir dabei meinen Rücken verrenke, denke ich daran, wie ich früher mit ihr geschimpft hatte. Trotz Schmerzen und Bandscheibenvorfällen konnte sie es einfach nicht lassen, immer alles blitzblank zu putzen.

Also habe ich mich damit abgefunden, eines Tages so auszusehen wie Oma. Und auch damit, eines Tages so zwänglerisch ordnungsfanatisch zu sein wie sie. Die Tatsache, dass sie eine großartige Köchin war, hat sie mir leider nicht vererbt. Aber ansonsten entdecke ich immer mehr von ihr an mir und meinem Verhalten.

An ihr gestört hat mich, wenn sie darauf geschimpft hat, dass die Leute heutzutage keine Erziehung und keine Manieren hätten. Und über die „heutige Jugend“ zu mosern fand ich überhaupt letztklassig. Schließlich war ich damals Teil derselben. Und ich fand meinen Musikgeschmack natürlich absolut normal (ich hätte es ja verstanden bei meinem Bruder und seiner Vorliebe für „Heavy Metal“), fand, dass ich mich angemessen kleidete, und Manieren hatten wir sowieso erstklassige. Auch wenn Oma an ihnen durchaus immer wieder etwas auszusetzen fand.

Mir war völlig klar: Wenn ich einmal erwachsen und alt wäre, dann würde ich verständnisvoll und tolerant sein. Und nicht glauben, dass mein Wertesystem auch auf andere umzulegen wäre. Ich würde offen und voller Akzeptanz für anderes Benehmen sein. Und niemals würde ich solche Dinge von mir geben wie: „Die Jugend von heute!“ Oder: „Die Leute von heute“ usw. Na ja, damals hatte ich auch noch keine Krampfadern und keine violettrote Nase in der Winterkälte.

B wie Benimmregeln

Heute Morgen, als ich das Gebäude betrete, in dem meine Ordination liegt, begegne ich auf der Stiege drei Jugendlichen. Da ich auch in der Früh versuche, ein freundlicher Mensch zu sein, grüße ich laut und deutlich. Es kommt nicht einmal ein Grunzen aus den von Kapuzensweatern verhüllten Gesichtern. Eigentlich hätte mir das ja egal sein sollen. Schließlich will ich ja tolerant sein. Stattdessen aber meine ich zum Besten aller Ehemänner: „Nicht genug, dass die Gfraster nicht grüßen können, wenn sie einem Erwachsenen begegnen. Sie grüßen nicht einmal zurück wenn man als Erster grüßt!“ Na bravo, jetzt sehe ich nicht nur so aus wie meine Oma, jetzt klinge ich auch schon so. Wenn ich dann einmal sage: „Die Leute heutzutage haben keine Manieren mehr“, gebt mir bitte den Gnadenschuss.

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Aber irgendwie kann ich nicht raus aus meiner Haut. Oder ist es Omas Haut? Während des ganzen Vormittags stört es mich, wenn Patienten mich mit Frau Stelzl anreden statt mit Frau Doktor oder sich so in die Sessel lümmeln, dass ich merke, sie würden am liebsten auch noch ihre Füße auf meinem Schreibtisch parken. Ganz zu schweigen davon, dass ich mangelnde Körperhygiene als Respektlosigkeit der Umwelt gegenüber empfinde. Wenn ich jemanden nicht ansehen möchte, kann ich mich ja abwenden. Aber man ist wehrlos, wenn einem jemand seinen Geruch aufdrängt. Oder den Klingelton seines Handys inklusive darauffolgende 120 Dezibel-Unterhaltung über irgend­einen Schwachsinn. Oma wäre echt entrüstet gewesen. Und meine Toleranz reicht leider auch nicht.

Am mittleren Vormittag behandle ich einen grippigen Patienten. Ich frage normalerweise die Leute immer nach der „Droge ihrer Wahl“. Einer schwört auf Ibu, der andere auf Paracetamol und dieser auf Parkemed. Also empfehle ich ihm, drei Stück davon am Tag zu nehmen. „Ich kann ja net alle sechs Stunden ein Parkemed nehmen!“, entrüstet er sich. „Doch, denn die Halbwertszeit von dem Zeug ist nicht viel länger, und wir wollen ja eine gleichmäßige Bekämpfung der Kopf- und Gliederschmerzen. Und ich würde Ihnen auch einen Magenschutz dazu empfehlen.“

Ich frage, ob ich ihm noch ein Schachterl Parkemed verschreiben soll, und er bejaht. Beim Hinausgehen meint er dann: „Und den Magenschutz, den schreiben S’ mir auch noch auf.“ Ich lasse eine abwartende Pause. Es kommt nix. Es ist zwar ein großgewachsener Mann, der da vor mir steht, aber irgendwie bin ich versucht zu sagen: „Und wie heißt das Zauberwort mit den fünf Buchstaben?“ Ich verkneife es mir und reiche ihm das Rezept. Er bleibt wenigstens konsequent und bedankt sich auch nicht. Damit reiht er sich ein in die lange Schlange derer, die mir an einem ganz normalen Tag sagen: „Schreiben S’ ma des auf.“ „Des können S’ a noch gleich machen.“ „Geben S’ ma gleich das Rezept mit.“ Und so weiter. Ich glaube nicht, dass Opas Patienten so etwas zu ihm gesagt hätten. Aber ich fürchte, wenn ich sage: „Wie heißt denn nun das Zauberwort mit den fünf Buchstaben?“, kriege ich als Antwort: „Rasch!“

Kolumne: Dr. Ulrike Stelzl, Kassenärztin für Allgemeinmedizin in Graz